Schwarzer Montag. Weltfinanzcrash! Alle Börsencomputer werden abgestellt. Aktien, Rentenfonds – alles im Keller. Büros in Manhattan, Hotels an der Côte d'Azur sind für eine Handvoll Dollar zu kaufen. Es folgt eine Wiederholung der Geschichte: Faschis-tische und kommunistische Ideo-logien erleben ein Comeback, Protektionismus und Fundamentalismus erstarken. Dann findet man die Ursache: Ein Händler in New York hat unabsichtlich einen falschen Knopf gedrückt. Statt Aktien im Wert von 100 Mio Dollar hat er einen Verkaufsauftrag für Aktien im Wert von 100 Mrd Dollar ausgelöst.

Keine Angst, das ist keine journalistische Meldung, sondern das Szenario «Weltfinanzcrash» des deutschen Zukunftsforschers Karlheinz Steinmüller. Das hypothetische Einzelereignis, das zu den dramatischen Entwicklungen führt, bezeichnet Steinmüller als Wild Card, die Jokerkarte, die den Spielverlauf völlig verändert. Wild Cards treffen überraschend und mit geringer Wahrscheinlichkeit ein, die Folgen sind dafür schwerwiegend.

Globale Nervenzentren

Terrorattentate, Kriege, Katastrophen und drohende Pandemien zeigen immer wieder aufs Neue, wie illusionär der Glaube an eine letzte Sicherheit ist. Oftmals stehen am Anfang der Wenden Einzelereignisse. Der Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo am 28. Juni 1914 löste den Ersten Weltkrieg aus. Der 11. September 2001 veränderte die politische Weltlage schlagartig. «Wild Cards können die stromlinienförmige Welt beständigen Wirtschaftswachstums und voranschreitender Globalisierung zerstören und in andere Bahnen lenken», sagt Karlheinz Steinmüller. Von besonderem Interesse sei dies für Finanzmärkte, den Nerv der globalisierten Wirtschaft.
«Viele Banken gerieten nach 09/11 in Panik und verkauften die Anlagen ihrer Kunden, wer ruhige Nerven hatte, kaufte in dieser Krise», sagt Jürg Winter, CEO der auf Risikomanagement spezialisierten Firma Iris in Zürich. Schon ein paar Tage danach gingen die Werte wieder nach oben, weil die Märkte das Attentat als Ausnahmesituation interpretierten.
Es ist die Kernaufgabe eines Unternehmers, Risiken abzuwägen. Unterscheiden lassen sich interne – strategische und operationelle – sowie externe Risiken. Beispiele für operationelle Risiken seien Softwarefehler, unehrliche Mitarbeitende oder Rechtsunsicherheiten. «Wir haben Methoden, um diese Risiken zu vermindern, zum Beispiel mittels Ereignisanalysen, Prozessoptimierung, Schulung, Kontrollen und Versicherung», sagt Winter. Die Kostenseite sei einigermassen gut vorhersehbar und steuerbar. Auf der Einkommensseite hänge das Meiste von Annahmen ab. Der Unternehmer hat ja keinen Einfluss darauf, ob der Ölpreis sinkt oder nicht. Hier geht es um grössere Zusammenhänge.
Um Zusammenhänge, über die man beim Eidgenössischen Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) nachdenkt. Was wäre hier eine Wild Card? Chris-tian Catrina, stellvertretender Chef des VBS, nennt zu den derzeit weniger plausiblen Gefahren die flächendeckende Lahmlegung der Informatik, die massive Anwendung von Mikrowellenwaffen, die Explosion einer schmutzigen Bombe an einem Ort mit massivem
Publikumsverkehr, die nachhaltige Zerstörung wichtiger Strassen-, Kommunikations- und Energieverbindungen. «Aufgrund ihres in der Regel eher tiefen internationalen Profils zählt die Schweiz kaum zu den vordringlichen Zielen von Terroristen», glaubt Catrina.

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Das Risiko als Geschäft

Für Risiken bürgen Versicherungen – und Rückversicherungen. «Unsere Aufgabe besteht darin, das Risiko fassbar zu machen und die erwarteten Schäden zu modellieren», sagt Andreas Schraft, Head Risk Engineering Services der Swiss Re. Empirische Studien ergeben, dass die registrierten Schäden zurzeit zunehmen. Dies allerdings impliziert per se noch keine Zunahme der Katastrophen, sondern es zeigt, dass gefährdete Gebiete immer dichter besiedelt werden. Die Swiss Re misst ja nicht nur Katastrophen, sondern auch die Schäden, die diese verursachen.
Aufgrund dieser Modelle wird das Portefeuille von Risiken gesteuert. Weil sich manche Gefahren schlecht modellieren lassen und weil die möglichen Schäden zu gross sind, decken die Versicherer bestimmte Risiken überhaupt nicht, wie zum Beispiel Krieg. Schäden durch Terrorattentate werden auch in den USA seit 09/11 weniger gedeckt als zuvor. Weil die Verträge jährlich neu verhandelt werden, kann die Versicherungswirtschaft rasch auf neue Informationen und sich ändernde Risiken reagieren. So wird das Kollabieren von Versicherungen und Rückversicherungen unwahrscheinlicher.
Dass ein einzelner Rückversicherer in Schwierigkeiten kommt, das sei sehr wohl denkbar, sagt Schraft. Aber das gesamte System der Rückversicherungen könne kaum kollabieren. Es sei – im Gegensatz zu den Banken – nicht denkbar, dass plötzlich alle das Vertrauen in Rückversicherungen verlieren und auf einen Schlag ihre Forderungen stellen, weil diesen ja tatsächliche Schäden vorausgehen müssen. Ausser, der grosse Meteorit – die Wild Card schlechthin – schlägt mitten in Europa ein. «Gut, wenn die Welt untergeht, gehen wir mit», sagt Schraft.
Als Wild Cards gelten auch Pandemien. Im 14. Jahrhundert brauchte die Pest drei Jahre, um den europäischen Kontinent von Süden nach Norden zu durchqueren, was eine Ausbreitungsgeschwindigkeit von 2 km pro Tag ergibt.
Heute sind wir mobiler denn je. Im Durchschnitt gehen täglich 300000 Menschen im Zürcher Hauptbahnhof ein und aus. Die Frequenzen an Flughäfen nehmen zu. «Unsere Untersuchungen zeigen, dass zur Beschreibung der geografischen Ausbreitung moderner Seuchen neuartige theoretische Konzepte entwickelt werden müssen», sagt Dirk Brockmann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen. Mit den Universitäten Göttingen und Santa Barbara in Kalifornien wird im Max-Planck-Institut die Ausbreitung von Seuchen untersucht.
Brockmann ist optimistisch, den Effekt von kulturellen und nationalen Grenzen quantifizieren zu können. Gelingt es den Wissenschaftlern, universelle Gesetzmässigkeiten bei der Seuchenverbreitung zu entdecken, dann liesse sich diese prognostizieren. Die Wild Card wird zum kalkulierbaren Phänomen.
Das zeigt: Was eine Wild Card ist, hängt vom Wissensbestand einer Gesellschaft ab. Für archaische Gesellschaften waren Sonnenfins-ternisse Wild Cards. Uns sind sämtliche Sonnenfinsternisse der nächsten Jahrhunderte bekannt.

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NACHGEFRAGT | Hans-Rudolf Castell, Leiter HR Management und Sicherheit der Migros-Gruppe: «Wir müssen immer mit überraschenden Faktoren rechnen»

Was ist eine Wild Card für die Migros?

Hans-Rudolf Castell: Da die Migros mehr als 40 verschiedene Unternehmen im Produktions-, Handels- und Dienstleistungssektor zählt, müssen wir auf mehrere bedrohliche Grossereignisse vorbereitet sein. Im Detailhandel beginnt das bei der physischen Sicherheit eines Gebäudes, das brennen oder einstürzen kann. Unsere Bank ist hohen Sicherheitsrisiken ausgesetzt – Überfälle oder Online-Kriminalität. Es kann zu Bombendrohungen kommen wie im Mai gegen den Coop St. Annahof in Zürich.


Was unternehmen Sie dann?

Castell: Für einen solchen Fall haben wir unsere Notstäbe. Wir haben die entsprechenden Massnahmen in Manuals festgehalten und eingeübt.

Als das BAG im Frühjahr 2007 vor einer Pandemie warnte, reagierte die Migros sehr schnell.

Castell: Das BAG bat Grossverteiler, Apotheker und Drogisten, Hygienemasken zu verkaufen, was wir getan haben. Wir wussten nicht, wie viele dieser Masken tatsächlich verkauft werden. Dieses Risiko mussten wir übernehmen.

Wirklich gefährlich wird es bei einer Pandemie in der Phase sechs. Wie wird sich die Migros verhalten, falls es so weit kommen sollte?

Castell: Wo immer Menschen sich ansammeln, entstehen Gefahrenherde, und dazu gehören auch unsere Lebensmittelgeschäfte. In einer Phase sechs wird das Angebot auf Grundprodukte reduziert. Es werden nur noch zwei Brote hergestellt – und nicht mehr die gesamte Brotvielfalt. Es ist fraglich, ob alle unsere Mitarbeitenden noch zur Arbeit kommen – weil möglicherweise die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr funktionieren. Es kann Panik ausbrechen. Plötzlich wollen alle zugleich Hygienemasken, Desinfektionsmittel und Medikamente. Wir haben uns auf einiges vorbereitet, müssen aber immer mit überraschenden Faktoren rechnen.

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Veranstaltung

Swissfuture
Sie organisiert am 5. September im Business Center im Airport Zürich eine Abendveranstaltung zum Thema Wild Cards. Keynote-Speaker ist der Physiker, Zukunftsforscher und Technologie-Experte Karlheinz Steinmüller. Die Wild-Card-Experten Jürg Winter und Hans-Rudolf Castell werden auf dem Panel Platz nehmen. Swissfuture ist Mitglied der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) und der World Future Society (WFS).

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Das sind Wild cards

28. Juni 1914 Mord am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo löste den Ersten Weltkrieg aus

1918–1920 Spanische Grippe, 25 Mio Tote

24. Oktober 1929 Börsencrash löst Weltwirtschaftskrise aus

29. Mai 1985 Ausschreitungen im Heysel-Stadion, Brüssel, 41 Tote

5. September 1985 In Uster fällt die Decke eines Hallenbades ein, 14 Tote

9. November 1989 Fall der Berliner Mauer

20. März 1995 Sarin-Attentat der Aum-Sekte in Tokio, 15 Tote

11. September 2001 Islamische Terroristen greifen WTC in New York an, 3000 Tote

28. September 2001 Amoklauf in Zug, 14 Tote

26. Dezember 2004 Tsunami-Welle verwüstet Küstengebiete im indischen Ozean, 231000 Tote

29. August 2005 Hurricane Katharina zerstört Teile von New Orleans, über 1500 Tote

22. Juni 2005 SBB-Stromausfall