Der angeschlagene Technologiekonzern OC Oerlikon arbeitet seine Devestitionsliste ab: Nach Transaktionen im Optik- und Halbleiterbereich stösst Oerlikon nun - wie erwartet - sein Raumfahrtunternehmen Oerlikon Space ab (siehe «Handelszeitung» Nr. 15 vom 8. April 2009). Der Verkauf an den bundeseigenen Ruag-Konzern bringt der Oerlikon-Gruppe, die hoch verschuldet in die Wirtschaftskrise schlitterte und nun in Geldnöten steckt, rund 150 Mio Fr. in bar in die Firmenkasse. Space erzielte 2008 gut 100 Mio Fr. Umsatz und ist profitabel. Die Oerlikon-Gruppe dagegen hat einen Verlust von 422 Mio Fr. eingefahren und wird auch 2009 rote Zahlen schreiben.

Mit dem Verkauf von Space hat Oerlikon zwar einen weiteren Schritt hin zu einem fokussierten Konzernportfolio unternommen, doch abgeschlossen ist die Restrukturierung nicht. Ein nächster grosser Schritt wird der Verkauf der Textilmaschinensparte Oerlikon Textile sein (ehemals Saurer). Die Division setzt sich aus Firmen zusammen, die an völlig unterschiedlichen Positionen entlang der Textilwertschöpfungskette angesiedelt sind. Daher dürfte Oerlikon Textile kaum en bloc zu veräussern sein. Aus unternehmensnahen Kreisen ist zu hören, dass Oerlikon derzeit mit diversen Käufern im In- und Ausland verhandelt, dabei aber eine Schweizer Lösung bevorzugt. Die Chancen stehen gut, dass etablierte Schweizer Textilmaschinenhersteller die Gelegenheit jetzt nutzen, von der manche jahrzehntelang geträumt haben.

Wer kauft Oerlikon-Textile-Teile?

Als Hauptinteressent wird der Winterthurer Textilmaschinenbauer und Erzrivale Rieter gehandelt. Der Konzern befindet sich zwar ebenfalls in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, konnte sich aber dank der Investorengruppe um Michael Pieper und Peter Spuhler vor dem finanziellen Kollaps retten. Rieter könnte in der Nonwoven-Produktion Verstärkung gebrauchen, wo unter anderem Vliesstoffe für Hygieneartikel wie Windeln und Mundschutz hergestellt werden. Ein zweites attraktives Geschäftsfeld ist das Komponentengeschäft, das hohe Margen abwirft und nicht dem Investitionszyklus unterworfen ist.

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Als potenzieller Käufer für Oerlikon-Textile-Firmen gilt auch der Textilmaschinenbauer SSM, der zur Schweiter-Gruppe gehört. Am Markt ist es ein offenes Geheimnis, dass SSM schon seit Jahren Interesse an der Oerlikon-Textile-Tochter Schlafhorst hegt. Der Spulmaschinenhersteller ist Oerlikons Kronjuwel und hat seinen Preis. Für Schweiter, der über eine prall gefüllte Kriegskasse verfügt, ist das allerdings kein Problem.

Der Diepoldsauer Textilmaschinenhersteller Lässer dürfte ein Auge auf Oerlikons Stickmaschinengeschäft werfen. Ein Verkauf an Lässer könnte allerdings aus kartellrechtlichen Gründen schwierig werden, denn zusammen würden die beiden Unternehmen einen Weltmarktanteil von 90% halten. Dass Oerlikon das Textilgeschäft rasch abstossen kann, ist unwahrscheinlich: Die Märkte sind am Boden, für die technologisch hervorragend aufgestellten Firmen lassen sich derzeit kaum vernünftige Preise erzielen.

Fokus auf Bankgespräche

So richtet die Oerlikon-Führung ihren Fokus nun auf die Verhandlungen mit den Banken - es geht um die Absicherung von Millardenkrediten, die das Überleben von Oerlikon sichern sollen. Unternehmensnahen Kreisen zufolge sollen die Bankgespräche in den kommenden zwei Wochen erfolgreich abgeschlossen werden können. An der Börse feiern die gebeutelten Oerlikon-Investoren derweil jede noch so kleine positive Unternehmensnachricht mit Euphorie: Der Verkauf von Oerlikon Space an Ruag liess den Kurs der Oerlikon-Aktie in einem freundlichen Gesamtmarkt am Dienstag um zeitweise 7% auf über 67 Fr. in die Höhe schnellen.

 

 

nachgefragt


«Für viele war es eine Erlösung»

Der 53-jährige promovierte Chemiker ist seit 1. Juni 2009 CEO des Technologiekonzerns Ruag.

Sie haben einen spannenden ersten Arbeitstag bei Ruag erwischt: Am Dienstag haben Sie die Oerlikon-Space-Belegschaft auf Ihren Kurs eingeschworen. Hat das geklappt?

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Lukas Braunschweiler: Ja, die Stimmung war sehr gut. Für viele war es offensichtlich eine Erlösung, zu wissen, zu wem sie künftig gehören werden.

Wird Oerlikon Space restrukturiert?

Braunschweiler: Nein, die beiden Firmen ergänzen sich sehr gut, einschneidende Anpassungen dürften nicht nötig sein. Auch werden wir alle 380 Angestellten und das Management übernehmen.

Sehen Sie weitere Möglichkeiten für externes Wachstum?

Braunschweiler: Wir haben mit Saab Space und Oerlikon Space zwei grössere Akquisitionen innerhalb kürzester Zeit getätigt. Jetzt geht es darum, zu verdauen und das Geschäft weiterzuentwickeln.