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Nahrin: Kein Ärger mehr mit Parkplatzsuche

Die Obwaldner Lebensmittelherstellerin gehört zu den grössten Direktverkaufsunternehmen der Schweiz. Für Geschäftsleiter Michel Jüstrich hat diese Vertriebsform mehr Zukunft als je zuvor.

Von Mélanie Rietmann
am 10.11.2004

Vor wenigen Jahren haben Marketing-Gurus dem Haus-zu-Haus-Verkauf einen sicheren Exitus bescheinigt. Event-Warenhäuser, Online-Shopping und trendige Läden, welche rund um die Uhr offen sind, waren angesagt. Das alles hat CEO Michel Jüstrich kalt gelassen. «Wir wussten genau, dass wir auf dem richtigen Weg sind.» Heute gehören über 250000 Schweizer Haushaltungen zu den Nahrin-Kunden. «Pro Jahr werden mehr als 340000 Pakete versandt. Im Zeitalter der Entpersonifizierung in den Läden ist das unsere grosse Chance», sagt er. Ein bisschen Stolz schwingt schon mit, wenn der sonst bescheiden auftretende CEO von Nahrin diese Zahlen nennt.

Am meisten freut ihn ganz offensichtlich, dass sein Unternehmen bereits vor 50 Jahren einen Weg beschritten hat, der heute beinahe zu einem Trampelpfad geworden ist: Von Anfang an hat Nahrin darauf gesetzt, dass das Sortiment möglichst salzarm, fett- und zuckerfrei ist. Auch das Angebot für Diabetiker und Allergiker wird immer grösser.

Die Rede ist von Bouillons, Suppen, Saucen, Gewürzmischungen, Desserts und von so genannten Nahrungsmittelergänzungen wie Vitamine und Mineralien. «Es gab noch nie so viele Menschen, die genau das wollen», freut sich Jüstrich. Und es gab auch noch nie so viele Kundinnen und Kunden, welche das persönliche Gespräch schätzen. Wer berufstätig ist, kann das vielleicht weniger verstehen ­ einen Berater, den man als eher «lästig» empfindet, wenn die Zeit zum Zuhören knapp ist.

Michel Jüstrich wird keineswegs böse, wenn ihm das erklärt wird. «Es gibt immer noch genug treue und potenzielle Kundinnen und Kunden, welche nicht so urteilen. Im Gegenteil. Ihre Zahl ist in den letzten Jahren ständig gestiegen. Und sogar berufstätige Frauen haben erkannt, dass der Nahrin-Berater letztlich ihre Zeit spart, die sie allenfalls in der Warteschlange im Supermarkt oder bei der Suche nach einem Parkplatz vertrödeln», sagt er.

400 Kundenkontakte pro Tag

Seine Zuversicht ist nicht gespielt. Noch nie war der Wunsch nach einer gesunden Ernährung so gross wie heute, dazu gibt es unzählige Untersuchungen und Meinungsumfragen. Das haben auch grosse Konzerne wie Nestlé entdeckt. «Die Korrelation zwischen einer immer wohlhabenderen Bevölkerung und ihrem Anspruch, möglichst gesund und lange zu leben, wird immer grösser», so Michel Jüstrich. Seine 180 Aussendienstmitarbeitenden sind ständig auf Achse und verkaufen Gesundheit, heute natürlich Wellness genannt. «Das sind mindestens 400 Kundenkontakte pro Tag», rechnet er vor. «Allein im Jahr 2003 konnte der Umsatz auf hohem Niveau gesteigert werden. Das bedeutet erneut 5% mehr», freut sich Jüstrich. Mit Zahlen ist das Familienunternehmen nicht gerade freigiebig. Gemäss Firmenangaben setzt Nahrin mit ihren Produkten ­ es sind 90 Artikel, die jedes Jahr um fünf neue ergänzt werden, rund 45 Mio Fr. um. Nahrin steht auf drei Pfeilern. «Es sind dies die beiden fast gleich starken Märkte Schweiz und der Export sowie die wachstumsträchtige Private-Label-Herstellung. Sie macht bereits 5% des Produktionsausstosses aus», ist von Jüstrich weiter zu erfahren.

Wenn man bedenkt, dass in der Gründungszeit der Direktverkauf von Bouillon und Bergwacholder in den «Koffern» der Jüstrich-Berater zur Auswahl vorlagen, ist die Entwicklung schon erstaunlich. Der Direktverkaufsmarkt sei beinahe unbegrenzt, schwärmt Michel Jüstrich, weltweit werde dieser Markt auf rund 80 Mrd Dollar geschätzt.

«Kein fades Zeug»

Ein Besuch im geschmackvollen und architektonisch anspruchsvoll gestalteten Betrieb in Sarnen ist irgendwie verwirrend: Man wähnt sich eher in einem Spital. Alles klinisch rein, alles erinnert an ein Laboratorium. Und da soll eine vegetabile Bouillon, ein Kräutermeersalz, eine Caramelsauce für Diabetiker oder ein Green-Curry-Pulver entstehen? «Richten Sie mit uns doch was an», heisst der Slogan von Nahrin. Wir machen einen Test. Das Essen von Risotto, Spaghetti, Gemüse oder fettfreier Bouillon mit Kräutern aus diesem Unternehmen, die in speziell ausgesuchten Anbauflächen gepflanzt werden, lässt überhaupt nicht die Idee aufkommen, man esse jetzt wirklich einmal gesund. «Sehen Sie, gesund essen darf eben nicht an fades Zeug erinnern», lacht Jüstrich, der das Direktverkaufsleben mit der Muttermilch aufgesogen hat. Sein Grossvater hat die Firma Jüstrich in Walzenhausen gegründet. Auch sie setzt auf den Direktverkauf, allerdings eher im Pflegebereich für den Körper. Aber eines ist beiden gemeinsam: Produkte, die hohen Ansprüchen genügen müssen. Sie sind nicht wohlfeil, aber liegen voll im Gesundheitstrend. Und dies seit Jahrzehnten, als Wellness für viele noch ein Fremdwort war.

Firmenphilosophie

«Besonders wichtig ist uns das kontinuierliche Wachstum und ein hoher Grad an Eigenfinanzierung. Noch etwas zählt für uns: Als Familienunternehmen bedeuten uns traditionelle Werte sehr viel», zählt Jüstrich die Faktoren auf, welche bis heute das kulturelle Fundament von Nahrin prägen. Wer mit dem Geschäftsführer spricht, spürt, dass er, wie seine Appenzeller Vorfahren, die «Bodenhaftung» nicht verloren hat. «Diesem Fehler werden wir nicht erliegen», sagt Jüstrich, «das ist unsere Stärke.»


Firmen-Profil

Name: Nahrin AG; Industriestrasse 27 in 6060 Sarnen, Tel. 041 660 00 44
Gründung: 1954 in Walzenhausen
Geschäftsführung: Michel Jüstrich
Alleinaktionär: Hansruedi Jüstrich
Umsatz: 45 Mio Fr.
Beschäftigte: 250 in der Schweiz, weitere 10 im Ausland
Produkte: Nahrungsmittel, die salzarm, fettarm und zuckerfrei sind Internet: www.nahrin.ch

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