Der 30. April wird für Urs Rohner ein ungewöhnlicher Tag werden: Erstmals in seiner neunjährigen Amtszeit als Präsident der Credit Suisse wird er sich nicht wie gewohnt im proppenvollen Hallenstadion den versammelten Eigentümern stellen, sondern die Traktanden virtuell und im kleinen Kreis abarbeiten – das Coronavirus hat der Aktionärspräsenz an der Generalversammlung den Garaus gemacht.

Verschieben, wie andere Konzerne das machen, will die Bank den Event nicht, heisst es seitens der Credit Suisse. Dies obwohl die physisch abgehaltene GV eine willkommene Plattform für den Dialog mit Kleinaktionären sei. Aber das Ende der Corona-Krise lasse sich zeitlich nicht vorhersagen, was de facto eine Verschiebung mit unbekanntem Datum bedeutet hätte. Technisch sei die Durchführung kein Problem – schon heute würden über 98 Prozent der Stimmen im Voraus per Vollmacht über die unabhängigen Stimmrechtsvertreter eingegeben.

Leicht wäre der persönliche Auftritt vor den Aktionären dieses Jahr für Rohner kaum geworden: Nach dem Beschattungsskandal um das ehemalige Konzernleitungsmitglied Iqbal Khan, der im Rausschmiss von CEO Tidjane Thiam am 7. Februar seinen Höhepunkt fand, stellte man sich auf eine Unzahl von kritischen Voten seitens der Aktionäre ein.

Drohungen der Grossaktionäre

Entscheidend für seine Wahl sind aber nicht die krittelnden Kleinaktionäre, sondern die Handvoll Grossaktionäre im Hintergrund. Und aus dieser Ecke droht dem Präsidenten inzwischen weniger Unheil als noch vor wenigen Wochen.

Noch im Februar kamen aus diesen Kreisen unverhüllte Drohungen: David Herro von Harris Asso­ciates, mit nach Bankabgaben 5,17  Prozent der Aktien der zweitgrösste Aktionär, mahnte Rohner, an Thiam festzuhalten: «Wenn der Verwaltungsrat nicht entsprechend handelt, werden wir nach Wegen suchen, um Herrn Rohner aus ­seinem Amt als VR-Präsident zu ­entlassen», so Herro. Der CS-Verwaltungsrat, in dieser Frage an­geführt von Roche-CEO Severin Schwan, der als Lead Independent Director fungiert, liess sich nicht beeindrucken und schmiss Thiam dennoch hochkant raus.

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David Herro, managing partner and chief information officer at Harris Associates LP, speaks during a Bloomberg Television interview at the European Capital Markets in Milan, Italy, on Tuesday, Sept. 18, 2018. Europe's most senior bankers pleaded in concert with the European Union to speed up its banking and capital markets union projects, warning thduring the region risks falling further behind the U.S. and China in the global economy. Photographer: Federico Bernini/Bloomberg via Getty Images

David Herro: Der Anlagechef des Grossaktionärs Harris Associates drohte Rohner öffentlich mit der Abwahl.

Quelle: Bloomberg/Getty Images

Kritiker sind leiser geworden

Verlierer des Mätzchens ist vor allem Herro selbst, der sich als Grossmaul entpuppte. Nachdem die Drohung ins Leere gelaufen war, krebste er zurück: Anfang März liess er wissen, er strebe «zu diesem Zeitpunkt» doch nicht die Abwahl von Rohner am 30. April an, solange «Urs wie vereinbart nächstes Jahr zurücktritt». Genau das zu tun, hatte Rohner aber ohnehin stets verkündet. Auch die britische ­Silchester, die im Thiam-Machtkampf gegen Rohner geschossen hatte, ist inzwischen leiser geworden. «Kein Kommentar», antwortete Senior Partner Tim Linehan kurz und trocken auf die Frage, wie man sich heute zu Rohner stelle und ob Silchester gegen ihn stimmen werde.

Rohner wird allerdings auch ­dieses Jahr auf Stimmen verzichten müssen. Die Stiftung Ethos etwa ­fordert schon seit 2017 die Abwahl ­Rohners. Für dieses Jahr sei der Entscheid noch nicht definitiv gefallen, so Direktor Vincent Kaufmann. Man warte noch auf die Traktandenliste, je nachdem, ob schon ein Nachfolger präsentiert werde, überlege man sich, diesmal Milde walten zu lassen. Der ganze Prozess bei der CS erscheine ihm «etwas unprofessionell». Die Swiss Re etwa habe mit der Nominierung von Sergio Ermotti als VR schon ein Jahr vor dem Rücktritt von Walter Kielholz von 2021 Klarheit geschaffen.

Doch Gesellschaften wie Ethos spielen im Grunde eine marginale Rolle. So hält der Fonds gerade mal 0,1 Prozent der CS-Aktien, zählt man die Mandate der durch ihn vertretenen Pensionskassen dazu, kommt man auf drei bis fünf Prozent. Der Kern der Gruppe der Grossaktionäre, ­Olayan aus Saudi-Arabien und der Staatsfonds aus Katar, soll Rohner indes wie stets uneingeschränkt stützen, sagen Bankinsider.

Nicht gefährdete Wiederwahl

Die Wiederwahl von Urs Rohner sei nicht gefährdet, antwortete ­Severin Schwan auf Fragen von ­BILANZ: «Ich bin überzeugt, dass Urs Rohner für ein Jahr bis April 2021 wieder­gewählt wird.» Die Frage, ob er auch persönlich Kontakt zu grossen Aktionären gehabt habe, beantwortete Schwan mit «Ja». Bank­insider schätzen die Zustimmung für Rohner an der kommenden GV erneut auf deutlich über 80 Prozent. Das schlechteste Resultat der letzten fünf Jahre musste ­Rohner 2018 einstecken, als er 89,45 Prozent der Stimmen erhielt.

Alles bestens also für den Präsidenten? Eine Chance vielleicht ­sogar, doch noch länger als bis 2021 zu bleiben, wie Presseberichte mutmas­sen? Schliesslich habe ­Rohner genau diese Lösung noch kürzlich bei gewissen Grossaktio­nären sondiert, schrieb die «Financial Times». Rohner selber dementiert dies bestimmt: Derlei Sondierungen habe es «nie und in keiner Weise gegeben». Er habe selber die Amtszeitbeschränkung bei der CS von 15 auf 12 Jahre gesenkt. «Ich habe immer klargemacht, dass ich mich ­daran halte, und habe dies auch bei anderen durchgesetzt.»

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Bestätigt wird dies von Vizeprä­sident Schwan: Der Zeitplan eines Rücktritts 2021 gelte unverändert. Rohner ist seit 2009 im VR, seit 2011 als Präsident.

Die Spekulationen um einen Verbleib Rohners im gut bezahlten Präsidentenjob – jährlich gab es rund vier bis fünf Millionen Franken – wurde auch dadurch an­geheizt, dass von aussen keinerlei Fortschritte im Suchprozess wahrnehmbar sind. Bei vielen Gross­konzernen wird ein neuer Präsident schon ein Jahr vor dem Amtsantritt als einfaches Verwaltungsrats­mit­glied geholt. Das darf dann noch eine Weile schau­laufen, um Firma und Leute besser kennenzulernen. So geschehen etwa 2010 bei Zurich Insurance, als man Josef Ackermann holte.

Die einzige Zuwahl in den VR für die kommende GV ist der britische Wirtschaftsprüfer Richard Meddings, bisher Verwaltungsratspräsident der britischen TSB Bank. Laut Bankinsidern soll er seine Expertise im Prüfungs- und Risikomanagement einbringen, gilt aber nicht als Kandidat fürs Präsidium. Er bleibt auch der einzige Neue: Es gebe keine Änderungen gegenüber der bereits erfolgten Bekanntmachung, bestätigt Schwan.

CEO Severin Schwan of Swiss drugmaker Roche addresses the company's annual news conference in Basel, Switzerland January 30, 2020. REUTERS/Arnd Wiegmann

Severin Schwan: Der Roche-CEO ist als Lead Independent Director der CS die Drehscheibe für die Suche nach einem neuen Bankpräsidenten.

Quelle: Reuters
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Kein Schaulaufen

Ohne ein Schaulaufen gibt es im Grunde nur zwei Methoden, einen neuen Präsidenten zu bestimmen. Entweder man nimmt eine Person aus der Gruppe der bestehenden Verwaltungsräte. Oder man holt ­einen Top-Crack von aussen, der den Job dank seiner beeindruckenden Bank- und/oder Führungserfahrung von Tag eins an führen kann.

Gefordert bei der Suche ist das fünfköpfige Nominationskomitee, das unter Leitung von Rohner selbst steht. Im konkreten Fall der Präsidentensuche soll die Federführung aber bei Schwan liegen. Rohner müsse bei gewissen Fragen in den Ausstand treten, dürfe selber aber durchaus ein gewichtiges Wörtchen in der Nachfolgefrage mitreden, heisst es bei der Bank.

Eine wichtige Rolle soll VR-Mitglied John Tiner spielen, wie schon im Fall des Abgangs von Thiam: Dort war er im VR für die interne Untersuchung in der Beschattungsaffäre verantwortlich. Die beiden anderen Mitglieder des Nominationskomitees sind Andreas Gottschling und Kai Nargolwala.

Ausgangspunkt für den Such­prozess war die Erstellung eines ­genauen Profils des Jobs. Wie genau dieses aussieht, gibt die CS nicht bekannt. Auch nicht, ob der neue Präsident ein Schweizer sein soll. Allerdings ist mit Thomas Gottstein, der Thiam auf dem CEO-Posten ersetzt hat, neu schon ein Schweizer in einer der beiden Top-Positionen der Bank. Dies erhöht den Spielraum in der Frage der ­Besetzung des Präsidiums.

Ein Aufstieg mit Ansage

Wie tickt Thomas Gottstein, der neue Chef der Credit Suisse? Einblicke in die Karriere und das Denken des Nachfolgers von Tidjane Thiam – mehr dazu hier.

Top-Cracks, die den Job von Tag eins an machen könnten, gibt es nicht viele. Einzelne Namen kursieren schon, etwa jener von Ex-Nationalbankchef Philipp Hildebrand, heute Vice-Chairman von BlackRock. Doch gegen dessen Einzug soll vor allem Rohner selbst sein.

Mehr dessen Gusto entspräche ein ehe­maliger Weggefährte: Ulrich Körner, zuletzt beim Konkurrenten UBS als Konzern­leitungsmitglied. Bis 2009 war er bei der CS, unter anderem als CEO der Credit Suisse Schweiz. Körner gilt als fachlich versiert, aber auch ziemlich als Miesepeter, was für die Rolle als oberster Chef und Galionsfigur eines 45 000-Mitarbeiter-Unternehmens nicht eben ideal ist. Für ihn spricht: Da er bereits letztes Jahr bei der UBS ausgetreten ist, würde er bis 2021 jedenfalls eine genügend lange Cooling-off-Periode aufweisen.

Suchprozess in entscheidender Phase

Aus dem bestehenden Verwaltungsrat indes drängt sich auf den ersten Blick niemand auf. Erfahrene Banker im Gremium wie Nargolwala ­haben selber schon viele Jahre Amtszeit auf dem Buckel, anderen Branchenprofis fehlt es an den notwendigen Erfahrungen, etwa dem ­Wirken in einem grossen börsen­kotierten Konzern. Der erst 2018 aus dem Wealth Management von Pictet eingewechselte Christian Gellerstad etwa hat zwar einen ausgezeichneten Ruf im Private Banking, doch war er seine ganze Karriere in Diensten der Genfer Banquiers Privés, was seinen Rucksack etwas gar leicht macht.

Laut Insidern werde der Suchprozess intensiviert und komme nun in die entscheidende Phase. In der Zwischenzeit ist die Bank ­bemüht, jeglichen Zweifel an der uneingeschränkten Handlungs­fähigkeit ihres Präsidenten zu zerstreuen. Rohner soll nach dem ­Abgang von Thiam regelrecht aufgeblüht sein, beschreiben Mitarbeiter.

Für die Bank sei es angesichts der Corona-Krise sicher kein Nachteil, einen Mann an der Spitze zu haben, der bereits einmal durchs Feuer gegangen ist: In der heissen Phase der Finanzkrise vom Herbst 2008 war Rohner als Chefjurist und COO an vorderster Front in die Koordi­nation der Rettungsaktionen der ­Branche und die Stabilisierung der eigenen Bank involviert.

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