Zahlreiche Kantonalbanken haben gerade Post von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) erhalten. Chef-Notenbanker Thomas Jordan wendet sich persönlich an seine langjährigen Aktionäre und wirbt um ihre Treue. Für die SNB sei es wichtig, dass der Aktienanteil der Kantone und Kantonalbanken stabil bleibe, schreibt Jordan. Dass der Brief gerade jetzt bei den Banken eingeht, ist kein Zufall. Denn viele Banken haben in den letzten Jahren Aktien abgestossen, wie Recherchen der «Handelszeitung» zeigen. Und das missfällt der Nationalbank.

Zum ersten Mal seit ihrer Gründung war die SNB Ende 2018 mehrheitlich im Besitz privater Aktionäre. Diese hielten genau vier Aktien mehr als das öffentlich-rechtliche Aktionariat, das fast ausschliesslich aus den Kantonen und Kantonalbanken besteht (siehe Grafik). Das zeigt der Geschäftsbericht. Grund für die neue Mehrheit sind die Verkäufe der Kantonalbanken.

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2017 stieg die Thurgauer Kantonalbank ganz aus

Seit dem Jahrtausendwechsel haben die Kantonalbanken einen Drittel ihrer Aktien auf den Markt geworfen; zuletzt besassen sie noch 10,8 Prozent. Drei Kantonalbanken sind bereits ganz ausgestiegen. Zuletzt verabschiedete sich 2017 die Thurgauer Kantonalbank (TKB), wie eine Sprecherin bestätigt. Wie viele Aktien die Bank hielt, legt sie nicht offen. Gemäss dem einst geltenden Schlüssel dürfte sie bei der Gründung der SNB im Jahr 1907 rund 700 Aktien (oder 0,7 Prozent) erworben haben.

Warum verkaufen die Kantonalbanken? Liegt es am Geld? Der Aktienkurs hat in den vergangenen Jahren infolge Spekulation stark zugelegt. Insgesamt hätten die seit 2015 versilberten Papiere heute einen Wert von 25 Millionen Franken.

Oder gibt es atmosphärische Unstimmigkeiten zwischen den Kantonalbanken und der Nationalbank, wie ein Banker, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, erzählt? 2016 – kurz vor dem Verkauf der Aktien – musste die Thurgauer Kantonalbank erstmals Negativzinsen auf ihre SNB-Guthaben bezahlen. Ein Zufall?

Die TKB nennt regulatorische Gründe: Die Veräusserung Anfang 2017 sei «im Zusammenhang mit den angepassten Liquiditätsvorschriften für Banken» erfolgt, sagt die Sprecherin. Wirklich ins Gewicht fielen die Titel eher nicht: Hätte die Bank damals noch immer 700 Aktien gehalten, hätte deren Marktwert ganze 0,01 Prozent der Bilanz ausgemacht.

Auch Waadt und Jura ausgestiegen?

Wer die anderen zwei abtrünnigen Aktionäre sind, ist unklar. Auf Anfrage bestätigten 19 Banken ihre Beteiligung. Jura und Waadt legen den Status nicht offen. Von den Banken aus Genf und dem Tessin erhielt die «Handelszeitung» gar keine Antwort. Aus dem Aktionariat ausgestiegen ist auch der Kanton Obwalden, wie die «Finanz und Wirtschaft» berichtete. Die restlichen 25 Kantone haben der SNB bislang die Stange gehalten.

Die Beteiligung der Kantone und Kantonalbanken ist mehr als ein Investment – sie hat politische Bedeutung. Als die Nationalbank 1907 ihren Betrieb aufnahm, löste sie die Kantonalbanken als Notenbanken ab. Über die Eigentümerschaft war im Vorfeld lange gestritten worden. Eine rein staatliche Notenbank war vom Volk abgelehnt worden. Und so entstand der Kompromiss einer halbprivaten Aktiengesellschaft, an der die Kantone die Mehrheit halten sollten: 40 Prozent der Aktien gingen direkt an die Kantone, 20 Prozent an die Kantonalbanken.

Dass die Kantonalbanken ihre Aktien zu Geld machen, stösst der Nationalbank sauer auf. Offiziell äussert sie sich nicht zur Sache. Hanspeter Hess vom Verband der Kantonalbanken bestätigt aber, dass man bereits vor etwa zwei Jahren «leichte ­Signale» der Unzufriedenheit vonseiten der SNB empfangen hat. Man habe das Thema im Verband diskutiert. Der VSK habe aber keine offizielle Haltung zur Frage der Beteiligung an der SNB.

Basler Kantonalbank musste wieder aufstocken

Offenbar intervenierte die SNB auch direkt bei Kantonen, deren Kantonalbanken zu viele Anteile verkauft hatten. Das soll unter anderem in Basel-Stadt passiert sein, wie ein Insider erzählt. Der Sprecher der Basler Kantonalbank bestätigt, dass die Bank vergangenes Jahr von ihrer Regierung zurückgepfiffen wurde. Man habe unterjährig SNB-Aktien verkauft und den Kanton darüber informiert. «Auf Wunsch des Eigners wurden die Anteile dann wieder auf den ursprünglichen Bestand aufgestockt.»

Kurzfristig haben die Beteiligungsquoten keine Auswirkung auf die Machtverhältnisse bei der SNB. Die Stimmrechte privater Aktionäre sind beschränkt, die Hälfte der Aktien ist überdies gar nicht eingetragen. Noch vereinen die staatlichen Aktionäre daher drei Viertel der Stimmen auf sich. Auch das Kapital der Bank ist gesetzlich geschützt. Würde die Nationalbank liquidiert, käme den Aktionären nur gerade der Nennwert der Aktien zu. Die Reserven dagegen gingen auf ein Nachfolgeinstitut über.