Wir von der Post sind halt immer noch die Besten.» Hans Stäheli lächelt nur leicht ironisch, denn eigentlich glaubt er, was er sagt. Im 860-Seelen-Dorf Homburg auf dem thurgauischen Seerücken führen Hans und Trudi Stäheli die Poststelle, eingemietet bei der Raiffeisenbank. Die Plakate neben dem Eingang künden den Brunch auf dem Bauernhof, ein Plausch-Motocross und einen Seilziehwettbewerb an: Hier ist die Welt noch in Ordnung, auch jene der Post. Das Publikum zumindest bekommt dieses idyllische Bild – die Experten dagegen erkennen es als Kulisse, die existenzielle Probleme verdeckt.

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Das Ehepaar bringt auf seiner Tour am Vormittag Briefe und Pakete auf die weit verstreuten Bauernhöfe und bietet seit einem Jahrzehnt auch einen inoffiziellen Hausservice an: Wenn es die Kunden mit einem Stelltäfelchen auf dem Briefkasten anzeigen, nehmen die Boten Post oder Einzahlungen entgegen, ein Schwatz inbegriffen: «Dafür opfere ich meine Freizeit», sagt Hans Stäheli.

Davor und danach bedient das Paar während insgesamt viereinhalb Stunden rund drei Dutzend Kunden, einen pro acht Minuten Öffnungszeit. Es wägt Pakete, stempelt Einzahlungsscheine, verkauft Swisslose und empfiehlt den Kunden auch die Konten, Fonds oder Lebensversicherungen von PostFinance, da vom Verkaufserfolg der in einem Band zwischen 90 und 110 Prozent schwankende Lohn abhängt. Allerdings findet Trudi Stäheli: «Eigentlich habe ich diesen Beruf nicht ergriffen, um als Verkäuferin zu arbeiten.»

Ende Jahr geht Hans Stäheli nach vier Jahrzehnten bei der Post in Pension, später auch sein Kollege im drei Kilometer entfernten, mit Homburg politisch vereinten Weiler Hörhausen; dann bestehen die beiden Poststellen wohl nur als Filialen weiter. «Die Kunden», weiss das Paar, «merken aber nichts davon.» Auch in der thurgauischen Provinz bietet die Post weiterhin einen perfekten Service public wie seit eineinhalb Jahrhunderten schon.

Allerdings nur, solange es sie noch gibt. «Auf der finanziellen und der kommerziellen Ebene ist die Zukunft der Post auf mittlere und lange Frist nicht gesichert», stellt Professor Matthias Finger fest: Sie schreibe zwar gegenwärtig schwarze Zahlen, doch angesichts der ungewissen Aussichten genügten die Gewinne – 5 Prozent Rendite auf 6,9 Milliarden Franken Betriebsertrag – nicht.

Der Ökonom lehrt seit 1995 in Lausanne das Management von öffentlichen Unternehmen, bis vor zwei Jahren an der Verwaltungs-Hochschule Idheap, seither an der EPFL. Die Post finanziert seinen Lehrstuhl mit, aber das hindert ihn nicht daran, ihren Umbau kritisch zu begleiten. Dieser drängt sich auf, denn das Schweizervolk nimmt seine Post zwar noch immer als nationale Institution wahr, doch die Privatkunden tragen nur 20 Prozent zum Umsatz bei. 80 Prozent kommen von den Geschäftskunden, 47 Prozent von den 500 grössten. Und um diese Schlüsselkunden muss die Post kämpfen. «Der Postmarkt ist mehr und mehr ein internationaler Markt», weiss Matthias Finger, «und er ist ausserdem gekennzeichnet durch einen stetig härter werdenden Wettbewerb.»

Einerseits bekommt die Post – auf Grund der Liberalisierung, welche die EU seit zwölf Jahren durchzieht – immer schärfere Konkurrenz von privaten Expressdiensten oder globalen Logistikunternehmen. Von den Paketen verteilt sie noch drei Viertel, von den Sendungen ohne Adresse zwei Drittel, von den Expressbriefen 36 Prozent: «Das ist der höchste Anteil einer nationalen Post», betont die Unternehmensführung, «aber wir stehen im Überlebenskampf.»

Anderseits brechen bei den Briefen wegen der Substitution durch E-Mails die Umsätze weg: Sie nahmen bei der A-Post in den letzten zwei Jahren von 860 auf 760 Millionen ab, also um 12 Prozent; seit 2000 gaben die Privatkunden 27 Prozent weniger Briefe und 32 Prozent weniger Pakete auf. Und gemäss Experten wird der physische Postverkehr zwischen den Unternehmen in den nächsten zehn Jahren um mehr als drei Viertel zurückgehen. Professor Matthias Finger meint deshalb: «Die Suche nach einem verlässlichen, dauerhaften und nachhaltigen Businessmodell wird für die Post zu einer bedeutenden Herausforderung.»

Der Markt schwindet auf Grund von Substitution, und der Marktanteil schrumpft wegen aufkommender Konkurrenz: Jedes normale Unternehmen würde schnelle und scharfe Massnahmen ergreifen, also die Kosten senken, ein Dienstleister zwangsläufig mit einem Abbau des Personals. Aber die Post ist kein normales Unternehmen, sondern ein nationales Heiligtum: Über ihre Zukunft wird nicht im Kundenkontakt in der Provinz und auch nicht bei der Marktanalyse an der Hochschule entschieden, sondern im Bundeshaus und letztlich sogar an der Urne.

Er betrachte die Reorganisation der Post seit Anfang der Neunzigerjahre zwar als Erfolg, sagt Matthias Finger, die Transformation hätte allerdings schneller geschehen müssen: «Als kritischer Beobachter muss ich jedoch einräumen, dass für Verzögerungen weniger die Post als vielmehr das soziopolitische Umfeld der Schweiz verantwortlich ist.»

Denn in der ohnehin dissonanten Schweizer Politik herrscht, was die Post angeht, die Kakofonie. Zwar gilt schon seit 1998 das neue Postgesetz: Es macht die Post – zuvor im Bundesamt für Transport, Kommunikation und Energie nur eine Behörde ohne eigene Budgets und Konten – zum eigenverantwortlichen Unternehmen. Dieses muss das Annehmen und das Zustellen von Sendungen «in der Regel an allen Werktagen, mindestens aber an fünf Tagen pro Woche» gewährleisten; es muss garantieren, dass es den Universaldienst in guter Qualität sowie in allen Regionen nach denselben Prinzipien und zu «ausgewogenen» Preisen erbringt, und es sollte dabei erst noch Gewinn erzielen, also den angeschlagenen Staatshaushalt nicht weiter belasten. Wie es diesen Auftrag erfüllt, steht ihm frei – im Prinzip. Denn wie jeder, der einmal einen Ball gekickt hat, Nationaltrainer werden könnte, weiss auch jeder, der schon eine Briefmarke aufgeklebt hat, wie die Post zu führen ist.

Ausserdem eignet sie sich, da die meisten Stimmbürger alltäglich mit ihr Kontakt pflegen, wie kein anderes Thema für das beliebteste Spiel in der parlamentarischen Demokratie: das Vertreten von Partikularinteressen. Vor allem mit Vorstössen kann sich ein Parlamentarier leicht bei seinem Wahlvolk in Erinnerung rufen – sie kosten ihn kaum Aufwand, nur die Arbeitskraft von ein paar Dutzend der höchstbezahlten Angestellten der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

Nationalrat René Vaudroz (FDP/VD), der sich im Prinzip für einen Service public ausspricht, «der sich an die neuen Realitäten des Marktes anpasst», fragte so in einer Interpellation, ob nach der Schliessung von fünf Poststellen in der 6617-Seelen-Gemeinde Ollon die Parkplätze bei der verbleibenden zentralen Poststelle genügten.

Ex-Nationalratspräsidentin Liliane Maury Pasquier (SP/GE), die eben noch als höchste Schweizerin die Interessen der Nation wahrte, störte sich daran, dass die Besitzer von Ferienhäusern den Hausservice, der «zur Zufriedenheit seiner Benützerinnen und Benützer zu funktionieren scheint», nicht nutzen könnten – der Bundesrat belehrte sie, wenn es keine adressierten Sendungen zuzustellen gebe, mache es «keinen Sinn, von der Post zu verlangen, dass die Zustellperson die Briefkästen der Ferienhäuser dahingehend überprüft, ob die Bewohner nun gerade in den Ferien weilen».

Und Nationalrat Didier Berberat (SP/NE) ärgerte sich darüber, dass «Schweizer Poststellen immer deutlicher den störenden Drang verspüren, sich in regelrechte Basars zu verwandeln», und fragte die Landesregierung an, wie sie sich zum Verkauf von Strandsandalen und Sockenabonnementen stelle. Die Auswahl, die sich verlängern liesse, ist übrigens nicht zufällig Romandie-lastig: Die Welschen, die sich als Minderheit mit Milliarden an Transferzahlungen vergolden lassen, messen dem «Service public als vom Staat garantierte Rechtsgleichheit» einen höheren Stellenwert zu, sagt Nationalrat Christian Levrat (SP/FR).

Der 34-jährige Profi-Postpolitiker verdankt seine steile Karriere allein diesem Thema. Nach dem Politologiestudium stieg er zuerst bei der Flüchtlingshilfe und darauf bei der Gewerkschaft Kommunikation ein. Als die Post im Herbst 2002 ihre Pläne ankündigte, die Briefe nur noch in drei Zentren auf dem neusten Stand der Technik zu sortieren, brachte er als Zentralsekretär seine Leute mit Brandreden auf die Strasse und die PostFührung schliesslich zu einer Lösung, die nicht den betriebswirtschaftlichen Bedürfnissen, sondern den regionalpolitischen Forderungen entspricht.

Der «junge Mann, der die Post in die Knie zwang», wie ihn die Medien seither ehrfürchtig nennen, schaffte letzten Herbst die Wahl ins nationale Parlament. Er führte, inzwischen Gewerkschaftspräsident, seine Mission bereits mit einer Interpellation weiter, in der er den Auftrag des selbstständigen Unternehmens PostFinance für eine indische Informatikfirma anprangerte. (Der Bundesrat antwortete ihm, der angebliche Abbau von 70 Informatikerstellen bei den IT-Services der Post sei kein Abbau, sondern eine Verschiebung von Stellen von Lausanne nach Bern beziehungsweise von Aarau nach Zürich; die Leute behielten ihre Stellen, und «mit Mobilitäts- und Umzugspauschalen sowie eventuellen Umschulungen sollen die Arbeitsplatzverschiebungen sozialverträglich ausgestaltet werden» – so viel zu den immer unsozialeren Arbeitsbedingungen bei der Post.) Und Christian Levrat tritt auch als treibende Kraft für die Initiative «Postdienste für alle» auf.

Das Volksbegehren, über das am 26. September an der Urne entschieden wird, trägt einen irreführenden Titel. Dass der Bund eine Grundversorgung mit Postdiensten garantiert, «welche den Bedürfnissen und Erwartungen der Bevölkerung und der Wirtschaft entspricht», schreibt – von den unökonomisch vagen Begriffen einmal abgesehen – auch das geltende Gesetz fest.

Die Post hat zwar die Zahl der Poststellen in den letzten drei Jahren von 3390 auf 2722 abgebaut und strebt eine Zahl von rund 2500 an. Sie steht im internationalen Vergleich aber bei verschiedenen Kriterien wie der Distanz zur nächsten Poststelle oder der Anzahl pro Fläche weiterhin an erster Stelle. Und sie bietet Alternativen an wie Agenturen (von Partnern wie Detaillisten oder Gemeinden betrieben), Filialen (einer grösseren Poststelle unterstellt, bis zu vier Stunden täglich geöffnet) oder Hausservice (Postschalter an die Haustür verlegt): Dieser Service kommt gemäss Befragungen – mit drei Vierteln «sehr gut» oder «gut» – bei den Kunden ebenso gut an wie jener der Poststellen. Die Schweiz leistet sich also bei den «Postdiensten für alle» weiterhin ein weltweit einzigartig luxuriöses Angebot.

Trotzdem behaupten die Befürworter des Begehrens, es gehe am 26. September um die Zukunft der Post, nämlich darum, dass der Staat sich mittels einer Finanzgarantie klar und deutlich zur Grundversorgung bekenne: «Unsere gute alte Post sollte das wohl wert sein.» Denn sie sei «ein wichtiger Teil unserer Heimat», nämlich «ein wertvolles Bindeglied unserer vielfältigen Kultur».

Den Patriotismus müssten sich die Steuerzahler allerdings eine halbe Milliarde Franken kosten lassen: 460 Millionen betrugen letztes Jahr die ungedeckten Aufwendungen des Poststellennetzes – die Geschäftsfelder Mail (Briefe) und Logistics (Pakete) mussten mit ihren Monopolgewinnen dafür aufkommen (siehe «Das grosse Loch in der Kasse» auf Seite 76). Die geschützten Bereiche und damit die locker erzielten Überschüsse schrumpfen jedoch: Seit diesem Jahr können die Konkurrenten alle Pakete ausliefern, auch unter der bisherigen Monopolgrenze von zwei Kilo; ab 2006 bleibt die Post nur noch bei den Briefen unter 100 Gramm ohne Wettbewerb. Weshalb will sich die Unternehmensführung also ihre ungedeckten Kosten nicht einfach vom Bund abgelten lassen, wie es die Initiative verlangt?

«Wir stehen in Zukunft mit den privaten Anbietern in einem noch härteren Konkurrenzkampf», sagt Post-Chef Ulrich Gygi. Denn die Wettbewerber dürfen künftig, wie bisher bei den Paketen, auch für Briefe und Express-Sendungen ihre eigenen Netze aufbauen. Der Deutsche Paket-Dienst (DPD), eine Tochter der französischen Post, arbeitet jetzt mit den Schweizer Papeterien zusammen. Und der globale Expressdienst UPS hat in den USA und in Deutschland eine Kette von Shops gekauft, in denen er neben den Postleistungen auch einen Kopierservice anbietet.

Die Post brauche Flexibilität, um solchen Herausforderungen zu begegnen, betont Ulrich Gygi: «Ein einbetoniertes Poststellennetz wäre ein Hemmschuh.» Grundsätzlich wäre es der falsche Ansatz, den Status quo zu bewahren und künftig mit Staatsmitteln zu bezahlen. Denn die Post könne ihren widersprüchlichen Auftrag – flächendeckender Universaldienst einerseits, kostengünstige Produktion anderseits – mit den bestehenden Gesetzen erfüllen, sagt ihr Chef, «wenn wir genügend Handlungsspielraum bewahren können». Das bedeutet im Klartext: Er traut sich zu, die Post selbst mit ihren staatspolitischen Pflichten und in ihrem globalisierten Markt erfolgreich zu führen, wenn man ihn nur machen liesse wie jeden anderen Unternehmensleiter auch.

Ulrich Gygi ist der dritte Post-Chef, der sich daran versucht, aus dem nationalen Heiligtum ein ganz normales Unternehmen zu machen. Der Erste war Jean-Noël Rey, als Unterwalliser, Gewerkschaftler, ehemaliger SP-Fraktionssekretär und Berater von Bundesrat Otto Stich eigentlich eine Idealbesetzung. Ihm gelang denn auch – gemäss seinem Vordenker Matthias Finger – nicht weniger als eine «Kulturrevolution». Dank der schon 1991 beschlossenen Optimierung der Führungsstrukturen samt Kostensenkungsprogramm schrieb die Post 1996 erstmals in ihrer Geschichte schwarze Zahlen.

Das Projekt TOP, die Revision des Postgesetzes, führte per 1998 zur Trennung von den Telefönlern, die bis dahin mit ihren Milliardengewinnen die Pöstler quersubventioniert hatten. Und das Projekt «Change Post», für Professor Finger ein «radikaler Bruch mit der Vergangenheit», richtete den selbstverantwortlichen Konzern mit der Abschaffung der Kreispostdirektionen auf den Markt aus und schuf mit einer Ausbildungsinitiative für alle Beschäftigten eine neue Unternehmenskultur.

«Die Schweizerische Post hat sich in weniger als zehn Jahren in all ihren Bereichen massiv verändert», stellt Matthias Finger fest. Er findet erwähnenswert, «dass der ganze Prozess ohne Entlassungen und mit einem positiven finanziellen Resultat durchgeführt wurde». Mit dem Gehabe eines Sonnenkönigs schuf sich Jean-Noël Rey allerdings trotzdem Feinde; als er sich mit seinem Gemauschel zu Gunsten von Familie und Freunden Blössen gab, stürzten sie ihn denn auch 1998 – er baute in den letzten Jahren das Schweizer Geschäft von DPD auf und sitzt jetzt als Nationalrat mit Christian Levrat in der SP-Fraktion.

Als sein Nachfolger kam, beim Anbruch der kurzlebigen Ära der New Economy, Reto Braun. Der Appenzeller war bei einem kanadischen IT-Unternehmen aufgestiegen, dort galt er gemäss «Weltwoche» als «Visionär, bei dem es mit der Umsetzung von Ideen in die Praxis hapert». Mit dem Milliardenprojekt Yellowworld wollte er die Post ins Internet-Zeitalter katapultieren; mangels Rentabilität schloss sie ihr aufwändiges Portal allerdings nach zwei Jahren wieder. Reto Braun zog schon Anfang 2000 zum schnell verglühenden Börsenstar Fantastic weiter, ohne dass ihn jemand zurückhalten wollte.

Auf ihn folgte wieder ein Manager nach dem Modell von Jean-Noël Rey: Ulrich Gygi, bei seiner Berufung Chef der Eidgenössischen Finanzverwaltung, kennt sich mit finanziellen Engpässen und ökonomischen Zwängen aus, aber er ist ein treuer Staatsdiener und Sozialdemokrat – was seine Partei nicht daran hindert, einen ihrer besten Männer als Verräter abzukanzeln und als Ketzer auszustossen.

Als Unternehmenschef kann Ulrich Gygi seine beiden grossen Probleme unmöglich dem Parteiprogramm konform lösen. Er muss einerseits gewinnträchtigen Ersatz für das wegbrechende Geschäft finden. Die Post kämpft um ihre Schlüsselkunden, indem sie ihnen dank internationalen Kooperationen die ganze Logistik abnimmt und mit den Möglichkeiten des Internets Lösungen wie Hybrid-Post (Ausdrucken von elektronisch übermittelten Massensendungen) anbietet. Und sie baut PostFinance, den Goldesel seit der Trennung von der Telekom, zur Retail-Bank aus, die inzwischen auch Kredite und Hypotheken vergibt.

Dafür erntet Ulrich Gygi den Applaus der Linken. Aber er weiss: «Was wir aufbauen, kompensiert nicht, was wir abbauen.» Er muss deshalb anderseits angesichts der schrumpfenden Umsätze die Kosten anpassen, vor allem jene für das Personal. Dabei behindern ihn allerdings Bundespersonalgesetz und Gesamtarbeitsvertrag, welche die Post verpflichten, in der ganzen Schweiz die gleiche Funktion gleich zu entlöhnen. Das führt dazu, dass sie in den Randgebieten, wo sie die grössten Verluste schreibt, vergleichsweise fürstliche Löhne bezahlt und in den Agglomerationen, wo der Wettbewerb spielt, weit mehr aufwendet als die Konkurrenz: Bei den privaten Kurierdiensten verdient ein Drittel der Beschäftigten weniger als 4000 Franken, bei der Post kaum jemand.

Deshalb ist die Express-Post seit diesem Jahr in eine AG ausgelagert und dieselbe Lösung, die mehr Flexibilität ermöglicht, auch bei den Postauto-Betrieben geplant. Und deshalb fürchtet die Post, dass die Medienunternehmen für das Vertragen ihrer Zeitungen eine eigene Gesellschaft aufbauen wollen: «Da wären schnell mehrere Hundert Arbeitsplätze weg», weiss Personalchef Rolf Hasler.

«Die Arbeitsbedingungen der Post sind heute im Vergleich zur Konkurrenz sehr gut ausgestaltet», betont Ulrich Gygi, «und Entlassungen aus wirtschaftlichen Gründen vermeiden wir.» Dennoch kann er von den Politikern und den Gewerkschaftlern – weitgehend in Personalunion – wenig Verständnis erwarten. Einsam, aber schlau und zäh kämpft er um seinen Handlungsspielraum beim Führen eines nicht ganz normalen Unternehmens, vorerst gegen die Initiative «Postdienste für alle», aber auch weit darüber hinaus angesichts
einer ungewissen Zukunft.

«Der Eindruck mag entstehen, dass wir fast keinen Stein auf dem anderen lassen», meint Ulrich Gygi in seiner gut- eidgenössisch knorrigen Art. «Ich darf Ihnen jedoch versichern: Wir arbeiten auf Konsolidierung und mehr Stabilität hin.» Denn auch in zehn Jahren soll die Post im liberalisierten Schweizer Logistikmarkt noch die Beste sein.