«Ein Bauwerk ist wie eine Seifenblase. Diese Seifenblase ist vollkommen und harmonisch, wenn sich der Atem gleichmässig gut vom Inneren her verteilt hat. Das Äussere ist das Ergebnis des Inneren.» Le Corbusier, 1923

Rolex und Genf. Eine historische Symbiose. Neuerdings eine unübersehbar sichtbare. War die Firma im Jahr 2004 noch auf 19 zum Teil unscheinbare Standorte in der Stadt am Lac Léman verteilt, sind es heute noch deren 3. In Chêne-Bourg, einem Aussenquartier der Stadt, steht ein fünfstöckiger, 160 Meter langer neuer Bau aus Glas und Stahl, seit seiner Fertigstellung im Jahr 2000 so etwas wie der Prototyp der Rolex-Architektur für das neue Jahrtausend.

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Die Produktionsstätte für Zifferblätter und Edelsteinfassungen beherbergt heute 600 Mitarbeitende. Unübersehbar das Schwarz der Glasfassade – das elegante Schwarz steht für Rolex-Produktion. Unübersehbar auch das Goldgelb der fünfzackigen Krone an der Aussenhülle des Baus – das weltbekannte Logo steht für die wohl wertvollste Uhrenmarke der Welt.

Schwarze Aussenfassade, goldene Krone auch in Plan-les-Ouates. Auch hier wird produziert im Dienste der Krone: gegossen, gestanzt, gefräst, poliert. Ein gewaltiger Industriekomplex. Über 660 000 Kubikmeter Bauvolumen sind innert dreier Jahre zu 42 000 Quadratmetern Nutzfläche verbaut worden. Der im Dezember 2004 fertig gestellte Bau ist mit Platz für 1500 Mitarbeitende die grösste Rolex-Produktionsstätte in Genf. Im fünften Stock, im Speisesaal, eröffnet sich ein atemberaubender Blick auf Stadt und Land.

Und auf eine dritte Rolex-Krone. In Sichtweite prangt diese auf einer grün getönten Fassade, aus Glas und Stahl auch sie, die zwei H-förmigen Hochbauten geben dem Bau eine besondere Erhabenheit. Es ist dies das Rolex-Headquarter an der Rue François-Dussaud im Genfer Stadtviertel Les Acacias. Und hier, im elften Stock, im Büro von Rolex-CEO Patrick Heiniger, laufen alle Fäden zusammen. Wenn im Oktober 2006 auch in diesem Gebäude die letzten Handwerker abziehen werden, ist Heinigers Werk nach insgesamt acht Baujahren vollendet und eine Corporate Architecture Realität, wie es sie in der hundertjährigen Geschichte von Rolex noch nie gegeben hat.

Ein weiter Weg ist Patrick Heiniger zumindest vorläufig zu Ende gegangen. Der erst dritte Chef in der Geschichte der Firma hat mit der modernen Rolex-Architektur auch äusserlich sichtbar vollendet, was die Firma im Innern und mit ihren Uhren, ihrer Marke seit Jahrzehnten schon ist: eine Uhrenmanufaktur mit weltweiter Ausstrahlung.

1905 gründet der gebürtige Deutsche Hans Wilsdorf in London eine Firma zum Vertrieb von Uhren, die spätere Rolex. 1919, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, verlegt er den Hauptsitz seiner Firma in die Rue du Marché in der Stadtmitte der Calvinstadt. Hier beginnt der Aufstieg der Firma zu einer Uhrenmanufaktur mit Weltruf. Dank einer Innovation, wie sie die Welt noch nie gesehen hat: einer wasserdichten Armbanduhr. Es ist die Rolex Oyster, «die Mutter aller späteren Rolex-Uhren und vielleicht die berühmteste Uhr der Welt», wie BILANZ urteilte (siehe BILANZ 11/2004: «Die Legende Rolex»).

1963 übernimmt CEO Nummer zwei das Zepter bei Rolex, André J. Heiniger, unter Gründer Wilsdorf kaufmännischer Direktor der Uhrenmanufaktur. Er setzt ungeachtet der aufkommenden Quarzuhren unbeirrt auf mechanische Uhrmacherkunst und entwickelt Rolex zu einem globalen Brand. Als er im Jahre 1992 das Zepter an den CEO Nummer drei übergibt, verfügt Rolex über einen weltweiten Vertrieb von Tokio bis Toronto. Wieder ist es der kaufmännische Direktor, der die Rolex-Geschichte weiterschreibt: Heinigers Sohn Patrick. Und dieser fällt zusammen mit seinem Verwaltungsrat Ende der neunziger Jahre einen wegweisenden Entscheid: die Konzentration der Fertigung auf die drei grossen Produktionsstätten Acacias, Chêne-Bourg und Plan-les-Ouates. Ein millionenschweres Bauvorhaben. Und viel mehr als die Verwirklichung eines architektonischen Traums.

Patrick Heiniger sitzt in einem ockergelben Ohrensessel in seinem Büro im obersten Stock des Rolex-Headquarters. Ein welscher Grandseigneur. Charmant, geschichtsbewusst. «Von Rolex wird alles kopiert», sagt er, «und jetzt geht das nicht mehr.» Wer aufmerksam bleibt, bemerkt den Schalk, der für einen kurzen Augenblick aufblitzt in den Augen des Chefs. Und plötzlich wird klar, was sich hinter der modernen Architektur aus Glas und Stahl bei Rolex wirklich verbirgt: die totale Autonomie in der Uhrenproduktion, die vertikale Integration sämtlicher Produktionsschritte vom Zifferblatt über das Uhrwerk bis zum Armband von 700 000 Luxus-Chronometern pro Jahr, industriell und computergesteuert gefertigt. Wohin das führt? «Im Jahr 2005 hatten wir das beste Ergebnis unserer Geschichte», sagt der Chef. Ein Jahrhundertereignis gewissermassen.

Lange hat Patrick Heiniger diesen finalen Wurf vorbereitet, jedenfalls lange bevor er sein weitsichtiges Bauvorhaben ins Rollen gebracht hat. Über Jahre hat er die wichtigsten Zulieferer aufgekauft: 1998 den Armbandhersteller Gay Frères in Genf, zwei Jahre später den Zifferblatthersteller Beyeler & Cie in Genf, 2001 den Kronenhersteller Boninchi, 2004 den Uhrwerkhersteller Rolex Biel – diese Fabrikationsstätte bleibt als einzige an ihrem angestammten Standort. Nun sind all diese ehemals selbständigen Unternehmen unter einem Dach vereinigt, untergebracht hinter modernen Fassaden aus Glas und Stahl, und werden von Rolex SA kontrolliert. Die Folge: Qualität, Beschaffung und Exklusivität der technischen Lösungen sind bei Rolex sichergestellt wie wohl bei keinem anderen Uhrenhersteller der Welt. Die industrielle Fertigung ist dank modernsten Produktionsstätten erhoben zum obersten Gebot.

Dies ist viel mehr als ein einfaches Lippenbekenntnis. Jacques Baur, Head Forschung und Entwicklung von Rolex, steht im firmeneigenen Auditorium, einem fensterlosen Rondell, einzig durch eine riesige runde Glaskuppel fällt Tageslicht. Per Knopfdruck verriegeln grossflächige Lamellen den Weg der Lichtstrahlen, die Decke wird verschlossen wie eine Auster. Die Präsentation beginnt. Folie um Folie öffnet sich das Innenleben von Rolex, mehr Wissenschaft denn Uhrenmanufaktur, mehr Kopf- denn Handarbeit.

Am Anfang stehen Forschung und Entwicklung, Produktdesign und die Definition erforderlicher technischer Charakteristika. Kurz: «What we do», meint Baur. Dann folgt die Industrialisierung der gewonnenen Erkenntnisse, die in die Definition des «Manufacturing» mündet – in den Worten des F&E-Chefs: «How we do.» Und schliesslich: die Produktion, «doing it», in der erforderlichen Qualität, der gewünschten Quantität, innerhalb definierter Zeitfenster. «Dies erfordert computergestützte, automatisierte Produktion», sagt Baur, «stabile, stets gleich bleibende Qualität und höchste Sicherheitsanforderungen im Produktionsprozess und in der ausgeklügelten Logistik.» All diese Prozesse hat Rolex in den vergangenen zehn Jahren entwickelt und neu definiert – die jüngste Häutung in der hundertjährigen Geschichte der Firma.

Wie sich dies jenseits schön gestalteter Hochglanzfolien in der Realität anfühlt, wird spürbar in Plan-les-Ouates, in vier Stockwerken unter Tage. Hier befindet sich das grösste Logistikzentrum von Rolex. Vollständig computergesteuert, zwölf Meter hoch, 60 000 Regale, erbaut in 22 Monaten oder 180 000 Arbeitsstunden und seit knapp einem Jahr in Betrieb.

Seit der letzte Handwerker hier seinen Dienst quittiert hat, herrscht hier oberste Sicherheitsstufe. Zutritt haben nur handverlesene Mitarbeiter; wer die Sicherheitsschleuse hinter sich lassen will, muss sich auf futuristische Art ausweisen. Ein Bullauge scannt die Iris, und ist diese registriert, öffnet sich die Pforte ins Innerste der Rolex-Logistik. Kein Mensch weit und breit, dafür alles, was das Herz eines Rolex-Freaks erfreut: Komponenten, Rohmaterialien, Gehäuse, Armbänder.

Wie präzise hier unten ohne Menschenhand gearbeitet wird, zeigt sich fünf Stockwerke weiter oben, wo Arbeiter in weissen Overalls mit dem goldenen Rolex-Logo auf der Brust die firmentypischen Metallarmbänder zusammenbauen. Eine komplexe Sache: Jedes Armband besteht aus rund 200 Einzelteilen, und fehlt auch nur eines, stockt die Produktion. Der Nachschub aus der Unterwelt muss also in jedem Augenblick gewährleistet sein – und so ist es auch. Über Mini-Shuttles, ein Transportsystem von insgesamt 1,5 Kilometer Länge mit zwei Dutzend übers Gebäude verteilten Stationen, ist Plan-les-Ouates mit dem unterirdischen Logistikzentrum verbunden. Wird an einer der Stationen von einem Mitarbeiter via Computer eine Order für fehlende Komponenten ins Netz eingespeist, kann er sie spätestens acht Minuten später an Ort und Stelle in Empfang nehmen.

Effizienz ist in der Uhrenindustrie der Zwilling der Präzision. Rolex, mit Abstand grösster Goldverwerter der Schweiz, pflegt in der Verarbeitung des gelben Edelmetalls einen in der Branche wohl einzigartigen Umgang. «Foundary and Metal Working» steht auf einem Schild, darüber, unübersehbar, das Kronenlogo auf grünem Grund – in dieser Firma wird die Corporate Identity selbst in den Produktionsabteilungen konsequent hochgehalten.

Ein paar Schritte weiter die hauseigene Goldschmelze. Hier wird aus 24-Karat-Gold und Temperaturen bis 1400 Grad eine Legierung geschmolzen, die aus 75 Prozent Gold und aus je 12,5 Prozent Kupfer und Silber besteht: die Rezeptur für 18 Karat Gold. Diese Legierung in Form kleiner Kugeln wird dann ein zweites Mal eingeschmolzen und in verschiedene Verformungen übergeführt, Rohstoff für die Weiterverarbeitung. «Das Gold», sagt Tuomas Jalanti, Leiter der Entwicklung im Bereich Foundary und Metal Working, «wird schnell umgeschlagen, das spart Geld.» Und vor allem: Auch beim Gold, einer der wichtigsten Ingredienzen der klassischen Rolex-Uhr, agiert die Firma autonom. Praktisch unabhängig von der Aussenwelt verarbeitet sie das gelbe Edelmetall.

Patrick Heinigers Vision bekommt plötzlich eine weit über das Architektonische hinausreichende Dimension. Die Aussenhülle aus Glas und Stahl hält das faszinierende Innenleben von Rolex zusammen. Eine Art Wissenskonzern, ein sich stets weiterentwickelnder eigener Mikrokosmos, der sich einem Ziel verschrieben hat: die besten Uhren der Welt zu bauen. Koste es, was es wolle. Für Heiniger ist dieser Weg wohl vorgezeichnet. Es ist die kürzeste Verbindung zwischen den Ursprüngen der Rolex und der industriellen Avantgarde des Uhrenhandwerks. Vielleicht deshalb hat Patrick Heiniger auf dem Dach der Produktionsstätte in Plan-les-Ouates ein Apfelbäumchen pflanzen lassen. Wer seine Wurzeln nicht kennt, kann nicht ernten.