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Nestlé
Der Heisshunger des Mark Schneider

Mark Schneider: Drahtiger Manager mit grossem Appetit auf Unternehmen.Quelle: Forbes / Getty Images

Er kauft und kauft und kauft. Nestlé-Chef Mark Schneider hat bereits neun Firmen übernommen. Immer auf der Suche nach dem Geld der Millenials.

Marcel Speiser
Von Marcel Speiser
06.12.2017

Hipster-Kaffee, Öko-Food und jetzt Vitamine: Mark Schneider gibt viel Geld aus, um an das Geld der Millenials zu kommen. Im Zeitalter des «Du bist, was Du isst», in dem sich Menschen über ihre Ernährungsgewohnheiten auch sozial definieren, macht der Schweizer Nahrungsmittelriese Nestlé alles, um sein Portfolio an Lebensmitteln dem Konsum im 21. Jahrhundert anzupassen.

Der jüngste Coup: Der Konzern vom Genfersee kauft für 2,3 Milliarden Dollar das kanadische Unternehmen Atrium Innovations. Das gab Nestlé am Dienstagabend bekannt.

Nahrung ist auch Medizin

Atrium hat seinen Sitz im kanadischen Quebec und ist in den Bereichen Pharma, Kosmetik und Ernährung tätig. Das Unternehmen dürfte dieses Jahr einen Umsatz von gegen 700 Millionen Dollar erwirtschaften. Es beschäftigt rund 1400 Mitarbeiter.

Atrium stellt unter anderem Nahrungsergänzungsmittel für Kinder, alte oder übergewichtige Menschen her. Ebenfalls im Angebot haben die Kanadier Produkte für Personen mit Magen-Darm-Problemen. Die wichtigste Atrium-Marke – sie heisst ganz poetisch «Garden of Life» – ist in den USA der wichtigste und grösste Brand im Markt für natürliche Nahrungsergänzung.

Deal mit Private Equity

Atrium passe perfekt zu Nestlé, sagte Greg Behar, Chef von Nestlé Health Science. Nestlés Marktposition im Wachstumssegment medizinische Ernährung werde durch den Deal erheblich verbessert. Und: «Die Übernahme hat unmittelbar einen positiven Einfluss auf den Umsatz und den Gewinn von Nestlé

Verkäufer von Atrium ist eine Gruppe von Investoren unter der Führung der Private-Equity-Gesellschaft Permira. Nestlé zahlt den Kaufpreis bar.

Schneiders neunter Streich

Der Atrium-Deal ist bereits die neunte Übernahme, die Mark Schneider seit seinem Amtsantritt im Januar dieses Jahres durchgezogen hat. Im Januar kaufte er Caravan Marketing, einen Distributor für Kaffeeprodukte. Im Februar übernahm er Materna Laboratories, einen Spezialisten für Kleinkinder-Ernährung aus Israel. Im März legte er sich den Hundefutter-Hersteller Terra Canis zu, der mit Futter ohne Zusatzstoffe punktet.

Im April und Mai legte Schneider dann eine kleine Pause ein. Im Juni allerdings ging es bereits weiter. Nestlé kaufte sich bei Freshly ein, einem Online-Lieferanten für gesunde Menüs zum Kochen daheim. Im September zog Schneider gleich zwei Deals an Land: Mit Sweet Earth holte er sich einen Hersteller von veganen und vegetarischen Lebensmitteln ins Portfolio. Und die hippe Kaffee-Kette Blue Bottle.

Im Oktober dann folgte Vitavis Laboratories, einem Unternehmen an der Schnittstelle zwischen Ernährung und Pharma. Im November übernahm Nestlé Chameleon Cold Brew, einem Hersteller von Kaffeegetränken aus fair gehandeltem Öko-Kaffee. Und jetzt eben das Vitamin-Powerhouse Atrium.

Gerüchte: Es kommt noch mehr

Dass damit Schneider Heisshunger auf Firmen, die junge, urbane und ernährungsbewusste Kunden im Fokus haben, gestillt ist, ist äusserst unwahrscheinlich. Mindestens zu zwei weiteren Deals jagen sich im Kapitalmarkt bereits die Gerüchte.

Einerseits wird Nestlé ein Interesse an Hain Celestial nachgesagt. Das US-Unternehmen stellt Tees, Lebensmittel und Kosmetika her – alles natürlich, alles bio. Um zum Zug zu kommen, müsste Schneider gegen 5 Milliarden Dollar auf den Tisch legen.

Und schliesslich heisst es, Nestlé würde ein Übernahmeangebot für eine Sparte des deutschen Pharmaunternehmens Merck vorbereiten. Dabei ginge es ums Geschäft mit rezeptfreien Gesundheitsprodukten – Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel. Die Sparte wird mit rund 4,5 Milliarden Franken bewertet.

Pralle Kriegskasse

Das Schöne für Schneider: Obwohl er bereits einen regelrechten Einkaufsmarathon hingelegt hat und zudem für über 20 Milliarden Franken eigene Aktien zurückkaufen will, ist seine Kriegskasse weiterhin gut gefüllt. Zudem steht ihm als Manövriermasse stets die Beteiligung am französischen Kosmetik-Giganten L'Oréal zur Verfügung. Sie ist derzeit rund 28 Milliarden Franken wert.

Schon bevor er zu Nestlé kam, hatte Schneider den Ruf, ein «Deal-Junkie» zu sein. Im ersten Jahr bei Nestlé tat er bislang alles, diesen Ruf zu verteidigen. Er, der drahtige Manager mit dem Heisshunger auf Übernahmen.

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