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Nachhaltigkeit: Schöne Bilder allein reichen nicht

Immer mehr Unternehmen heben ihr ökologisches und soziales Engagement hervor ­ undpublizieren Nachhaltigkeitsberichte. Doch viele haben Mühe, ihre Tätigkeiten auch glaubwürdig zu machen.

Von Benita Vogel
am 24.09.2003

Orange hat im Juni ihren allerersten Sozialbericht veröffentlicht - auf rezykliertem Papier mit schönen Bildern, visionären Texten und ein paar Zahlen und Fakten. Die Telekomfirma folgt damit «dem Bedürfnis» ihrer Kunden. «Unsere Glaubwürdigkeit hätte sonst früher oder später gelitten», sagt Gianluca Galdenzi, der Leiter von Orange Corporate Social Responsibility. Ein Unternehmen könne es sich nicht erlauben, soziale Verantwortung und eine ethische Grundhaltung auf seine Flagge zu schreiben, aber nichts Konkretes dazu zu liefern. «Der Bericht wirkt als Committment», so Galdenzi. Die internen Strukturen für das Engagement müssen aber erst noch angepasst werden.

Orange ist nicht das einzige Unternehmen, das viel Mühe und Mittel investiert, sein soziales Engagement zu Papier zu bringen. Internationale Konzerne wie Starbucks, Chiquita, Shell oder Nestlé nutzen diesen Kommunikationskanal bereits seit langem.

Aktuelle Firmenstudie

In der Schweiz veröffentlichen sechs der 100 grössten Unternehmen einen Sozialbericht, 12 legen jährlich einen Umweltreport vor und 7 einen integrierten Nachhaltigkeitsbericht, in dem sie über ihr soziales, ökologisches und ökonomisches Engagement informieren. Dies hat eine aktuelle Studie über Nachhaltigkeitsberichterstattung der Schweizer Unternehmer der Fachhochschule Nordwestschweiz Aargau ergeben.

Doch mit einem Bericht inklusive schönen Bildern ist es nicht getan. Thomas Dyllick, Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Uni St.Gallen, hat nämlich feststellen müssen, dass «die Qualität der Berichte extrem unterschiedlich» sei. Schlecht sei es etwa, wenn Unternehmen die entscheidenden Probleme und heiklen Themen, von denen sie betroffen seien, nicht anschnitten, sondern nur über das Unwesentliche rapportierten (vgl. Interview).

Das Forschungsteam der Fachhochschule Nordwestschweiz hat mangelhafte Angaben vor allem bei Unternehmen festgestellt, die ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung auf den Geschäftsbericht beschränken. Schlecht abgeschnitten haben auch namhafte Unternehmen wie Rentenanstalt, Lindt & Sprüngli oder Raiffeisen (vgl. Tabelle).

Während man bei der Schokoladenfirma eher empört über das schlechte Abschneiden reagiert «und auch in Zukunft nichts an die grosse Glocke hängen will», so Sprecherin Sylvia Kälin, sind Raiffeisen-intern zumindest Diskussionen über die künftige Form der Nachhaltigkeits-Berichterstattung im Gang. Ein integrierter Nachhaltigkeitsreport ist aber auch von Raiffeisen in naher Zukunft nicht zu erwarten, wie der Leiter Öffentlichkeitsarbeit, Franz Würth, sagt.

Ohne treibende Kraft in der Geschäftsleitung scheint Nachhaltigkeit firmenintern oft nur schwer zum Thema zu werden. Die meisten der Unternehmen, die mit einem integrierten Nachhaltigkeitsbericht glänzen, haben das Engagement jedenfalls ihren Chefs zu verdanken. Die Basellandschaftliche Kantonalbank beispielsweise hat zu Beginn der 90er Jahre auf Geheiss des damals neuen Direktionspräsidenten und heutigen Präsidenten der Geschäftsleitung, Paul Nyffeler, ein Öko-Konzept entwickelt und es später um die soziale Komponente ergänzt.

Ähnlich liegt der Fall beim Zentralschweizer Weichkäseproduzenten Baer und bei Holcim. Beim Zementmulti gab neben dem Präsidium des World Business Councils for Sustainable Development von Ex-Chef Thomas Schmidheiny auch der hohe CO2-Ausstoss bei der Zementproduktion und damit ein externer Faktor den Ausschlag. Bei Holcim wie bei Baer sieht man in den Berichten vor allem den Vorteil, sich damit von der Konkurrenz abzuheben. «Wir können etwas bieten, was die französischen Grosskonzerne nicht können», sagt Armin Bugelnick, Baer-Geschäftsleitungsmitglied. Bei den Konsumenten sei das Engagement trotz jährlicher Berichterstattung aber noch kaum bekannt. Auch die Glaubwürdigkeit der nachhaltigen Tätigkeit ist durch die Reports alleine noch nicht gewährleistet. Zumal die meisten Unternehmen, mit Ausnahme von Baer, ihre Nachhaltigkeits-Berichte nicht extern auditieren lassen. «Wir können nur mit konkreten Resultaten überzeugen, das wissen wir», sagt Holcim-Sprecherin Barbara Dubach. Diese sollen im nächsten Nachhaltigkeitsbericht, dem zweiten von Holcim, enthalten sein, verspricht sie. Um die Glaubwürdigkeit zu steigern, will der Zementkonzern künftig auch einen «intensiven Dialog mit seinen Stakeholdern anstreben» und ein externes Audit einführen. Und auch die Manager sollen ein vitales Interesse am Nachhaltigkeitsengagement bekommen. «Die Nachhaltigkeits-Performance wird ab nächstem Jahr Bestandteil der individuellen Entlöhnung.» Ob der Zementkonzern dann auch nicht mehr mit Vorwürfen zu Schmiergeldzahlungen konfrontiert wird, wird sich weisen.

Zur Studie: Claus-Heinrich Daub, Rudolf Ergenzinger, Hector Schmassmann, Marion Weik: «Nachhaltigkeitsberichterstattung Schweizer Unternehmen 2002», edition gesowip, Basel, ISBN 3-906129-14-4.

Konferenz zum Thema

Die Stiftung Philias organisiert am 13. und 14. November 2003 in Genf die erste Schweizerische Konferenz zu Corporate Social Responsibility. Diese soll als Plattform zum Gedankenaustausch zwischen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft dienen. CEO, Politiker und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen werden zu Themen diskutieren wie beispielsweise Transparenz und Kommunikation imGeschäftsalltag oder Nutzen und Kosten der Implentierung vonCorporate Social Responsibility.

Weitere Informationen: www.philias.ch, conference@philias.org

Tops und Flops

Die Top Ten:

1. ABB

2. Novartis

3. Migros

SBB

5. Swisscom

6. Holcim

7. Bâloise

8. BL Kantonalbank

9. ZKB

Coop

Die Schlusslichter:

76. Kardex

75. Hero

73. Raiffeisen

(Swiss Dairy Food)

71. Rentenanstalt

Lindt & Sprüngli

67. Mövenpick

Sarna

Scintilla

Liebherr

65. Motor Columbus

Centerpulse

Diese firmen schnitten laut Studie beiihrer nachhaltigkeist-berichterstattungam besten bzw. am schlechtesten ab.

Quelle: Fachhochschule Nordwestschweiz

Nachgefragt: Thomas Dyllick

«Nachhaltigkeit muss in Produkten umgesetzt werden»

Thomas Dyllick, Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Uni St.Gallen, ortet Mängel beim Verständnis der Nachhaltigkeit. Die Situation habe sich verbessert, es fehlten aber Aussagen zur sozialen Verantwortung.

Immer mehr Unternehmen berichten über ihr Nachhaltigkeits-Engagement. Wird in der Praxis auch wirklich mehr getan? Allein die Tatsache, dass darüber berichtet wird, ist sehr positiv. Und es ist anzunehmen, dass nur diejenigen Unternehmen darüber informieren, die sich auch wirklich mit dem Thema beschäftigt haben. Doch die Berichterstattung allein sagt noch nichts darüber aus, ob ein Unternehmen auch wirklich Massnahmen getroffen hat.

Es kann sehr gute Umweltberichte geben von Firmen, die gar nichts Spektakuläres in diesem Bereich gemacht haben.

Mit konkreten Massnahmen stehen also die meisten Firmen noch am Anfang? Das Nachhaltigkeitsverständnis ist in der Wirtschaft immer noch vage. Der Fortschritt liegt heute im Bereich Managementsysteme: Viele Unternehmen sind erst so weit, dass sie erklären können, wie sie Nachhaltigkeitsprobleme lösen wollen, welche Leitbilder sie dafür verfasst haben und wie sie sich diesbezüglich organisiert haben. Einige Unternehmen haben zwar konkrete Massnahmen eingeleitet, es dauert aber länger, bis sie über erste Resultate berichten können. Zudem wird das Thema auch noch weit gehend eindimensional angegangen. Es dominieren nach wie vor Umweltberichte. Nachhaltigkeitsberichte, die ökonomische, ökologische und soziale Bereiche integriert betrachten, habe ich noch nicht häufig gesehen.

Woran liegt das? Nachhaltigkeit heisst in der betrieblichen Umsetzung noch immer Ökologie. Die soziale und gesellschaftliche Verantwortung ist viel weniger stark entwickelt. Im Gegensatz zum ökologischen gibt es im sozialen Bereich noch kein detailliertes Rechtssystem und kaum Normierungen. Überdies fehlen klare Anhaltspunkte, was überhaupt alles zu einem «sozialen Engagement» gehört. Denn die öffentlichen Diskussionen haben hier viel später begonnen. So gibt es viele «neue» soziale Themen wie zum Beispiel Kinderarbeit oder Menschenrechte, die noch zu oberflächlich behandelt werden. Der äussere Druck von Nichtregierungsorganisationen und anderen Gruppierungen ist im Gesellschaftlichen noch nicht stark genug.

Ist der vorläufige Misserfolg des Shareholder-Value-Ansatzes eine Chance für die Nachhaltigkeit? Ja, auf jeden Fall. Das Shareholder-Value-Denken läuft dem Nachhaltigkeitsprinzip völlig entgegen und hat ihm auch stark geschadet. Die Unternehmen hatten sich von der Gesellschaft entfremdet. Heute stehen nicht mehr nur kurzfristige finanzielle Ziele im Vordergrund. Die Unternehmen besinnen sich wieder darauf, dass sie in einer nationalen und lokalen Umgebung eingebettet sind.

Gibt es denn bereits sichtbare Resultate, die diesen Trend bestätigen? Wie erwähnt geben sich immer mehr Firmen Leitbilder und berichten über Nachhaltigkeit. Die positive Entwicklung lässt sich aber auch an einer «neuen» Generation von Führungskräften ablesen. Ein Rolf Dörig hätte noch vor ein paar Jahren keine Chance gehabt, Chef der Rentenanstalt zu werden ­ er vertritt eben nicht eindimensional die Shareholder, sondern auch die anderen Anspruchsgruppen.

Nachhaltigkeit in die Strategie aufzunehmen und ein Leitbild zu verfassen ­ das darf doch aber noch nicht genügen? Nein, das reicht nicht. Die Bemühungen dürfen nicht bei derImagepflege stehen bleiben. DieNachhaltigkeit muss die Basis von Geschäftskonzepten sein und in Produkten am Markt umgesetzt werden. Ein Beispiel dafür ist etwa das Mobility-Carsharing.

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