Herr Grainger-Herr, wir sitzen auf der Baustelle der neuen IWC-Produktionsstätten etwas ausserhalb von Schaffhausen. In wenigen Monaten ziehen Ihre Leute ein. Aufgeregt?
Christoph Grainger-Herr*: Nein, das trifft es nicht. Es ist vielmehr eine Art Ergriffenheit, die mich erfasst, wenn ich daran denke, was hier entsteht. Ich war bei den ersten Ideen und Planungsschritten dabei, bald ist alles fertig. Eine Manufaktur, welche die Zukunft von IWC über viele Jahrzehnte prägen wird.

IWC hat den Bau der neuen Manufaktur zwischenzeitlich auf Eis gelegt, dann aber - mitten in einer grossen Krise der Uhrenbranche - wieder aufgenommen. Ein Zeichen?
Unbedingt! Wir wollen damit ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für einen sehr positiven Ausblick in die Zukunft, ein Zeichen für Wachstum, ein Zeichen für unser Vertrauen in den Standort Schaffhausen - und für unser Vertrauen in hochwertige, mechanische Uhren.

Ein Zeichen haben Sie auch damit gesetzt, dass IWC als eine der ersten grossen Uhrenmarken mit E-Commerce Ernst gemacht hat. Seit rund einem halben Jahr verkaufen Sie Ihre Uhren über den Herren-Online-Shop Mr. Porter und das weibliche Pendant Net-a-Porter. Wie ist das angelaufen?
Sehr gut. Unser Distributionsnetzwerk und die Kanäle, auf denen wir mit den Kunden kommunizieren, befinden sich in einer Phase der Evolution.

Evolution? Eher Revolution!
Nein, das sehe ich anders. Es ist ja nicht so, dass ein Distributionskanal den anderen ablöst. Wir werden unsere Boutiquen und unser Händlernetzwerk selbstverständlich weiterpflegen - aber unsere Uhren auch online verkaufen. Ähnlich ist es im Austausch mit unseren Kunden. Wenn jemand mit uns telefonieren möchte, dann telefonieren wir mit ihm und zwingen ihm nicht einen anderen Kommunikationskanal auf. Wir freuen uns aber auch, wenn er drei Stunden in einem unserer Flagship-Stores verbringt. Dass wir auf E-Commerce setzen, heisst nicht, dass es keine physischen Boutiquen mehr braucht. Klar ist: Wenn der Kunde online eine IWC-Uhr kaufen möchte, soll er das tun können. Aber - und das ist ganz wichtig - nicht bei einem Drittanbieter, der die Authentizität und Qualität nicht garantieren kann.

Anzeige

Da IWC bei Net-a-Porter und Mr. Porter ja bestens aufgehoben. Beide Shops sprechen ein gehobenes Kundensegment an.
Wichtig ist für uns vor allem, dass die beiden Shops stark im editorialen Bereich sind.

Das bedeutet?
Net-a-Porter erzählt Geschichten mit Produkten, Mr. Porter ebenso. Sie liefern so einen emotionalen Mehrwert. Die Shops sind so etwas wie ein kuratiertes Personal-Shopping-Angebot.

Aber fürs Geschichtenerzählen brauchen Sie doch nicht Net-a-Porter! Das können Sie doch selbst!
Sicher. Net-a-Porter integriert unsere Produkte aber auch - und das ist der zweite wichtige Punkt für uns - in Mode- und Style-Geschichten. Diese zeigen unsere Uhren aus einem anderen Blickwinkel. Und das wiederum erschliesst uns neue Kundengruppen.

Die Frauen erobern die Männerbastion IWC?
Genau. Der Anteil der Damenkundschaft ist auf beiden Plattformen deutlich höher als in unserem traditionellen Netzwerk. Kleider, Handtaschen, Schuhe - und eine IWC.

Wie hoch ist denn der Frauenanteil online?
Rund 40 Prozent.

Und im Ladennetz?
Etwa ein Viertel. Ziemlich beachtlich für eine Marke, die jahrelang gar keine speziellen Damenmodelle im Programm hatte.

Net-a-Porter und Mr. Porter gehören - wie IWC - zu Richemont, sind der Marke also quasi freundschaftlich verbunden. Wird IWC dennoch einen eigenen Online-Shop lancieren?
Das ist keine Frage. Das kommt.

Wann?
Bald.

Und werden Sie den IWC-Shop mit dem Händlernetz verbinden?
Sicher. Der Kunde kann die Uhr beim Händler seiner Wahl abholen, wenn er will. Wir schicken sie ihm aber auch nach Hause. Und wir helfen unseren Händlern, die online gehen wollen.

Sie haben IWC von Georges Kern übernommen, treten in die Fussstapfen von Mr. IWC. Das sind doch beachtlich grosse Fussstapfen.
Da haben Sie recht. Georges Kern hat die Marke IWC wahnsinnig viel weitergebracht. Und ich hatte das grosse Glück, zehn Jahre lang eng mit ihm zusammenzuarbeiten.

Und jetzt wird alles anders?
Natürlich nicht. Vieles von dem, was man heute als IWC wahrnimmt, haben wir gemeinsam entwickelt. Dass er mir IWC anvertraut hat, erfolgte daher im Bewusstsein, dass strategische Kontinuität gewährleistet ist. Zudem teilen wir die gleiche Markenvision und auch das ästhetische Grundverständnis.

Gutes Stichwort! Nennen Sie mir doch bitte drei Uhren, die Ihnen besonders gefallen. Und bitte nicht nur aus dem eigenen Haus.
Erstens: IWC Da Vinci Perpetual Calendar Chronograph. Zweitens: IWC Big Pilot. Drittens: IWC Portofino Hand-Wound Monopusher.

Nicht nur aus dem eigenen Haus, bitte.
Dann die Audemars Piguet Royal Oak Diver.

*Christoph Grainger-Herr ist CEO von IWC Schaffhausen

Das sind die Uhrentrends 2017: