Da ist alles drin, was den Blutdruck eines Wirtschaftsführers ins Wallen bringt: Action, Dramatik, Kritik, Verunsicherung. All das ist diese Woche beim Industrieriesen ABB zu haben – und als Höhepunkt der abrupte Abgang von ABB-Chef Ulrich Spiesshofer diesen Mittwochmorgen, nach fast sechs Jahren an der Spitze des Konzerns. 

Und mitten drin steht Peter Voser, der ABB-Präsident, entspannt, gut gelaunt. Nichts, kein Kladderadatsch und auch die kurze Nacht von Dienstag auf Mittwoch können Voser erschüttern. Ganz im Gegenteil. Der Präsident parliert mit den Journalisten, die ihn mit Fragen löchern, redet sie – ganz angelsächsisch – mit Vornamen an («Hello Ernst», «Hi Daniel») und bittet um Erbarmen für seinen Finanzchef, der so gerne über die neuen Quartalszahlen reden möchte. Doch am Tag der Trennung vom Konzernchef ist keiner am Zahlenkrimskrams interessiert.

Es sind jene wilden Tage, die Voser so sehr liebt. Richtige Krisen zögen ihn an, sagte er einst im Interview. Und: «Ich brauche turbulente Zeiten, um mich entfalten zu können.» Damals war der Manager aus dem Aargau, ausgestattet mit einem KV- und einen HWV-Abschluss, eben zum Finanzchef des Weltkonzerns Royal Dutch Shell berufen worden. Ein Karrieresprung ganz nach Vosers Gusto: Royal Dutch Shell steckte in der Krise, er blühte auf. 

Spiesshofers One-Man-Show

Gelegenheit zur persönlichen Entfaltung bietet ihm jetzt ABB. Am Dienstagabend tagte sein Verwaltungsrat und traf zwei wichtige Entscheide. Erstens: Die Strategie ist richtig, aber sie muss beschleunigt umgesetzt werden. Zweitens: Spiesshofer ist der falsche Mann, um den Industrieriesen in die Zukunft zu führen. 

Dass es eng für Spiesshofer würde, wusste Voser schon länger. Zwar gilt Spiesshofer als smarter Denker, aber bei der Umsetzung happerte es gewaltig. In den letzten Wochen sind Voser offenbar Interna zu Ohren gekommen, die ihn vollends überzeugten, den Abgang seines CEO zu forcieren. Einzelne Topkader sollen Spiesshofers Führungsstil kritisiert haben. Dieser sei geprägt von Führungsstärke, aber er stehe auch für eine «One-Man-Show», wie sich ein Kadermann ausdrückt. 

Investoren haben in den Spiesshofer-Jahren gelitten

Spiesshofer hat seit seinem Antritt vor bald sechs Jahren den Konzern geprägt, ja dominiert. Auf seinem Pult liefen sämtliche Fäden aus dem weltumspannenden und hochkomplexen Konzern zusammen. Der promovierte Ökonom, der zuvor als Unterneh-mensberater Karriere machte, gilt bei seinen Mitarbeitenden als Mikromanager, der alles entscheiden will. Das Wort vom «Kontrollfreak», versehen mit einer kurzen Lunte, macht vielenorts die Runde. Als Chefverkäufer vor Investoren und Analysten hat er es derweil zur wahren Meisterschaft gebracht. «Next Level Strategy», «Writing the Future» oder «Value Creation» lauteten die Marketingcodes, die er ihnen in Hochglanz servierte.

Deren Umsetzung liess freilich auf sich warten, wie der Aktienkurs zeigt. Die ABB-Investoren haben in den fast sechs Spiesshofer-Jahren gelitten. Die Aktie verlor total 6 Prozent an Wert. Am Mittwoch, dem Tag seines Abgangs, legte sie 5 Prozent zu.

Machtverschiebung in die vier Divisionen

Die letzte Spiesshofer-Show unter der Affiche «Shaping a Leader» ging Ende Februar im der «Stage One»-Halle in Zürich über die Bühne. Mit Pauken und Trompeten präsentierte er die neue Strategie, die der Verwaltungsrat unter Peter Voser durchgedrückt hatte. Diese setzt nicht auf Zentralisierung, sondern exakt aufs Gegenteil: Machtverschiebung von der Zentrale in die vier Divisionen Elektrifizierung, Industrieautomation, Antriebstechnik sowie Robotik und Fertigungsautomation. Die Divisionschefs, die künftig ihre Einheiten mit unternehmerischer Verantwortung führen sollen, durften bei der Präsentation zwar auch auf die Bühne steigen. Doch der Zeremonienmeister liess keinen Zweifel: Ich bin der Boss. 

Das aber war genau das Gegenteil dessen, was Voser vorschwebte. Denn der will ABB, diesen behäbigen Supertanker, zum agilen Flottenverband umbauen. Nicht mehr die Zentrale in Zürich soll verantwortlich sein, sondern die Divisionsleiter, die bei den Kunden und bei den Märkten sind. 

Letztlich konnte Spiesshofer dem Gebot eines harten Kulturwandels wenig abgewinnen. Ausrechnen konnte er sich auch: Als künftiger ABB-Chef mit sehr beschränkter Exekutivmacht wäre sein 9-Millionen-Salär nicht mehr zu rechtfertigen gewesen. 

Mehr Unternehmertum, mehr Risiko

Richtig, ein Kulturwandel sei jetzt gefordert, betont Voser. Auch mehr Unternehmertum und Risikobereitschaft auf allen Stufen. Auffallend ähnlich tönt es beim wichtigsten Aktionär, der Finanzgesellschaft Investor AB, die der schwedischen Industrieclan Wallenberg kontrolliert. Man stehe voll hinter der neuen Strategie von ABB mit «einer vereinfachten und dezentralen Struktur», schreibt Investor-AB-Sprecherin Viveka Hirdman-Ryrberg auf Anfrage. 

Der Weg zur neuen ABB wird für den Spiesshofer-Nachfolger zum Kraftakt. Das umzusetzen, was der Verwaltungsrat vorgezeichnet hat, wird im Minimum zwei Jahre benötigen. Es werden «turbulente Zeiten» – ganz nach Peter Vosers Geschmack.

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