Das Entwicklungsland Indien ist für viele Bürolisten zum Schreckgespenst geworden. Zehntausende von bestens ausgebildeten Technikern und fleissigen Ökonomen würden nur darauf warten, den Angestellten in Europa und Nordamerika die Arbeit wegzuschnappen. Der Schweizer Marc Vollenweider sieht es weniger dramatisch, obwohl sein indisches Unternehmen Evalueserve die Angestellten in der Schweiz durchaus das Fürchten lehren könnte.

Vollenweider ist Chef und Mitbegründer einer hoch spezialisierten Dienstleistungsfabrik in der Nähe von Delhi: 300 Angestellte führen Outsourcing-Aufträge für 200 westliche Firmen aus. Darunter sind auch 40 Schweizer und süddeutsche Gesellschaften. Das Unternehmen wächst rasant. Es stellt pro Monat 10 bis 15 Spezialisten an, nicht wenige davon haben zwei Uniabschlüsse, etwa ein technisches Diplom und ein MBA. Die Inder sind ehrgeizig und wollen schnell Karriere machen. Wer bei Evalueserve als Hochschulabsolvent einsteigt, kann mit einem Jahresgehalt von 8000 Dollar rechnen.

Neuartige Dienstleistungen

Solche Angestellten sollen also wirklich keine Konkurrenten sein für Zürcher Dienstleister und New Yorker Asset Manager? «Wir erledigen unzählige Dienstleistungen, die es vor einigen Jahren noch gar nicht gegeben hat», beruhigt Vollenweider. Er hält sich in Zürich auf, um Kunden zu besuchen und zu gewinnen.

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Auf dem Programm steht ein Besuch bei einem Zürcher Asset Manager. Ein Analyst dieser Firma behält neben anderen Verpflichtungen auch Anlageregionen in Asien im Auge. Doch er kann sich der Sache nicht so ausführlich widmen, wie er möchte. Mitarbeiter von Evalueserve erarbeiten nun Entscheidungsgrundlangen. Ein anderer Kunde ist die auf ökologische Anlagen spezialisierte Sam-Group. Seit rund drei Monaten liefert das indische Unternehmen allgemein zugängliche Umweltdaten von asiatischen Gesellschaften nach Zürich. «So bleibt uns mehr Zeit für die eigentliche Analyse», sagt Reto Ringger von der Sam-Group. Die Firma hat also keine Stellen gestrichen, sondern ihren Radius erweitert.

Vollenweider bleibt deshalb bei seinem Urteil, schwächt es aber etwas ab: Das so genannte Offshoring sei höchstens für schlecht ausgebildete Arbeitskräfte eine Gefahr. Der Firmenmanager schliesst ein Plädoyer an: Es sei daher umso wichtiger, in das Bildungssystem zu investieren.

Der Chef auf Reisen

Offshoring gilt bei Evalueserve auch für die Chefs, allerdings in umgekehrter Richtung. Der Schweizer Manager hält sich nur vier mal pro Jahr für einige Wochen bei seiner indischen Firma auf. Seine Basis liegt in Österreich, in der Nähe der europäischen Kunden. «Eine Gesellschaft wie Evalueserve kann man nicht von hinten führen», sagt Vollenweider, früher Partner von Mc Kinsey. Gleich hält es sein Geschäftspartner, der Inder Alok Aggarwal. Vollenweider hat Ende 2000 mit dem ehemaligen IBM-Manager die Gesellschaft gegründet. Aggarwal wohnt in der Nähe von New York und kreuzt ebenfalls nur sporadisch auf in Delhi. Sonst kümmert er sich um den amerikanischen Markt.

Dabei haben Vollenweider und Aggarwal nicht nur Finanzfirmen im Visier. Angepeilt werden auch Industriegesellschaften. Die indischen Akademiker führen Marktstudien aus, wenn beispielsweise ein Maschinenunternehmen in ein neues Land liefern will. Wie sind die Absatzchancen und die Vertriebsmöglichkeiten in diesem neuen Markt? Wer kommt als Vertriebspartner in Frage? Ein weiteres Feld sind die Patentanalysen. Vollenweiders Inder identifizieren die gefährlichsten Konkurrenten oder ackern die Patente von zwei Biotechgesellschaften durch, die fusionieren möchten. Eine Patentanmeldung würden seine Leute in sechs Wochen erledigen, verspricht Vollenweider.

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Trotz dieser Fülle von Dienstleistungen hat das Offshoring aber seine Grenzen. Am wenigsten um den Arbeitsplatz fürchten muss auch in fernerer Zukunft, wer mit Kunden zu tun hat. Evalueserve beschäftigt denn auch nur so genannte Junior Analysts: Für die Senior Analysts in den grossen Finanzzentren bereiten sie Entscheidungsgrundlagen vor, indem sie Daten sammeln, Hypothesen testen, das Branchenumfeld untersuchen und Excel-Daten abfüllen. Den Kontakt mit Investoren und Emittenten behalten aber die Senior Analysts. Der Kollege in Indien hilft höchstens, Treffen vorzubereiten.

Indien hat auch Tücken

Diese Art von Arbeitsteilung wird weiter zunehmen, obwohl längst nicht jede Firma mit dem Outsourcing in Indien gute Erfahrungen gemacht hat. Einigen sind die Kosten aus dem Ruder gelaufen, andere kamen mit gewissen Eigenarten der indischen Mitarbeiter nicht klar. Ins Trudeln gerieten besonders auch so genannte Captives, also Tochterunternehmen des Auftraggebers. Doch von seinem Geschäftsmodell ist Vollenweider überzeugt. Mit 300 Angestellten habe die Firma die nötige Grösse, um mit diversen Branchen geschäftliche Kontakte knüpfen zu können. Die Mitarbeiter würden teils bei den Kunden geschult, und Verträge regelten das Auftragsverhältnis klipp und klar. Mit einer Investment Bank hat Evalueserve einen 72-seitigen Vertrag geschlossen, um Missverständnisse gar nicht aufkommen zu lassen.

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Dieses Rezept will Vollenweider kopieren: «Indien ist für Evalueserve ein bedeutender Standort, er wird aber nicht der einzige bleiben.» Gesucht wird ein «Hub», damit Dienstleistungen auch in weiteren Sprachen angeboten werden können.