Rob Robinson steht mit einem Schild in der Hand auf dem Trottoir vor dem Hauptsitz von GlaxoSmithKline. Für jemanden, der hierher nach Philadelphia gekommen ist, um zu protestieren, wirkt er merkwürdig teilnahmslos. Dabei ist die Sache durchaus ernst: Robinson und eine Hand voll Mitstreiter werfen dem Pharmariesen vor, sie fast umgebracht zu haben. Angesprochen auf das Protestbanner, auf dem in dicken Lettern «Boykottiert GlaxoSmithKline!» gepinselt steht, nimmt Robinsons Mienenspiel nach einer Weile einen verbitterten Zug an. Der 45 Jahre alte Bauunternehmer aus Tennessee beginnt, den Leidensweg zu beschreiben, der ihn hierher geführt hat. Einst ein begeisterter Bergsteiger – die renommierte Zeitschrift «Climbing» präsentierte ihn gar einmal auf dem Titel –, wurde Robinson vor acht Jahren mit der Organisation einer Werbeveranstaltung für seinen Sport betraut. Das Projekt setzte ihn derart unter Stress, dass er schlaflose Nächte durchlitt und sich der Aufgabe nicht mehr gewachsen fühlte. Sein Hausarzt verschrieb ihm das Mittel Paxil, ein Antidepressivum von Glaxo, vergleichbar mit Prozac von Eli Lilly und Zoloft von Pfizer – allesamt aus der Klasse der so genannten Selective Serotonin Reuptake Inhibitors, kurz SSRI. Diese Mittel bewirken ein künstliches Hochgefühl, indem sie gezielt in den Serotonin-Haushalt des Gehirns eingreifen.

Nach ein paar Wochen fühlte sich Robinson tatsächlich ruhiger. «Prima, dachte ich, es wirkt.» Als er das Mittel nach einem halben Jahr absetzte, traten aber Entzugserscheinungen ein. «Ich litt unter Muskelzuckungen, extremer Übersensibilität gegenüber Geräuschen und regelrechten Elektroschocks in meinem Gehirn», erinnert er sich. Er liess sich erneut Paxil verschreiben, um die Symptome unter Kontrolle zu bringen – und erkannte, dass er abhängig war. Er versuchte erneut, das Mittel abzusetzen. Dies aber trieb ihn laut eigener Einschätzung an den Rand des Selbstmords. «Ich hatte das Tor zur Hölle aufgestossen», resümiert er verbittert.

Heute betreibt er ein Internet-Forum, auf dem er auf die Gefahren von Paxil hinweist. Daneben hat er eine Klage gegen Glaxo angestrengt, in der er der Firma vorwirft, absichtlich nicht auf das potenzielle Suchtrisiko hingewiesen zu haben. Rund 3000 ähnliche Klagen waren bis Januar dieses Jahres allein in den USA gegen Glaxo hängig. Der Konzern legte damals 90 Prozent aller Fälle durch einen Vergleich bei, ohne ein Schuldeingeständnis abzugeben. Einigen Klägern war das nicht genug. Robinson und eine ganze Reihe anderer Geschädigter setzen den juristischen Feldzug gegen Glaxo fort.

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Es ist eine riesige Welle, die da auf die Hersteller von Antidepressiva heranzurollen droht. Die Kontroverse um die Nebenwirkungen von SSRI gelangte schon 2004 ins öffentliche Bewusstsein, als bekannt wurde, dass diese und andere Antidepressiva statistisch gesehen die Gefahr selbstmörderischer Gedanken unter Kindern und Jugendlichen verdoppelten. Die Erkenntnis veranlasste die US-Aufsichtsbehörde Food and Drug Administration (FDA) dazu, die Hersteller zu deutlichen Warnhinweisen auf den Beipackzetteln zu verdonnern. Unter anderem wurden die Hausärzte dringend dazu ermahnt, junge Patienten gerade in den ersten Monaten nach Verschreibung der Mittel intensiv zu beobachten.

Laut Experten ist es durchaus vorstellbar, dass ein ähnlicher obligatorischer Warnhinweis für Erwachsene bald ebenfalls zur Pflicht werden könnte. «Ich erwarte, dass dieselben Nebenwirkungen auch bei älteren Patienten statistisch dokumentiert werden», sagt Dr. Richard Kapit, der als Verantwortlicher bei der FDA Mitte der achtziger Jahre das Zulassungsverfahren von Prozac leitete und heute als Berater tätig ist. Tatsächlich warnte die FDA bereits im letzten Sommer: Neue Studien «nähren den Verdacht, dass SSRI und andere Antidepressiva die Selbstmordrate bei Erwachsenen erhöhen». Die Auswertung sämtlicher vorhandener Daten, so die FDA damals, werde aber noch mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen.

Ein solcher Warnhinweis hätte zweifellos enorme wirtschaftliche Auswirkungen auf die Pharmakonzerne zur Folge, Milliarden an Umsätzen und Profiten könnten sich gewissermassen über Nacht in Luft auflösen. Mehr noch: Die Aufsichtsbehörde würde unter massiven Druck geraten, die öffentliche Werbung für die Glückspillen künftig erheblich einzuschränken, was vermutlich eine wahre Prozesslawine auslösen würde. Nicht zuletzt würde es die Bemühungen der Pharmakonzerne erheblich erschweren, mit neuen Medikamenten am Markt zu reüssieren – dann, wenn die alten Patente auslaufen. Das Vioxx-Debakel, das Schmerzmittel von Merck mit den potenziell tödlichen Nebenwirkungen, könnte sich im Vergleich dazu wohl schnell wie eine Petitesse ausnehmen. Und dem angeschlagenen Ruf der Pharmaindustrie, die in ihrer Geschichte unbestritten zahllosen Menschen geholfen hat, weiter massiv schaden.

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Prozac und andere Antidepressiva galten lange Zeit als grosse Erfolgsgeschichte der Medizin des 20. Jahrhunderts. Seit Einführung von Eli Lillys Glückspille im Jahre 1988 schwoll der Absatz dieser Medikamente allein in den USA auf 11 Milliarden Dollar pro Jahr an. Fast 150 Millionen Rezepte wurden laut dem Forschungsinstitut IMS Health im Jahre 2004 für SSRI ausgestellt – mehr als für jedes andere Medikament ausser Kodein. Schätzungsweise jeder zwanzigste Amerikaner nimmt heute Mittel wie Zoloft von Pfizer, Paxil von GlaxoSmithKline, Celexa von Forest Laboratories und Luvox von Solvay Pharmaceutical auf regelmässiger Basis ein. Und obwohl nicht jeder sie verträgt – viele Patienten klagen etwa über eine deutliche Dämpfung der Libido –, haben diese Pillen mehr als irgendein anderes Medikament dazu beigetragen, die Couch als Mittel der Psychiatrie zu ersetzen.

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Tatsächlich nehmen Amerikaner heute so viele SSRI ein, dass entsprechende Abbauprodukte im Urin bereits in so hoher Konzentration in Gewässern nachgewiesen wurden, dass laut einer neuen Studie der Baylor University sogar in Fischen schon massive Vergiftungserscheinungen aufgetreten sind.

Unmittelbar mit der Markteinführung von Prozac im Jahre 1988 begann der medienwirksame Wirbel um die angeblichen Glückspillen. Die Ärzte zeigten sich begeistert – und das aus Gründen, die heute fast ironisch erscheinen: Man könne sich selbst durch eine massive Überdosierung von SSRI nicht das Leben nehmen, argumentierten die Mediziner. Insofern seien die Medikamente gerade für schwer depressive Patienten wesentlich sicherer als konventionelle Antidepressiva wie die so genannten Tricyclics, deren toxische Wirkung bekannt war. Tatsächlich erschienen die neuen Mittel so harmlos, dass viele Psychiater das eherne Gesetz ihrer Zunft ausser Kraft gesetzt sahen: dass nämlich eine medikamentöse Aufhellung des Gemütszustands erfahrungsgemäss später mit depressiven Schüben bezahlt werden muss – und sich so letztlich als Nullsummenspiel erweist. Prozac schien so harmlos wie Kaffee. Und wurde fortan auch und gerade von Ärzten der Allgemeinmedizin – nicht etwa nur von geschulten Psychologen und Psychiatern – massenhaft verschrieben. Rund 70 Prozent aller SSRI-Rezepte werden in Amerika heute von Hausärzten ausgestellt.

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Innerhalb von nur drei Jahren nach Markteinführung von Prozac näherte sich der jährliche Umsatz des Mittels der 800-Million-Dollar-Marke. «Newsweek» setzte die Pille auf den Titel – eine grün-weisse Kapsel vor dem Hintergrund eines strahlend blauen Himmels. Die Schlagzeile suggerierte einen historischen Durchbruch. Selbst gesunde Menschen, so berichtete das Magazin, verlangten nach Prozac. Es schien, als könnten SSRI nicht nur Depressionen heilen, sondern auch Schüchternheit vertreiben, niedriges Selbstbewusstsein aufpäppeln und Jähzorn unterdrücken. In seinem Bestseller «Listening to Prozac» feierte der Psychiater Peter Kramer euphorisch die Segnungen der Glückspille. Zahlreiche Prominente bekannten sich zur Einnahme. Der bekannte Fernsehjournalist Mike Wallace berichtete über seinen lebenslangen Kampf mit Depressionen und bemerkte, er werde «Zoloft wohl für den Rest meines Lebens nehmen».

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Bei allem öffentlichen Jubel gehörten SSRI von Anfang an auch zu den umstrittensten Medikamenten in der Geschichte der Medizin. Doch die erhitzten Debatten über das Für und Wider der Glückspillen findet normalerweise nicht im Blickfeld der Massenmedien statt, sondern eher im Internet oder auf wissenschaftlichen Fachkongressen. Gefährliche Nebenwirkungen von Medikamenten wie etwa Antidepressiva zeigen sich ohnehin häufig erst nach Jahren, dann, wenn sie Millionen von Patienten verschrieben wurden. Im Fall der SSRI gibt es allerdings Anzeichen dafür, dass Hersteller durchaus bekannte Gefahren der lukrativen Medikamente von Anfang an untertrieben haben und Aufsichtsbehörden und Ärzteschaft nicht skeptisch genug waren.

Mehr noch: Unter Experten stehen heute sogar die theoretischen Grundlagen für die Wirkung von SSRI in Zweifel. Von Seiten der Pharmaindustrie wurde lange behauptet, die Mittel würden gezielt in den Serotonin-Haushalt des Gehirns eingreifen. Serotonin ist ein Botenstoff zwischen den Verbindungen (Synapsen) der Nervenzellen im Gehirn. Ihm kommen vielfältige Rollen zu, unter anderem hat es starken Einfluss auf die Stimmung. Landläufig wird es demnach als Glückshormon bezeichnet. Bei Depression und Angstzuständen fanden Forscher unter anderem zu geringe Pegel an Serotonin im Gehirn. Die gängigen Antidepressiva sollen ihre Wirkung durch eine künstliche Erhöhung des Serotonin-Pegels erzielen. Sie verzögern, so die Theorie, die Wiederaufnahme des Serotonins, nachdem es durch die Nervenzellen ausgeschüttet worden ist. So könne es länger in den Verbindungsspalten zwischen den Synapsen verbleiben. Insofern wären SSRI tatsächlich so etwas wie der Stein der Weisen der modernen Medizin – was könnte sicherer sein, als die natürliche Balance des Körpers wiederherzustellen?

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Eine wachsende Zahl an Studien zweifelt inzwischen aber an den theoretischen Grundlagen. In einem Artikel des renommierten Fachmagazins «PLoS Medicine» hiess es jüngst, dass Wissenschaftler die komplexe Wirkung der Medikamente auf das Gehirn nie wirklich grundlegend verstanden hätten. Dennoch führt die Pharmaindustrie in ihren Werbekampagnen die Serotonin-Theorie noch immer als Beweis für die Wirksamkeit der Mittel an – ein Fall von Mythenbildung, vergleichbar mit der Theorie, dass «Masturbation die Ursache von Geisteskrankheiten sei», wie der britische Psychiater David Healy, ein langjähriger SSRI-Kritiker, spöttisch findet. Die Sprecher der Konzerne dagegen behaupten, umfangreiche wissenschaftliche Literatur belege inzwischen klar das Wirkungsschema der Pillen.

Wie sich die Kontroverse am Ende auf die Umsätze und Profite der Pharmakonzerne auswirkt, ist noch völlig unklar. Seit generische SSRI auf dem Markt sind (das US-Patent für Prozac ist im Jahre 2001 ausgelaufen), versuchen die Unternehmen fieberhaft, neue Generationen von Antidepressiva auf den Markt zu bringen. Die Diskussion um SSRI könnte ironischerweise helfen, den Übergang zu teureren, derzeit noch patentgeschützten Alternativen zu beschleunigen und so den finanziellen Ausfall durch die Kontroverse zu kompensieren. Andererseits ist nicht ausgeschlossen, dass auch die neuen Mittel mit der gleichen Skepsis beäugt werden, die sich wie Mehltau über die Industrie gelegt hat.

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Die Zulassungsverfahren seitens der FDA jedenfalls scheinen schärfer geworden zu sein. Im vergangenen Jahr unternahm Eli Lilly den Versuch, einen Nachfolger für Prozac mit Namen Cymbalta zu lancieren. Das Mittel gehört zu einer Kategorie von Wirkstoffen, die zwei andere chemische Kuriere im Gehirn aktiviert als Serotonin. Nach einigen Monaten zog Eli Lilly den Antrag auf Zulassung von Cymbalta zurück. Und wenig später liess die FDA in einer dringenden Mitteilung verbreiten, klinische Tests hätten unter Probandinnen «eine erhöhte Rate an Suizidanfälligkeit» festgestellt. (Ein Sprecher von Eli Lilly betonte, dass die Suizidneigungen innerhalb der Testgruppe zwar höher gelegen hätten als im US-Durchschnitt, weltweit aber durchaus «normalem Level» entsprochen hätten.)

Die Diskussion geht weiter. Wenn Medikamente eines Tages durch genetische Prüfungsverfahren individuell massgeschneidert werden können, werden sich Kontroversen wie die um die SSRI vielleicht vermeiden lassen. Bis dahin scheint in der Post-Prozac-Ära das beste Rezept für die grossen Pharmakonzerne vor allem eines zu sein: grösstmögliche Transparenz.

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