Kymriah – sieben Buchstaben, ein sperriges Wort und ein grosses Versprechen. Ein sehr grosses Versprechen. Weltweit sorgte Novartis für Aufsehen, als der Konzern – als erstes Pharma­unternehmen überhaupt – im Herbst 2017 die Zulassung für eine neuartige Gentherapie zur Behandlung von Krebs in den USA erhielt.

Die Aufmerksamkeit für die Innovation reichte weit über die Medizinszene hinaus: Analysten glaubten, Novartis habe den Eingang zu einem neuen Eldorado gefunden. Kritiker monierten zwar, der Basler Konzern bringe das Gesundheitswesen mit seinen Preisvorstellungen von knapp ­einer halben Million Dollar an den Rand des Zusammenbruchs. Doch rund um den Globus stimmten Medien eine Hymne an, wonach sich Krebs bald als heilbare Krankheit entpuppen könnte.

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Die «Handelszeitung» war ebenfalls begeistert: «Die Erfolgsraten von Kymriah grenzen an ein Wunder», hiess es in einem Kommentar. Novartis sei der Erfüllung eines «Menschheitstraums» einen grossen Schritt näher gekommen.

Die Realität sieht anderthalb Jahre später deutlich profaner aus. Der Hoffnungsträger Kymriah ist für Novartis aktuell ein blosses Nischenprodukt. Schlimmer noch: Das Pharmaunternehmen kämpft seit Monaten mit Problemen in der Produktion. Und rivalisierende Firmen drohen die Basler Pioniere mit Therapien abzuhängen, die auf der gleichen Technologie basieren und die ähnliche Patientengruppen im Visier haben.

Harter Einstieg für Susanne Schaffert

Susanne Schaffert, die frischgebackene Onkologie-Chefin von Novartis, wird also keine Zeit dafür haben, sich in die neue Rolle als Mitglied der Konzernleitung einzuarbeiten. Sie muss subito einen Kymriah-Einsatztrupp formieren, um dem erhofften Blockbuster so rasch wie möglich den notwendigen Schub zu verleihen.

Novartis-Konzernchef Vas Narasimhan verbreitete an der J.P. Morgan Healthcare Conference in San Francisco – einem der weltweit wichtigsten Branchentreffen – unter dem Titel «Reimagining Medicine» zwar uneingeschränkten Optimismus und sprach davon, dass Novartis diverse vielversprechende Produkte in der Pipeline habe und viel Geld in fortschrittliche Therapieplattformen investiert habe.

Aber seine Präsentation zeigt eben auch Ernüchterndes: So setzte Novartis in den ersten neun Monaten 2018 mit Kymriah weltweit bescheidene 48 Millionen Dollar um. Zum Vergleich: Allein in der Schweiz generiert die Pharmaindustrie mit dem uralten Wirkstoff Paracetamol mehr Umsatz – konkret gut 55 Millionen Franken.

Gentherapie Kymriah

Die hoch innovative Gentherapie Kymriah von Novartis ist kein Umsatzrenner – im Gegenteil. In den ersten neun Monaten 2018 hat der Basler Konzern mit der Therapie nur 48 Millionen Dollar umgesetzt. CAR-T Kymriah gehört zu den CAR-T-Therapien. Dabei werden Blutzellen eines kranken Menschen im Labor genetisch so modifiziert, dass sie die Fähigkeit erlangen, gegen Krebs vorzugehen. Dann wird das modifizierte Blut dem Patienten wieder zugeführt. Novartis war die erste Firma weltweit, welche die Zulassung für eine solche Gentherapie erhalten hat. Ebenfalls zugelassen ist ein Präparat von Gilead. Weitere 32 Unternehmen arbeiten an der Entwicklung eigener Therapien im Bereich CAR-T.

Schwerer wiegt, dass der Pharmakonzern Gilead mit dem Kymriah-Konkurrenzprodukt Yescarta – es wurde in den USA zwei Monate später ­zugelassen – in den ersten drei Quartalen 2018 rund 183 Millionen Dollar Umsatz gemacht hat – also fast viermal mehr als Novartis.

Sicher: Ein Teil der Differenz ist erklärbar. Denn Novartis hat die Zulassung in den USA zunächst bloss für eine sehr überschaubare Patientengruppe von an Leukämie erkrankten Kindern bekommen. Erst später wurde die Indikation ausgeweitet. Und die Zulassung in der EU sowie in der Schweiz erfolgte erst letztes Jahr. Dennoch scheint klar: Gilead ist mit seiner Therapie deutlich schneller gestartet als Novartis.

Ein Grund dafür sind seit Monaten anhaltende Schwierigkeiten in der Produktion. «Novartis hat immer noch Probleme bei der Produktion von Kymriah», sagt David Maloney, der medizinische Direktor der Bezos Family ­Immunotherapy Clinic in Seattle, gegenüber dem Biotech-Fachmagazin «Exome». «Ich bekomme es schlicht nicht geliefert.» Maloneys Wort hat Gewicht, zählt seine Klinik doch zu den wichtigsten medizinischen Zentren in den USA bei Behandlungen mit CAR-T-Produkten wie Kymriah oder Yescarta.

Kymriah wird noch wenig eingesetzt

Wie diverse Spezialisten gegenüber dem Fachmagazin erklären, wird Kymriah deswegen noch immer nur wenig eingesetzt. Ein Krebszentrum in Houston berichtet von einer einstelligen Zahl von Patienten, ein Behandlungszentrum in Boston gibt an, man habe bislang zwei Patienten die Therapie verabreicht.

Wie viele Personen tatsächlich schon die neue Gentherapie erhalten haben – sie darf erst zur Anwendung kommen, wenn andere Behandlungsformen ausgeschöpft wurden –, wollte Novartis nicht offenlegen: «Da sich diese Daten ständig weiterentwickeln, geben wir zurzeit keine Informationen über die Anzahl der bearbeiteten Kymriah-Bestellungen ab. Im Rahmen der Bilanzmedienkonferenz wird es hierzu ein Update geben.» In einem Statement hält das Unternehmen ausserdem fest: «Unser oberstes Ziel ist es, unsere transformative Therapie für jeden Patienten in Not erfolgreich herzustellen. Wir machen Fortschritte bei der Erhöhung der Produktionskapazität.»

Tatsächlich hat Novartis angekündigt, neue Produktionskapazitäten in China, Frankreich und in der Schweiz aufzubauen. «Wir haben erhebliche Investitionen getätigt», so das Unternehmen. Auch eine bestehende Allianz mit dem deutschen Fraunhofer-Institut sei ausgebaut worden – «zur Unterstützung der Herstellung von Kymriah für klinische Studien und die Herstellung nach der Zulassung», wie Novartis festhält. Zudem sei «eine Vereinbarung» mit einem japanische Auftragsfertiger erfolgt.

Aufwändige Produktion

Die Produktion von Kymriah ist kompliziert und aufwendig. Dem Patienten müssen Blutzellen abgenommen werden, die dann in einem Labor genetisch verändert werden, damit sie den Krebs angreifen. Das modifizierte Blut muss im Labor dann vermehrt werden – ein Prozess, der gut zwanzig Tage dauert. Anschlies­send wird das genveränderte Blut dem Patienten oder der Patientin wieder zugeführt.

Das Problem: Nicht immer entspricht das, was bei diesem aufwendigen Prozess rauskommt, genau den Spezifikationen, die Novartis der US-Medizinbehörde FDA für die Zulassung unterbreitet hat. Die Folge: Einige Patienten erhalten Kymriah kostenlos, weil Novartis für eine Therapie, die nicht genau den FDA-Vorgaben entspricht, keine Rechnung stellen darf. Auch das mag ein Grund sein, weshalb der Umsatz mit dem Präparat bislang bescheiden geblieben ist.

Dazu hält Novartis fest, dass man «Fortschritte» mache «bei der Lösung der beobachteten Schwankungen bezüglich der kommerziellen Spezifikationen».

Novartis glaubt fest an die CAR-T-Plattform

Trotz allem hielt Liz Barrett, Schafferts Vorgängerin als Onkologie-Chefin, an der jüngsten Telefonkonferenz zu den Resultaten fest: «Angesichts der Herausforderungen, die wir in der Fertigung hatten, ­liegen wir über unseren Erwartungen.»

Ohnehin glaubt Novartis fest an den Erfolg der CAR-T-Plattform. Die Übernahme von Avexis für 8,7 Milliarden Dollar im April 2018 und die ­Lizenzvereinbarung mit Spark Therapeutics – die Firma hat eine Gentherapie gegen Blindheit entwickelt – sind in diesem Zusammenhang zu sehen. Zudem arbeitet Novartis daran, die Zulassung von Kymriah für weitere Krebsformen zu bekommen.

Will heissen: Susanne Schaffert – eine Top-Frau mit zwanzig Jahren Erfahrung bei Novartis – hat etliche Chancen, die hohen Erwartungen von Narasimhan zu erfüllen.