Die Lage ist ernst. Corona führt zu einer gigantischen Geldvernichtung, besonders in der Aviatik und allem, was wirtschaftlich mit Airlines, Airports und dem ganzen Drumherum verbunden ist. Es trifft alle: die grosse Swiss, die kleine Chair Airlines, den Flughafen Zürich und all die vielen ­Zulieferer.

Kein Wunder, dass sich der Staat mit Überbrückungskrediten in Milliarden­höhe gegen die Krise stemmt. In Sachen Luftfahrt gibt es sogar eine eigene Taskforce des Bundesrates. Mit dabei sind ­Finanzminister Ueli Maurer, Wirtschaftsminister Guy Parmelin sowie Verkehrs­ministerin Simonetta Sommaruga. Auch involviert, wie die «Handelszeitung» kürzlich publik machte, ist Nationalbank-­Präsident Thomas Jordan.

Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis der Staat der heimischen Luftfahrt ­unter die Arme greift. Mehrere Quellen bestätigen der «Handelszeitung», dass es nur noch um Tage gehe. Ähnliches spielt sich im Ausland ab: Die US-Gesellschaft American Airlines etwa möchte eine ­Finanzspritze von bis zu 12 Milliarden Dollar. Und hier in der Schweiz, da hat die Swiss als grösste Airline des Landes schon Mitte März klargemacht, dass sie staat­liche Hilfe benötige. Das sei «legitim» findet Carsten Spohr, Chef des Swiss-Mutterkonzerns Lufthansa. Er wurde bei der deutschen Regierung vorstellig. Auch der britische Billigflieger Easyjet hofft für sein Schweiz-Geschäft auf Hilfe aus Bern.

Der Kollaps droht

Airlines haben stets eine knappe Marge und wenn nun in Zeiten von Lockdown und Einreisesperren kein Geld mehr reinkommt, derweil aber Kosten für Flieger und Personal bleiben, droht schnell der finanzielle Kollaps. Und so tobt nun der Streit, ob und wie zu helfen sei: Kein Schweizer Steuergeld für eine deutsche Tochterfirma wie die Swiss, rufen die einen.

Andere Ideen sind, dass die SNB ­Anleihen der Swiss kaufe und damit eine indirekte Hilfe leiste. Der Swiss wäre ein Überbrückungskredit, den der Staat ­garantiert, um den Liquiditätsengpass zu überstehen, wohl am liebsten. Von staat­licher Beteiligung oder einem Herauslösen aus der Luft­hansa-Gruppe hält die Swiss natürlich gar nichts. Doch je länger fast alle Swiss-­Flieger ungenutzt ­parkieren, umso mehr rückt das Swissair-­Debakel wieder in den Vordergrund. Wiederholt sich das Drama von 2001?

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Kettenreaktion der Gläubiger

Damals kam es zum unkontrollierten Grounding. Ein Bankenkonsortium unter Führung von CS und UBS hielt die Flug­gesellschaft am Leben. Dies ging so lange gut, bis die Banken kurzfristig die Konten sperrten. Es kam zu einer Kettenreaktion der Gläubiger. So verweigerten Treibstoffzulieferer die Betankung von Flugzeugen. Und Swissair-Piloten im Ausland konnten die Tanks nur gegen Bargeld füllen. Das Ende kam schnell am 2. Oktober 2001. Am Vormittag war der Flughafen Kloten noch voller Passagiere. Die Anzeigetafeln zeigten «on time». Dann wurden die Flüge mit «verspätet» angezeigt. Und um 15.45 Uhr war die Airline am Boden.

Drei Tage später wurde ein Teil des Flugbetriebes dank Notkrediten des Bundes wieder hochgefahren. Sechs Monate später wurden die rentablen Teile vom Bund herausgelöst und die Swissair in den Konkurs geschickt. Das wars. Überschuldung, eine riskante Expansionsstrategie, grobe Managementfehler sowie die negativen Folgen von 9/11 für die Fliegerei: Das alles trug zum abrupten Ende der Swissair bei. Die Nation stand unter Schock und lebt seitdem mit diesem Trauma.

Heute sieht es anders aus: Die Swiss ist kein Sanierungsfall, war stets sehr solide, eine Ertragsperle im Lufthansa-­Konzern, das Geschäftsmodell funktioniert. Bis Corona kam und die Swiss wie alle Airlines in ihre grösste Krise stürzte.

Lärm und Wohlstand

Ob und wie die Swiss es alleine ohne die Lufthansa schaffen würde, darüber ­gehen die Meinungen auseinander. Die meisten Experten sind sich einig: Ohne den Verbund der Lufthansa-Gruppe mit ihren Grössenvorteilen könnte die Swiss nie überleben und kein so grosses Angebot liefern. Schweizer Kunden haben, im Verhältnis zur Grösse ihres Landes, ein ­extrem üppiges Angebot an Flughäufigkeiten und an Anzahl Direktverbindungen.

Ja, es wird viel Lärm an Airports wie Kloten gemacht sowie viele klimaschäd­liche Abgase werden erzeugt. Doch es wird auch viel Wertschöpfung generiert. Rund 200'000 Menschen arbeiten mit und für die Schweizer Aviatik. Diese Wohlstandsargumente sind es, die die Branche nun in Bern vorträgt.

Am Flughafen Zürich herrscht derweil gähnende Leere in den Terminals und an den Kassen. Kurzarbeit ist verordnet, die Aktie im Sinkflug. Im März ist der zivile Verkehr im von der Schweizer Flugsicherung Skyguide kontrollierten Luftraum um rund 90 Prozent zurückgegangen.

Hoher Minusbetrag bei Skyguide

Das Geschäft vieler Flughafenzulieferer und -dienstleister leidet massiv. Betroffen sind Lieferanten von ­Reinigungsmaschinen, Flugsicherungsfirmen, Flugzeugmechaniker, Anlagenbauer und Gastronomielieferanten. Sowie Boardingabwickler, Beleuchtungshersteller und Bodenabfertiger. Aufträge sind sistiert, Instandhaltungen ausgesetzt. Unternehmen wie Swissport, Gate­group, Moser-Baer, Zaugg, Skyguide, Weytec, Unilode und IST gehören zu jenen Unternehmen, die alle hart getroffen sind. Bei Skyguide heisst es: «Wir rechnen beim Ergebnis mit einem Minus im zweistel­ligen Millionenbereich.» Und das nach einem bereits negativen Nettoergebnis von 5,5 Millionen Franken im Jahr 2019. Skyguide wolle Kurzarbeit beantragen und weitere Massnahmen umsetzen. Die Gespräche mit den Sozialpartnern laufen.

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Der Maschinenhersteller Zaugg hat «Servicedienstleistungen im Ausland bis auf weiteres eingestellt» und prüft «Einsätze im Inland in der Phase der Planung genau». Der Airline-Caterer Gate Gourmet mit rund tausend Beschäftigten in der Schweiz hat in Genf und Zürich Kurzarbeit eingeführt. «Wir arbeiten eng mit Regierungen, Gewerkschaften und Betriebs­räten zusammen», sagt eine Sprecherin. Ob man auch Staatshilfe wolle, beant­wortet Gate Gourmet nicht.

Swissport stoppt Projekte

Swissport als weltgrössten Dienstleister für Bodenverkehrsdienste und Luftfrachthandling mit über 850 Kunden an 300 Flughäfen trifft die Krise mit voller Wucht. Viele Projekte wurden Anfang März gestoppt. «Parallel haben wir einen weltweiten Einstellungsstopp verhängt», sagt Swissport-Chef Eric Born. Wo es geht, habe man Kurzarbeit beantragt – zum ­Beispiel in der Schweiz und in Deutschland. Hierzulande sind  95 Prozent der knapp 5000 Mitarbeiter in Kurzarbeit.

«Swissport hat weltweit vor der Krise rund 65'000 Mitarbeiter beschäftigt. Per Ende April werden fast 40'000 aus dem aktiven Dienst ausgeschieden sein; die einen beurlaubt oder auf Kurzarbeit, viele tausend aber auch entlassen», teilt die Firma mit. Brisant ist die Debatte um Staatsgeld, weil Swissport im Eigentum der hochverschuldeten chinesischen HNA Group ist.

Ob Swissport alternativ zu den Schweizer Bemühungen von Rettungsaktionen der chinesischen Regierung profitieren könnte, kommentiert Swissport so: Da Swissport in China nicht aktiv sei, «wurde bisher kein solches Ersuchen gestellt». Gespräche liefen aber mit der Schweizer Regierung. Swissport hat sich schon in einem Brief an die Schweizer Regierung gewandt und um finanzielle Unterstützung gebeten. Nicht ohne dass Swissport-Chef Born den Panikknopf drückt – und nun auch auf das Swissair-­Trauma anspielt: «Die Brisanz der Situation ist erkannt, vielleicht auch, weil das Land vor knapp zwanzig Jahren bereits einmal erlebt hat, was es auslöst, wenn systemkritische Unternehmen des Luftverkehrs zusammenbrechen.»

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In einer früheren Version des Textes hiess es, dass auch Gate Gourmet / Gategroup Teil der HNA-Gruppe sei. Dies ist nicht der Fall. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.