Der Lebensmittelgigant Nestlé macht wieder Schlagzeilen wegen Sklavenarbeit. Der Konzern räumt gegenüber der englischen Tageszeitung «The Guardian» ein, dass er keinen Überblick über die eigene Kaffee-Lieferkette in Brasilien habe. Nestlé könne nicht ausschliessen, dass auf den Plantagen des südamerikanischen Landes sklavenähnliche Arbeitsbedingungen herrschen würden. Im vergangenen Sommer erst habe man die Beziehung zu zwei Lieferanten beenden müssen, weil die brasilianischen Behörden Arbeitssklaven befreit hätten.

Hintergrund ist ein Bericht der dänischen Organisation Danwatch. Während sieben Monaten haben Forscher zahlreiche Interviews mit Kaffeebauern, Branchenexperten und Gewerkschaftern geführt. Zusammen mit den brasilianischen Behörden wurden die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen unter die Lupe genommen. Das Resultat: Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung. Arbeiter werden verschleppt, erhalten kaum Geld oder schuften ganz ohne Bezahlung. Die Plantagenarbeiter wohnen auf Müllhalden, das Wasser müssen sie sich mit dem Nutzvieh teilen.

Nestlé-Konkurrenz am Pranger

Neben Nestlé klagt die dänische Organisation auch einen zweiten Kaffeegiganten an: den holländischen Konzern Jacobs Douwe Egberts, der zur Hälfte der deutschen Unternehmerfamilie Reimann und zur Hälfte der US-Firma Mondelez gehört. Auch die Niederländer müssen eingestehen, dass ihre brasilianischen Kaffeeprodukte auf Sklavenarbeit basieren können.

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Nestlé und Jacobs beherrschen gemeinsam fast 40 Prozent des globalen Kaffeemarktes. Zu den bekanntesten Marken zählen Nescafé, Nespresso, Dolce Gusto und Senseo. Beide Firmen nehmen die Anschuldigungen ernst, sagen sie gegenüber englischen Medien. Man sei «äussert beunruhigt» über die Studie der dänischen Organisation. Beide Firmen haben auch seit Jahren interne Richtlinien, die Sklavenarbeit klar untersagen.

Harziger Fortschritt in Thailand

Es ist das zweite Mal in kurzer Zeit, dass Nestlé am Pranger wegen Sklavenarbeit steht. Im November räumte die Firma mit Sitz in Vevey ein, dass es bei thailändischen Zulieferern zu Menschenrechtsverletzungen gekommen sei. Der Nahrungsmittelkonzern kündigte deshalb einen Aktionsplan an, mit dem er den Missständen Einhalt gebieten will.

Bei der Umsetzung des Plans kommt Nestlé aber nur schwer voran. Eigentlich wollte die Firma bis zum 1. März eine Person bestimmen, die für die Implementierung der guten Vorsätze verantwortlich ist. Dafür soll eigens eine neue Stelle geschaffen werden, «Teilzeit oder Vollzeit», wie es im «Thailand Seafood Action Plan» heisst. Auf Nachfrage sagt Konzernsprecher Alexander Antonoff zu Handelszeitung.ch: «Wir werden hierüber zu einem späteren Zeitpunkt informieren.»