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Luftfahrt
Neuer Chef, neue Swiss: So tickt Thomas Klühr

Die Fluggesellschaft Swiss bekommt mit dem Münchner Lufthansa-Manager Thomas Klühr einen neuen Chef. Wer ist der Mann – und was kann er?

Von Tim Höfinghoff und Laura Frommberg
am 14.01.2016

Wenn der Mann in einen Sitzungsraum tritt, ändert sich gleich die Stimmung. Thomas Klühr prägt das Ambiente in geschäftlichen Besprechungen von Anfang an. «Er strahlt eine Besonnenheit aus. Das wirkt auch auf andere Gesprächsteilnehmer», erzählt ein ehemaliger Arbeitskollege. Sitzungen mit ihm seien nicht nur ergebnisorientiert und effizient, sondern eben auch «ruhig».

Ab 1. Februar werden das Klührs neue Arbeitskollegen bei der Swiss erleben. Dann tritt der 53-jährige Deutsche die Nachfolge von Harry Hohmeister an, der die Geschicke der Schweizer Fluggesellschaft über sechs Jahre geleitet hat. Hohmeister kehrt zurück nach Deutschland und arbeitet künftig in der Zentrale der Swiss-Mutter Lufthansa in Frankfurt am Main in der Konzernleitung.

Erste Termine absolviert

Doch wer ist der Neue in Zürich? Was hat Klühr bisher geleistet? Was bedeutet die Berufung des Lufthansa-Managers nach Zürich für die Eigenständigkeit der Swiss? Und wie unterscheidet er sich von Hohmeister? Eine Führungskraft, die ihn schon kennengelernt hat, sagt: «Klühr ist anders als Hohmeister. Klühr ist zurückhaltender.» Aber der Manager sagt auch: «Klühr kennt die Schweiz nicht.»

Das weiss dieser auch. Und hat schon begonnen, die Wissenslücke zu schliessen, obwohl er eigentlich noch ein Sabbatical geniesst. Abstand nehmen, sich mit Distanz auf den neuen Job in Zürich vorbereiten. Das ist sein Plan. Trotzdem hat Thomas Klühr erste Kennenlerntermine in der Schweiz absolviert und sich immerhin schon bei den Top-Managern der Swiss vorgestellt.

Neuer Langstreckenjet aus dem Boeing-Werk

Am 29. Januar wird sich Klühr das erste Mal zeigen, natürlich nicht unter der Prämisse, Noch-Swiss-Chef Harry Hohmeister die Show zu stehlen. Der 29. Januar soll ein grosser Tag für die Swiss sein: Der erste Swiss-Flieger vom Typ Boeing 777-300ER landet in Zürich. Die neuen Langstreckenjets sollen die Swiss-Flotte verjüngen und ab dem Sommer sukzessive auf Interkontinentalstrecken zum Einsatz kommen.

Wenn an jenem Freitag Ende Januar am Flughafen in Kloten der neue Flieger aus dem Boeing-Werk in den USA gelandet ist und Gäste aus Politik und Wirtschaft die Maschine sowie die neue Lounge-Landschaft der Swiss am Flughafen bestaunen, wird es zur Stabübergabe kommen: Harry Hohmeister bekommt dankende Worte und wird sich aus der Schweiz verabschieden. Klühr wird erstmals vorgestellt. Es soll schöne Bilder geben: Der alte Chef geht, der neue kommt. Händeschütteln, neuer Flieger, neue Lounges – eben alles neu für die Swiss. Nur wenig später, am 1. Februar, übernimmt Thomas Klühr offiziell die Geschäfte. Er hat bereits eine Wohnung in der Schweiz.

Wechsel von Hohmeister und Klühr eng verknüpft

Klührs neue Position in Zürich ist eng mit dem Wechsel seines Vorgängers nach Frankfurt verknüpft. Hohmeister wird für die von der Lufthansa-Gruppe als «Premium Airlines» bezeichneten Anbieter Lufthansa, Swiss und Austrian verantwortlich sein. Ausserdem kontrolliert er auf dem neu geschaffenen Posten des «Hub-Managers» die Drehkreuze Frankfurt, München, Zürich und Wien.

Aus Sicht der Swiss ist Hohmeister also nicht ganz weg. Auch wenn Klühr an den Verwaltungsrat der Swiss berichtet: «Ein Schatten von Hohmeister wird bleiben», prophezeit ein Lufthansa-Manager. Diese Konstellation müsse allerdings nicht schlecht sein. «Hohmeister hat in den vielen Jahren eine enge Beziehung zur Swiss entwickelt», so der Manager. Von seinem Einfluss in der neuen Position könne die Schweizer Airline profitieren. Hohmeister hat in seiner Zeit als Swiss-Chef einen guten Job gemacht. Das attestieren ihm viele. Und das zeigen die Zahlen. Bezüglich Gewinn und Passagierentwicklung steht die Airline gut da. Die Swiss ist im Lufthansa-Konzern eine Ertragsperle, für 2015 vermeldete sie gerade einen Passagierrekord.

Ölpreis und Abschreibungspolitik halfen

Wahr ist aber auch, dass dabei auch die rapide gesunkenen Ölpreise und die Abschreibungspolitik der Lufthansa geholfen haben. Hohmeister hat in seiner Amtszeit die Swiss nach vorne gebracht, gerne mal gegen den Flughafen Zürich in Sachen Gebühren gestänkert. Und er hat sich mit den Arbeitnehmern angelegt. Das bekamen vor allem die Piloten zu spüren, mit denen er um neue Gesamtarbeitsverträge stritt und sich am Ende durchsetzte.

Ebenso verbuchte er mit seiner Swiss einen Punktsieg gegen die aufstrebenden Golf-Airlines. Als Ethihad Regional ihr Angebot in der Schweiz massiv ausweiten wollte, schlug Hohmeister mit einem Ausbau des Swiss-Angebots zurück, startete 22 neue Ziele. Anfang 2015 beklagte sich der Chef von Etihad Regional, Maurizio Merlo, bei Swiss und Lufthansa über das «aggressive Verhalten» und sprach von einem «geschäftlichen Schaden». Etihad Regional zog sich aus Zürich zurück und war gezwungen, ihr Geschäftsmodell zu überarbeiten. Bis dahin hatten westliche Airlines wie Lufthansa und Co. immer nur über die aggressiven Golf-Airlines gejammert.

Rückzug der Swiss aus Basel

Die guten Zahlen und Erfolge gegen Golf-Konkurrenten sind das eine. Auf der anderen Seite musste Hohmeister verkünden, dass sich die Swiss aus Basel zurückzieht. Anbieter Easyjet ist dort zu mächtig. Ebenso erhielt Hohmeister viel Kritik, was den Umgang mit seinen Angestellten angeht. So sind viele Swiss-Mitarbeiter alles andere als traurig, dass Hohmeister nun geht. Er habe zwar viel für das Unternehmen getan und Interesse bis ins kleinste Detail gezeigt, ist oft zu hören. Er sei ein Manager wie aus dem Lehrbuch. Aber er habe mit seiner forschen Art viele vor den Kopf gestossen. «Selbst gestandene Angestellte wurden manchmal richtiggehend in den Senkel gestellt», sagt ein Mitarbeiter. Motivation sei nicht Hohmeisters Stärke gewesen. Dieses Bild schienen zuletzt auch Umfragen zu belegen, in denen das fliegende Personal von Swiss sich über die schlechte Stimmung beklagte.

Der neue Swiss-Chef könnte den rund 8300 Angestellten Hoffnungen auf eine etwas angenehmere Atmosphäre machen, denn Klühr gilt als umgänglich. Seine ruhige Art hilft ihm oft in Konfliktsituationen. Und: Mit Klühr kommt kein Branchenfremder ins Unternehmen, der Deutsche ist seit mehr als 25 Jahren für die Lufthansa tätig, für die er nach dem Abschluss als Diplom-Kaufmann zu arbeiten begann. Zuletzt war er bei der Airline für den zweitwichtigsten Lufthansa-Hub München verantwortlich.

Ruhige Art half nicht immer

Klührs ruhige Art hat ihm nicht immer geholfen. So war er nicht erfolgreich bei dem Versuch, eine dritte Start- und Landebahn für den Flughafen München durchzuboxen. Wirklich Druck gemacht habe er in den dafür nötigen Verhandlungen im Jahr 2009 nicht, heisst es aus informierten Quellen, die damals beteiligt waren. Und in einem Interview mit einer Münchner Zeitung sagte Klühr dazu: «Mir liegt es fern, Drohgebärden aufzuführen.» Da tickt er wohl anders als Hohmeister.

Die Tatsache, dass Klühr zu 100 Prozent Lufthanseat ist, bereitet einigen bei der Swiss allerdings Sorgen. «Es stellt sich die Frage, ob hier nicht ein faktischer Abbau der schweizerischen Eigenständigkeit hinter schönen Worten kaschiert wird», sagte Henning Hoffmann, Geschäftsführer der Pilotengewerkschaft Aeropers, nachdem Klührs Berufung zum Swiss-Chef im Herbst 2015 bekannt wurde. «Wir erwarten von Herrn Klühr, dass er auf die Eigenständigkeit der Swiss pocht und die Eigenheiten unserer Unternehmenskultur nicht nur respektiert, sondern auch verstehen lernt.»

Skepsis bei den Piloten

Ganz unbegründet sind solche Befürchtungen hierzulande nicht. Klar, es gibt nicht wenige in der Schweiz, die die Nase rümpfen, weil abermals ein Deutscher Chef der Swiss wird. Aber Tatsache ist, dass die Swiss eine Tochtergesellschaft der Lufthansa-Gruppe ist. Und Klühr ist ein enger Vertrauter von Konzernchef Carsten Spohr.

Ist Klühr daher ein Zentralist, der nur Befehle annimmt? Sicherlich nicht. Doch Spohr muss eine rigide Agenda umsetzen. Im Herbst 2015 hatte die Lufthansa nicht nur die Klühr-Personalie, sondern vor allem einen radikalen Umbau verkündet: Europas grösste Fluggesellschaft muss kräftig sparen, um sich gegen Billigflieger wie Ryanair und Easyjet sowie schnell wachsende Anbieter aus der Golfregion und Turkish Airlines zu bewähren und nicht auf der Strecke zu bleiben. Dazu gehört zum einen der Ausbau der Billigtochter Eurowings, die nun auch auf der Langstrecke fliegt.

Neuorganisation im Management

Wegen der Neuorganisation bei Lufthansa fallen rund 15 Prozent der Managerstellen weg. Das hat auch Konsequenzen für die Swiss: Klühr wird künftig in seiner Funktion die Aufgaben des Chief Operating Officer mit übernehmen müssen. Lufhansa-Chef Spohr will mit der Umbauaktion etwa 500 Millionen Euro sparen. Zu Spohrs Plänen gehört ebenso eine engere Vernetzung der Lufthansa-Anbieter untereinander. Die hohe Eigenständigkeit der einzelnen Anbieter, die noch unter Ex-Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber eingeführt wurde, hält Spohr für ineffizient. «Klühr soll Spohr helfen, die Swiss stärker zu integrieren», so ein Lufthansa-Kader. Das wolle man so schnell wie möglich erreichen. Ähnlich argumentiert ein führender Manager eines Lufhansa-Konkurrenten: «Spohr muss Erfolge bringen. Das bedeutet, dass die Leine für die Swiss etwas kürzer werden dürfte. Dies ist aber ein Trend, der den gesamten Lufhansa-Konzern betrifft.»

Spohr muss neben der Umsetzung des Flottenumbaus und den neuen operativen Aufgaben auch eine psychologische Herausforderung meistern. Er muss den Schweizern versichern, dass ihre Swiss keine Marionette der Lufthansa wird. Dabei hilft, dass bei der Swiss auch konzernweite Aufgaben angesiedelt werden. Unterstützung wird Klühr bei der Überzeugungsarbeit wohl auch von Reto Francioni bekommen. Francioni war zuletzt Chef der Deutschen Börse, davor VR-Präsident der Schweizer Börse SIX. Lufthansa-Chef Spohr hatte schon früher erklärt, dass er sich für die Swiss einen Schweizer als VR-Präsidenten wünsche – wohl auch, um die Vorwürfe zu kontern, dass bei der Swiss zu wenige Schweizer die Macht haben.

Gute Zahlen für 2015

Klührs erster eigener geplanter Auftritt dürfte ihm helfen, seinen Job mit positivem Schwung zu starten. So wird Klühr Mitte März zum ersten Mal als Swiss-Chef vor die Öffentlichkeit treten, um die Zahlen für das Geschäftsjahr 2015 vorzustellen. Und die, so viel ist bereits jetzt klar, werden besser ausfallen als im Vorjahr. Die Airline drückt die Kosten weiter, derweil sinkt auch der Ölpreis immer tiefer. Das hilft.

Zeit zum Ausruhen wird Klühr aber keinesfalls haben. Der Druck in der Branche ist brutal. Erst vor wenigen Tagen hat Golf-Konkurrentin Emirates angekündigt, ihre ohnehin schon starke Präsenz in der Schweiz noch weiter auszubauen. So will Emirates ab 1. Juni 2016 einen zweiten täglichen Flug von Genf nach Dubai anbieten und verdoppelt damit ihr Angebot auf dieser Strecke. Zum Einsatz kommen wie bei der Swiss Boeing-Jets. Vom Typ 777-300ER.

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