Er liess sich die Schmerzen nicht anmerken. Zehn Tage zuvor war er bei einem Firmenevent auf der Skipiste in Flumserberg schwer gestürzt, hatte sich die rechte Schulter ausgekugelt und gebrochen. Doch vollgepumpt mit Schmerzmitteln brachte Michael Buscher die Bilanzkonferenz pflichtbewusst und stramm wie immer hinter sich. Was die anwesenden Journalisten und Analysten am 5. März nicht wussten: Es sollte sein letzter Auftritt als Firmenchef von OC Oerlikon sein.

Bereits Mitte Januar hatte er den Verwaltungsrat in Kenntnis gesetzt, den Industriekonzern verlassen zu wollen. An der GV vom 30. April sollte die Trennung verkündet werden. Doch unmittelbar nachdem der CEO in der dritten Märzwoche formell die Kündigung eingereicht hatte, rief ihn VR-Präsident Tim Summers aus den Skiferien in den USA an: Die Öffentlichkeit sei sofort zu informieren, Buscher habe den Konzern sofort zu verlassen.

Es war der letzte Kniff in einer Auseinandersetzung, die sich seit dem Amtsantritt von Summers im Mai 2011 hinzog. Der 48-jährige Deutsche und der 46-jährige Brite – das ging nicht miteinander. Da der nüchterne Doktor der Elektrotechnik, strukturiert, detailsicher, beharrlich, preussisch korrekt, bescheiden. Dort der flamboyante Chemieingenieur, der seinen ersten Job mit 16 Jahren auf einer Bohr­insel antrat, willensstark, arrogant, aufbrausend, durchtrieben. Er lasse sich inspirieren vom Mafiafilm «Der Pate», den er regelmässig anschaue, sagte er einst selber. Weitere Vorbilder sind nach eigenen Worten der chinesische General Sunzi («Die Kunst des Krieges») und Machiavelli. «Summers unternimmt grosse ­Anstrengungen, um als selbstbewusst und mächtig wahrgenommen zu werden», beschreibt ihn ein früherer Weggefährte.

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Duftmarken. Am Oerlikon-Hauptsitz in Pfäffikon SZ «lebt er wie ein Sonnen­könig» (ein Kadermann). Im vierten Stock hat er sich ein grosses Chairman’s Office mit fünf Mitarbeitern einrichten lassen, direkt neben dem Topmanagement, und ist dort präsent mit einer Persistenz, die dem Kader Angst einflösst: «Er vertraut dem Management nicht, versucht ständig, alles zu kontrollieren», sagt einer mit Zugang zu dieser Etage. An den Wänden hat Summers als Statussymbol jene teuren Bilder wieder aufhängen lassen, die einst der umstrittene Thomas Limberger angeschafft hatte. Mit dem gescheiterten Ex-CEO teilt Summers die Vorliebe für ausgefallene Autos. In England besitzt er eine Firma zur Restauration von Old­timern, er selber fährt unter anderem einen Bentley aus den 20er Jahren, einen orangefarbenen Lamborghini, natürlich einen Ferrari sowie einen Rolls-Royce Phantom Drophead. Dass er mit diesem fast sechs Meter langen Cabrio häufig am Firmensitz aufkreuzt, sorgt für Irritationen.

Buscher, der aus dem einstigen Pleitekandidaten eine gesunde Firma gemacht hatte, stand Summers vor der Sonne. Denn der sieht sich als wahrer Chef des Dreimilliardenkonzerns. So funkt der Brite zunehmend ins operative Geschäft: «Er versucht immer wieder, Duftmarken zu setzen, um seine Autorität zu zeigen», sagt einer, der es miterlebt. Summers reist an die verschiedenen Firmenstandorte rund um die Welt, gibt Anweisungen auch am CEO vorbei. «Wir erhalten viele Kommentare, wie das Unternehmen zu führen sei», so ein Kadermann. Auch vor Personalentscheiden macht der Präsident nicht halt: Strategiechef Francis Schmeer und HR-Leiter Adrian Cojocaru mussten auf seine Anweisung gehen. Buscher hätte sie gerne behalten.

Dabei machen nicht wenige am Pfäffiker Hauptsitz ein grosses Fragezeichen hinter Summers’ Fachkompetenz. Der Chemieingenieur, der jahrelang im Ölgeschäft tätig war, hat von Textilmaschinen, Getrieben oder Beschichtungsanlagen wenig Ahnung. Gar nicht gut kommt sein Umgang mit den Mitarbeitern an: Als ­arrogant wird er beschrieben, als abgehoben, als jemand, der die Leute anschreit oder falsche Spielchen mit ihnen spielt. «Der macht das sehr bewusst, der ist so gestrickt», sagt ein Leidtragender.

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Weder Buscher noch Summers wollen sich zu den Geschehnissen äussern. Wie aus dem VR zu hören ist, gab es zwischen den beiden keine nennenswerten strategischen Differenzen, aber unterschiedliche Auffassungen bei der Prioritätensetzung und der Abwicklung der diversen Devestitionen im letzten Jahr (Solargeschäft, Pilatus Flugzeugwerke, Natur­faser- und Textilgeschäft). Hauptkonfliktlinie aber war die Frage, ob der Konzern als strategische oder als finanzielle Holding aufgestellt sein solle. Die Konzernleitung etablierte das strategische Modell: operativ unabhängige Sparten, die aber Zugriff haben auf gemeinsame Plattformen wie HR, Beschaffung, Finanzen oder IT-Systeme und so voneinander profitieren. Summers bevorzugt eine Finanzholding, in der die Sparten komplett unabhängig voneinander sind. Damit wären Käufe und Verkäufe von Geschäftseinheiten noch leichter durchzuführen.

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Buscher wird ein gutes Verhältnis zu Hauptaktionär Viktor Vekselberg (48 Prozent der Anteile) und zu dessen Schweizer Statthalter Vladimir Kuznetsov nachgesagt. Doch dass Summers den Konzernchef de facto zum COO degradieren konnte, zeigt, dass der Brite das noch bessere Verhältnis nach Russland hat. Warum genau, ist für Aussenstehende unklar. Klar ist: Nachdem sich Summers 17 Jahre lang bei BP nach oben gearbeitet hatte, wurde er als COO entsandt zum Joint Venture TNK-BP, an dem Vekselberg via Renova beteiligt ist. 2009 lief er zu Renova über und sass fortan am gleichen Verhandlungstisch auf der anderen Seite.

Von Dormann ausgebremst. Als Dank entsandte ihn Vekselberg in den Verwaltungsrat von Sulzer, seiner zweiten gros­sen Schweizer Beteiligung. Auch dort fiel Summers bei Sitzungen mit Monologen und vielen operativen Ratschlägen auf, sehr zum Unwillen des Kaders. Gegen den mächtigen und prinzipientreuen Präsidenten Jürgen Dormann (siehe BILANZ 06/2013: «CEOs sind gefährliche Tiere») hatte er jedoch keinen Stich. Ein Jahr später aber zog Vekselberg seinen Vasallen Kuznetsov vom Oerlikon-Präsidium ab, um ihm in Russland grös­sere Aufgaben zu übertragen. Als Nachfolger installierte der Oligarch Summers – für diesen die grosse Chance, seinen Selbstverwirklichungstrieb auszuleben. Seither residiert der Brite in der Schweiz, zunächst an der Goldküste, ­inzwischen am Seeufer von Oberägeri, während seine Familie weiterhin in London wohnt. Für sein präsidiales Wirken bei Oerlikon erhielt Summers letztes Jahr 517 000 Franken (Buschers Salär lag bei 3,5 Millionen).

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Derweil verstärkt Summers seinen ­Zugriff auf den Konzern. Die zwei Verwaltungsräte Reyad Fezzani und Wolfgang Tölsner verlassen nach nur einem bzw. drei Jahren das Gremium. Ihnen wurde von Summers signalisiert, dass ihre weitere Mitarbeit nicht mehr erwünscht sei. Nur einer von ihnen soll ersetzt werden. Waren vorher die unabhängigen Aktionärsvertreter gegenüber den Vekselberg-Abgesandten in der Mehrzahl, so steht es in Zukunft drei zu drei. Den Stichentscheid hat dann Tim Summers.

Interimistisch hat CFO Jürg Fedier den Chefposten übernommen. Weil der Rest der Konzernleitung verwaist ist (HR-Chef Cojocaru und COO Thomas Babacan wurden nicht ersetzt), wird sein wichtigster Ansprechpartner Summers sein. Das Suchmandat für die Nachfolge Buschers erhielten die Headhunter von Spencer Stuart. Ein CEO, der so mit sich umspringen lässt, wie das Summers gern hätte, dürfte freilich schwer zu finden sein. So würde es nicht wundern, wenn sich der egozentrische Präsident gleich selber offiziell als Chef installierte. De facto ist er es ja schon.

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