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New Economy: Ergraut, aber noch nicht verkalkt

Während in Hamburg hat der Prozess gegen Distefora-Gründer Alexander Falk begonnen hat, ist es um andere Wunderkinder der New Economy ruhig geworden. In Frührente gegangen sind aber längst nicht alle.

Von Christian Huggenberg
am 08.12.2004

Als der Dotcom-Hype Ende der 90er Jahre endlich auch die Schweiz erreichte, schien für einen kurzen Moment alles wie von Sinnen. Investoren und Banken umschwärmten Gründer und Jungunternehmer wie Motten das Licht, und an der Schweizer Börse SWX wurde ein neues Segment für den Wachstumsmarkt aus der Taufe gehoben. 16 Titel schmückten den New Market, darunter klingende Namen wie Fantastic, Miracle oder Think Tools, die es in der Blütezeit auf eine Börsenkapitalisierung von13 Mrd Fr. brachten.

Doch so rasch die Sterne der New Economy aufstiegen, so schnell verglühten die meisten wieder. Vier Jahre später ist der New Market verschwunden und mit ihm ein Grossteil der damals gelisteten Jungunternehmen.

Von den vier Softwarefirmen etwa, die 2000 am SWX New Market kotiert waren, ist gerade eine übrig geblieben. Überlebt hat Day Interactive, die von Michael Moppert gegründet wurde. Zu Bestzeiten war Day an der Börse eine halbe Mrd Fr. wert. Den grossen Durchbruch hat das Basler Softwareunternehmen, dessen Wert an der Börse heute bei 20 Mio Fr. liegt, allerdings nicht geschafft. Doch immerhin, es gibt sie noch, und Michael Moppert sitzt auch heute noch auf dem Chefsessel.

All dies trifft für die anderen drei ehemaligen Highflyer im Softwarebereich nicht zu. Erst Complet-e, dann Miracle und schliesslich auch Think Tools verschwanden vom New Market, bis auch dieser seinen Geist aufgab. Aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden sind auch die meisten Protagonisten von damals, andere haben bis heute weiter gemacht.

Absturz und Wiedergeburt

Lange Zeit der grösste Star am Schweizer New-Economy-Himmel war Peter Schüpbach. Wie kein anderer musste er erfahren, wie nahe manchmal rascher Aufstieg und tiefer Fall beieinander liegen. Nach dem IPO seiner Softwarefirma Miracle im November 1999 kletterte der Börsenwert innerhalb von drei Monaten auf Höchstwerte von weit über 1 Mrd Fr. ­ bis die New-Economy-Blase 2000 platzte und die Softwarefirma mit in den Abgrund riss. Medienberichte über eine Hand voll unzufriedener Kunden reichten, um den Heimmarkt und den Mut der Hausbank zusammenbrechen zu lassen. Otto Ineichen versuchte noch, mit einer Auffanggesellschaft den Schaden zu minimieren. Aber alles, was vom Börsenwunder übrig blieb, waren ungedeckte Forderungen.

Inzwischen ist es Schüpbach leid, über die damaligen Zeiten zu reden. Der Softwarebranche allerdings ist der 42-Jährige treu geblieben. Er ist heute Geschäftsführer von Master Solution in Madiswil, einer Firma, die sich auf Ausbildungslösungen spezialisiert hat. Sein Bruder hatte das einst in Miracle integrierte Unternehmen 1997 verselbstständigt. Vor zwei Jahren übernahm Peter Schüpbach die Leitung. Daneben betreut er mehrere junge Unternehmen. Etwa Master Solution, die zu den Branchenleadern bei E-Learning gehört und 35 Leute beschäftigt.

Wenig ruhmreich ist das Ende der beiden anderen ehemaligen Softwareblüten: Complet-e und Think Tools, die beide kurz vor ihrem Ende von anderen Firmen übernommen wurden.

Erstere firmiert heute unter dem Namen Pragmatica, deren Macher allerdings mit der Gründerzeit von Complet-e nichts zu tun haben. Von Anfang an war Complet-e eine etwas eigenartige Firma. Von den rund 54 Mio Fr., die beim Börsengang hereinkamen, gelangten nur 15 Mio Fr. in die Kasse des Unternehmens. Der grosse Rest floss direkt in die Privatschatullen der Altaktionäre. Dazu gehörten die Gründer Hans Ulrich Schläpfer, Achilles Rupf und Rolf Wiedmann sowie die Verwaltungsräte Roger Bigger und Ralf Nader. Letztere hatten schon zuvor mit der Pommes-frites-Automatenfirma Tege einen Coup gelandet, der in einem Misserfolg mündete. Achilles Rupf entwickelt heute in einem kleinen Start-up Minensuchgeräte.

Völlig weg vom Fenster ist auch Think-Tool-Gründer Albrecht von Müller, der es mit seinen «Hirn-instrumenten für Führungskräfte» mal auf einen Börsenwert von über 2 Mrd Fr. brachte. Der Vater von Think Tools wurde seinen letzten Job als Verwaltungsrat erst kürzlich los, als das Zuger Informatikunternehmen RedIT den übrig gebliebenen Börsenmantel des ehemaligen Highflyers übernahm.

Aktiv wie eh und je

«Einmal Unternehmer, immer Unternehmer», sagt Nicolas Berg. Der Erfolg kam für Berg mit dem Finanzportal Borsalino, das er und seine Mitstreiter für gutes Geld an den Ringier Verlag verkaufen konnten. Die 2,5 Mio Fr., die Berg aus dem Verkauf löste, hat er in Projekte gesteckt, die er über seine Inkubator-Firma Venturix betreut. Darunter Firmen aus den Bereichen Medizin, Biotech, Recruiting, IT-Handel und E-Learning.

Bis heute ein umtriebiges Energiebündel geblieben ist auch Peter Ohnemus, der sich Anfang 2000 im richtigen Moment von seinen Anteilen an der Breitbandfirma Fantastic trennte. Der Börsengang von Fantastic hatte der Firma eine Kapitalspritze von 142 Mio Fr. beschert, was es erlaubte, noch weit über das UMTS-Debakel hinaus ein Schattendasein mit einer hohen Cash-Burning-Rate zu fristen, bis es vor wenigen Monaten zur Auflösung kam. Ohnemus finanziert inzwischen mit seinem Privatvermögen Jungfirmen. Dazu empfiehlt er sich mit seiner Firma «The efirm» als Berater für Finanzierungen und Strategieentwicklung von Start-ups.

Sein grosses Glück im Ausland gemacht hat Daniel Ägerter. Als noch nicht 30-Jähriger hatte er in den USA eine Firma für automatisierten Computerhandel gegründet. Kurz bevor die Technologieblase platzte, verkaufte er diese für 6,5 Mrd Dollar, wobei er für sich einen dreistelligen Millionengewinn realisierte. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz engagiert sich Ägerter heute bei Start-up-Firmen. Zu seinen grösseren Investitionen zählt Helvetic Airline.

Wenn auch der ganze Hype kurz war, so hat er doch einer Vielzahl von Jungunternehmern Chancen eröffnet, welche diese genutzt haben. Etwa Guido Honegger, der sein Internetportal agri.ch im besten Moment für geschätzte 50 Mio Fr. verkaufte und später für 1 Mio Fr. zurückkaufte. Heute betreibt Honegger sein Unternehmen unter dem Namen Green, das mit 60 Angestellten unter anderem Internet-services anbietet. Oder Matthias Aebi und Catherine Rudolph, die ihr Portal Internet Access an die Telekom-Firma Diax verkauften, um anschliessend mit ihrer neuen Firma Future Lab weiter Software zu entwickeln. Zudem ist Day Interactive nicht die einzige Firma aus der New-Economy-Ära, die an der Börse überlebt hat. Einige wechselten ans Hauptsegment der Schweize Börse, so die Softwareschmieden Crealogix und 4M Technologies, ferner Actelion oder der Online-Broker Swissquote. Ein Erfolg geworden ist auch Swissfirst, die von Jungunternehmer Thomas Matter gegründet wurde.

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