An Tagungen und Kursen, welche die Konservierung und Restaurierung von modernen Materialien thematisieren, fehlt es nicht. Ob es jetzt um die «Konservierung von synthetischen Materialien», ein Thema, welches die AXA Art zusammen mit dem Vitra Design Museum aufgriff, um «Kopieren - Digitalisieren - Restaurieren? Strategien zur Konservierung von Video» des deutschen Verbandes der Restauratoren VDR oder um «Contemporary Art: Who Cares?» geht. Die Tagung mit diesem Titel findet vom 9. bis 11. Juni 2010 am Königlichen Tropeninstitut in Amsterdam, Niederlande, statt. Die Vielfalt der Tagungsthemen zeigt, wie breitgefächert die Probleme sind, mit welchen sich die Konservatoren und Restauratoren moderner Materialien und Medien auseinandersetzen müssen. Kein Wunder, dass es ohne Spezialisierungen nicht geht.

Der Begriff «Moderne Materialien» wird im Bereich der Konservierung und Restaurierung seit ca. 1950 verwendet. Dabei ist nicht erforderlich, dass das ganze Kunstwerk aus «modernem» Material angefertigt wurde, sondern es kann auch um die Verwendung von hergebrachten Materialien wie Papier oder Terrakotta in Kombination mit modernen Materialien wie Lacken, Klebstoffen, Kunstharzen oder neueren Farben gehen. Solche Kombinationen können nicht mehr unter dem Begriff der klassischen Restaurierung subsumiert werden. Die Schauen «Art Unlimited», «Art Statements» und «Public Art Projects» an der Art Basel sind insbesondere repräsentativ für die Tatsache, dass Künstler heute aus jeglichem Material, das auf irgendeine Art und Weise verarbeitet werden kann, Kunstwerke schaffen.

Von Araldit bis Zement

Die Fachgruppe «Gemälde und Zeitgenössische Kunst» des Schweizerischen Verbandes für Konservierung und Restaurierung (SKR) stellt fest, dass viele der verwendeten Materialien, die von Araldit über Elektromotoren, Lebensmittel und Video bis zu Zement reichen können, im Gegensatz zu den in der klassischen Kunst eingesetzten Materialien relativ kurze «Halbwertszeiten» aufweisen. Das ist auch der Grund, weshalb ein Konservator-Restaurator neben seinem eigenen Fachwissen oft auf die Spezialisierung weiterer Experten zurückgreifen muss. Wenn man überhaupt keine Erfahrung mit dem Material hat, so erzählt ein Experte, komme man nicht darum herum, ein «Dummy» herzustellen. Der Konservator-Restaurator verarbeitet dann zuerst - wie der Künstler - das Material, um es darauf einer künstlichen Alterung zu unterziehen. So werden in einem standardisierten Verfahren u. a. schwankende Luftfeuchtigkeit oder eine UV-Bestrahlung simuliert, die einer Zeitspanne von z. B. 30 Jahren gleichgestellt werden kann. Auch Versuche mit Verklebung, Retusche oder Erneuerung der Oberfläche können oder müssen gemacht werden. Erst wenn am Dummy die Versuche zufriedenstellend verlaufen, kann man zurück ans Kunstobjekt gehen.

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Tückisches Schweineschwänzchen

Vorbereitungsarbeiten sowie Dokumentationen sind bei der Restauration von modernen Materialien und Medien besonders wichtig. Erst wenn eine Fotodokumentation des Kunstobjektes im Vorzustand erstellt ist und allfällige Tests stattgefunden haben, kann man mit der Restauration beginnen. Auch die Restaurierungsschritte sind sorgfältig zu dokumentieren. Die Restauratorin Anabel von Schönburg illustriert dies anhand der von ihr restaurierten Skulptur «Stacked» von Jeff Koons aus dem Jahr 1988. Bei der polychrom gefassten Holzskulptur, einer Persiflage auf die «Bremer Stadtmusikanten», war das Schwänzchen des untersten Tieres, eines Schweins, zum zweiten Mal gebrochen. Dank der Tatsache, dass von der ersten Restaurierung eine Dokumentation vorlag, war die zweite Restaurierung «einfacher». Nach erneuter Verleimung und dem Einsetzen eines Balsaholzspans, der Kittung sowie der Retuschierung war das Schwänzchen wieder in tadellosem Zustand. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, dass auch negative Ergebnisse bei Konservierung und Restaurierung festgehalten werden. So können zu einem späteren Zeitpunkt erneute oder weitere Restaurationsfehler vermieden werden.

Wichtige Forschungsergebnisse

Vor allem die AXA Art Versicherung AG hat mit grossen Projekten bereits viel zur Verbesserung der Kenntnisse über Kunststoffe beigetragen. So wurde mit dem Vitra Design Museum als spannende Pionierarbeit ein Projekt über das weitgehend unbekannte Alterungsverhalten von Kunststoffen in Kunst und Design realisiert. Ziel war, die Forschung zu Konservierung und Restaurierung von Kunststoff-Kunst voranzutreiben und die Ergebnisse für Sammler in einer verständlichen Sprache verfügbar zu machen. Denn nicht nur für die Spezialisten ist es wichtig, mittels eines guten Netzwerks an Informationen heranzukommen. Ebenso gross ist das Bedürfnis, dass sich Sammler und Händler schon zu Anfang ihrer Beziehung zu einem Objekt ins Bild setzen können, wie der Zustand des Werks bestmöglich erhalten bleibt. Auch mit ihrem kürzlich beendeten «Tate AXA Modern Paints Project», welches sich mit der Erforschung neuer Methoden der Oberflächenreinigung bei Gemälden auf Acrylbasis befasst, leistete die AXA zusammen mit der Tate Modern wichtige Forschungsarbeit.

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Anfällige Acrylfarben

Experten schätzen, dass in der Nachkriegszeit fast jedes zweite Gemälde mit Acrylfarben erstellt wurde. «Die Forschungen der Tate Modern haben nun ergeben, dass Acryl aufgrund seiner relativ weichen Beschaffenheit gegen mechanische Einwirkungen anfällig ist, aber auch Staub und andere schädliche Partikel anzieht. Ähnlich waren die Ergebnisse zu den Reinigungspraktiken. Auch in dieser Hinsicht hat das Projekt neue Empfehlungen für Sammler, Kuratoren und Restauratoren gebracht», erläutert Ulrich Guntram, der als Vorstandsvorsitzender der AXA Art Versicherung AG für internationale Projekte verantwortlich ist.In der Schweiz werden Sammler, die einen spezialisierten Konservator-Restaurator suchen, rasch fündig. Nicht nur hat sich die Schweiz in den letzten 30 Jahren zu einem der renommiertesten Ausbildungsplätze für Konservierung und Restaurierung entwickelt, wie Stefan Wülfert, Leiter des Studiengangs MA in Conservation-Restauration der Hochschule für Künste in Bern, festhält, auch über den Schweizerischen Verband für Konservierung und Restaurierung steht dem Sammler eine ganze Gilde ausgewiesener Spezialisten zur Verfügung. Und schliesslich hat auch das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft SIK-ISEA seit 2009 sein Dienstleistungsangebot im Bereich Kunsttechnologie auf zeitgenössische Kunst erweitert.

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NACHGEFRAGT Anabel von Schönburg, Diplomierte Restauratorin FH, Zürich, über die Ausbildung im Bereich Konservierung und Restaurierung.


«Man fühlt sich als Anwalt des Kunstobjektes»

Sie haben an der Hochschule für Künste in Bern (HKB) Ihr Studium abgeschlossen. Was beinhaltet die Ausbildung?

Anabel von Schönburg: Mein Studium im Berufsfeld Konservierung und Restaurierung dauerte vier Jahre. Ich gehörte zum letzten Diplomjahrgang der Fachhochschule Bern. Heute schliesst man an der HKB ab mit einem Bachelor of Arts in Konservierung oder einem Master of Arts in Conservation-Restauration. In den ersten zwei Jahren Grundstudium wurden Einblicke in die verschiedensten Fachgebiete vermittelt. Nach der Vordiplomprüfung kam die eigentliche Spezialisierung. Ich habe mich auf «Moderne Materialien und Medien» spezialisiert.

Wie kommt man zu «seiner» Spezialisierung?

Während des Studiums legt man sich noch nicht auf eine Spezialität oder auf ein spezielles Material fest. Die wirkliche Spezialisierung, zum Beispiel Videokonservierung, muss dann in Praktika erarbeitet werden. Im Studium lernt man, wie man an die Problemstellungen herangehen muss. Man lernt unter anderem Dokumentationsmethoden und naturwissenschaftliche Untersuchungsmethoden kennen. So kommt man dem Kunstgegenstand näher und fühlt sich dann als Anwalt des Objekts. Das Objektinteresse und die Künstlerintention stehen für den Konservator beziehungsweise Restaurator im Mittelpunkt.

Wo haben Sie sich das Rüstzeug für die praktische Ausbildung geholt?

Mein Interesse galt zuerst den antiken Möbeln, und so habe ich zuerst längere Zeit in einem Antiquariat gearbeitet. Über eine Tischlerausbildung kam ich dann zur Restaurierung und arbeitete zwei Jahre in einem Atelier für Möbel und Holzobjekte, was auch die Arbeit mit und an Holzskulpturen beinhaltete. Während des Studiums habe ich dann meine Praktika mehr in den zeitgenössischen Bereich verlegt. Dank der Arbeit in einer Galerie kam ich in Kontakt mit Fragen der Hängung, der Verpackung und des Transports. Dort zu lernen, dass, auch wenn alles schnell gehen muss, immer sorgfältig gearbeitet werden muss, um Schäden zu vermeiden, hat mir sehr viel gebracht. Auch war es sehr lehrreich, im Hängeteam der Art Basel mitzuarbeiten.

Das Wissen um die Schäden, welche an Kunstwerken auftreten können, ist also sehr wichtig?

Ja, natürlich. Aber auch das Wissen über die Alterung von Objekten ist wichtig. Alterung kann durch bestimmte Faktoren beschleunigt oder verzögert werden. Wer diesen Beruf wählt, muss sich erst einmal mit der Chemie der Materialien auseinandersetzen und mit der Physik der Umwelteinflüsse, um zu begreifen, weshalb ein Material vergilbt oder weshalb Risse entstanden sind. Auch das Wissen um vorbeugende Massnahmen wie Klimakontrolle und UV-Schutz gehört dazu. Meine Abschlussarbeit «Schadensphänomene an Hologrammen» befasste sich ebenfalls mit Schäden. Diese dreidimensionalen Lichtbilder werden auf zweidimensionalen Trägern gespeichert. Diese Träger sind besonders schadenanfällig.

Als Restauratorin stehen Sie am Anfang einer beruflichen Laufbahn, Was haben Sie als Nächstes vor?

Meine Assistenzzeit beim Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft SIK-ISEA geht im Herbst zu Ende. Mein Traum wäre, eine Sammlung zu betreuen. Ich könnte mir aber auch vorstellen, für ein Museum zu arbeiten, denn gerade im Ausstellungsauf- und -abbau ist die Hilfe eines Restaurators durchaus sinnvoll, um Schäden zu vermeiden. Auf Dauer würde ich mich natürlich auch gerne selbstständig sehen.