Herr Reichmuth, Sie sind seit 57 Jahren im Schweizer Bankgeschäft tätig. 1996 haben Sie zusammen mit Ihrem Sohn die Privatbank Reichmuth & Co. gegründet. Inwiefern hat sich das Privatkundengeschäft über die Jahre verwandelt? 
Karl Reichmuth*: Im Laufe der letzten dreissig Jahre hat sich der Charakter des Privatkundengeschäfts verändert. Früher ging bei schweizerischen Banken alles um eine eindeutige Identifikation mit dem Kundenanliegen. Unter dem Einfluss des amerikanischen Bankings und der Business Schools wurde das allmählich nicht mehr ganz so selbstverständlich. Vielfach ging es den Kundenberatern eher um das Erreichen von wertmässigen Zielgrössen für ihren Bestand an Portefeuilles. Glücklicherweise scheint nun eine Gegenbewegung eingesetzt zu haben, sogar bei den grösseren Instituten. Die Grundwerte der helvetischen Bankenkultur gewinnen wieder an Boden. 

Hat sich das Verhalten der Kunden geändert?
Ja, auch die Einstellung vieler Kunden ist eine andere geworden. Heute wird ein Grossteil des Geldflusses und der Anlagen direkt oder indirekt staatlich versichert. Zusammen mit den immer strengeren regulatorischen Kontrollen entsteht damit eine nur scheinbare Sicherheit für Sparer und Anleger. Darunter leidet das Gefühl der Eigenverantwortung. In einer Zeit volkswirtschaftlicher Instabilität, manipulierter Märkte und labiler Zinsen kann diese Entwicklung zu einer gefährlichen Zunahme des Risikos führen. 

Weltweit hat sich das Privatvermögen seit 2000 mehr als verdoppelt. Bei sehr ver­mögenden Personen ist die Wachstumsrate noch viel grösser. Hat das Angebot im Wealth Management damit Schritt gehalten?
Was vermögende Kunden brauchen, kann meiner Meinung nach durchaus mit dem Ins­trumentarium des herkömmlichen Schweizer Private-Banking-Wesens abgedeckt werden. Wir bei Reichmuth glauben, dass Vermögen über Generationen hinweg am besten mit den Mitteln einer integralen Strategie erhalten und vermehrt werden können. 

Was ist eine integrale Strategie?
Die integrale Vermögensverwaltung im Sinn der schon erwähnten helvetischen Bankenkultur basiert auf der Überzeugung, dass der Anlageerfolg nur durch die persönliche Identifikation mit dem Kunden ermöglicht wird. Da geht es um mehr als nur die Aufstellung einer Reihe standardisierter Fragen. Der Kunde muss merken, dass sein Geld so betreut wird als gehöre es der Bank. 

Ist der typische Privatkunde heute sachkundiger als früher?
Ich finde, dass er weniger sachkundig geworden ist. Das kommt daher, dass die herrschenden Verhältnisse eine fiktive Realität spiegeln. Die Rolle des Kundenberaters ist also wichtiger geworden. Daher bin ich übrigens anderer Meinung als etwa Oswald Grübel, der in einem Interview sagte, die Bankenlandschaft werde in den kommenden Jahren ziemlich langweilig werden. Wenigstens im Bereich Private Banking wird es stattdessen interessanter. 

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Wie gehen Kundenberater mit der heutigen Situation um?
Bei den Kundenberatern geht es in erster Linie nicht um das Angebot eines immer grösseren Dienstleistungspakets. Die grösste Mangelware ist heute das Vertrauen. Und im Privatkundengeschäft geht es schliesslich vor allem um dieses Vertrauensverhältnis.  In der Schweiz ist das Angebot an Vermögensverwaltungsdiensten stark gewachsen, auch seitens der Retailbanken. Die Grossbanken sind schon lange dabei.

Wie kommt eine Privatbank gegen diese Konkurrenz an?
Die grosse Anzahl einzelner Anbieter ist an sich nicht ausschlaggebend. Entscheidend ist es, sich das Ziel einer individuellen Kundenbetreuung vor Augen zu halten – egal zu welcher Kategorie eine Bank gehört. Leider gibt es einige Privatbanken, die eher Broker als Vermögensverwalter sind. Was unsere Bank betrifft, handeln wir auf fundamentaler Basis. Über 10 Prozent der Mitarbeitenden sind im hauseigenen Research tätig. 

Ist das Leben für Privatbanken nicht schwieriger geworden?
Nein, so lange die eigene Strategie stimmt.  Die klassische Schweizer Privatbank als inhabergeführtes Familienunternehmen mit unbeschränkter Haftung scheint aber aus der Mode gekommen zu sein.

Hat der gute alte Privatbankier noch eine Zukunft?
Reichmuth & Co. ist die jüngste und zählt bald zu den ältesten Schweizer Banken dieser Art. Wir sehen keine Änderung des Privatbankier-Status vor. Es gibt durchaus weiterhin Platz für kleinere Institute im Privatkundengeschäft, solange es Kunden gibt, die sie schätzen. Leider stecken Schweizer Privatbankiers nur wenig ins Marketing, dies im Unterschied zu den Grossinstituten. Das ist bei deutschen Privatbankiers anders. Deshalb geht es ihnen nach wie vor sehr gut. Der Schweizer neigt aber zu Bescheidenheit.  Ein Grund für die Statusänderung mancher Schweizer Bankierhäuser war die fehlende Beschaffungsmöglichkeit von Fremdkapital.

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Kann eine Bank ohne Zugang zum Kapitalmarkt überhaupt wachsen? 
Ja. Eine Privatbank wie unsere braucht zum Beispiel kaum Leverage. Dank der Eigentümerstruktur als Familienunternehmen verfügen wir über mehr als sechsmal so viel Eigenkapital als wir benötigen. Wir könnten also durchaus wachsen. Gleichzeitig ist im In- und Ausland der regulatorische Druck gewachsen.

Leiden Sie darunter?
Der Druck ist nicht so gross, wie allgemein angenommen und hat in letzter Zeit etwas nachgelassen. Ein Störfaktor ist allerdings die Form des bestehenden Finma-Fragebogens. Dieser bezieht sich lediglich auf das bei der jeweiligen Bank liegende Vermögen. Eine echte Beratung muss jedoch auf der Ganzheitlichkeit des Kundenvermögens basieren – eben integral. 

Werden Privatbanken ihr Angebot an Vermögensverwaltungsmandaten auch für institutionelle Kunden ausbauen müssen?
Auf jeden Fall. Nur denken Pensionskassen in ihrer Anlegerrolle als Principal Agent anders als vermögende Privatkunden, und zwar weniger langfristig, dies als Folge der hiesigen Anlagerichtlinien. Darauf müssen die Banken Rücksicht nehmen. Deswegen hat sich unsere Bank für den Ausbau eines besonderen Beraterteams für das institutionelle Asset Management entschieden. 

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Müssen Privatbanken ihre Dienstleistungen im Stiftungsbereich ausbauen?
Ja, und zwar gerade bei philanthropischen Stiftungen. Immer mehr begüterte Kunden wollen einen Teil ihres Vermögens für gemeinnützige Zwecke einsetzen. Das ist ein Bereich, der sich besonders für kleinere Privatbanken eignet. Mit ihrer Rütli-Stiftung hat Reichmuth & Co. zu den ersten Schweizer Banken gehört, die eine entsprechende Dachstiftung ins Leben riefen. 

Braucht eine Schweizer Privatbank eine Auslandspräsenz?
Wir finden, dass das Geschäft klar von der Schweiz aus geführt werden soll. Weil aber Deutschland neben der Schweiz für unsere Bank ein Kernmarkt ist, halten wir eine Be­teiligung an einem integralen Vermögens­verwaltungs- und Vorsorgeunternehmen in München. 

Wird die Schweiz ihre historische Position im Privatkundengschäft beibehalten oder sogar stärken können?
Schweizer Bankkunden sind loyal. Dazu geniessen unsere Banken weiterhin einen guten Ruf im Ausland. Wir stehen aber an einem Scheideweg. Die Politik wird entscheiden müssen, ob das Schweizer Bankenwesen sich nach einem amerikanischen oder einem helvetischen Modell richten soll. Worauf es künftig im Private Banking ankommt, ist eben nach wie vor die Vertrauenswürdigkeit.

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Das Interview ist der aktuellen Ausgabe der «Schweizer Bank» entnommen.

* Karl Reichmuth ist seit 57 Jahren im Schweizer Bankgeschäft tätig. 1996 hat er zusammen mit seinem Sohn die Privatbank Reichmuth & Co. gegründet. Dort ist er unbeschränkt haftender Gesellschafter und Ehrenpräsident.