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Rolf Soiron: Der unbekannte Superman

Die Schweiz hat einen neuen VR-Übervater: Der Präsident von Nobel Biocare und Holcim wird auch Präsident von Lonza. Rekord. Der letzte Übervater scheiterte: Willy Kissling.

Von Victor Breu
am 01.02.2005

Kennen Sie Rolf Soiron? Man wird bald nicht umhin kommen, ihn im Scheinwerferlicht zu sehen. Denn der Basler Historiker wird am 11. April zum wichtigsten Schweizer Wirtschaftsführer aufsteigen. Rein quantitativ wenigstens. An jenem Tag übernimmt er das Verwaltungsratspräsidium von Lonza. Bei Holcim und Nobel Biocare sitzt er bereits auf diesem Stuhl. Drei VR-Präsidien bei gewichtigen Firmen - das schafft sonst niemand. Holcim und Lonza, beides Milliarden-Konzerne, sind immerhin im SMI, dem Schweizer Aktienindex der 26 Grossfirmen.
Ausser Soiron präsidiert nur der Lausanner Anwalt Georges Muller (64) zwei SMI-Konzerne (SGS und Serono), ansonsten leistet sich jedes Grossunternehmen seinen exklusiven VR-Präsidenten. Als Mandatsammler gefährlich wird Soiron höchstens ein anderer Shooting-Star: Rolf Watter (46), der nie Unternehmer gewesen ist, dafür Wirtschaftsanwalt, und der in den Verwaltungsräten von Syngenta, Forbo, Zürich und Cablecom sitzt, aber nur bei Forbo als Präsident.
Soiron übernimmt bei Lonza keine leichte Aufgabe. Der Konzern hat zwei schwierige Jahre hinter sich. Der grösste Aktionär, die Ems Chemie (20%), sucht Gerüchten zufolge für ihr Paket einen Abnehmer. Und Vorgänger Soirons war Sergio Marchionne, ein Mann mit Star-Nimbus, der seit Sommer 2004 Fiat-Konzernchef ist. Bei Lonza hatte er das Management an der ganz engen Leine geführt, bevor er vor etwa einem Jahr das Interesse an der Firma verlor.
Mit seinem VR-Trio-Pack tritt Soiron in die Fussstapfen von Willy Kissling (60). Dieser hatte in den letzten zwei Jahren jeweils drei gewichtige Präsidien inne: Zunächst bei Unaxis, Holcim und SIG, dann bei Unaxis, SIG und Forbo. Kissling war damit der Übervater der Schweizer VR-Szene. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Alle drei Konzerne unter seiner Führung gerieten letztes Jahr ins Trudeln - Kissling verlor innert 12 Monaten alle drei Hüte, überall mit einem unrühmlichen Abgang (siehe auch «HandelsZeitung» Nr. 4 vom 26. Januar 2005).
Hinter Kisslings seinerzeitigem Aufstieg hatten wenig Fragezeichen gestanden, da er ein ausgewiesener Manager war: Er hatte jahrelang Landis & Gyr und Unaxis geführt. Bei Rolf Soiron ist dies anders: Er ist kein klassischer Wirtschaftsführer, nicht einmal Ökonom. Er bringt wenig operative Erfahrung mit sich, und er ist wenig bekannt.
*Wenn einer, dann er*
Wer ist Rolf Soiron? Als deutschsprachiger Belgier geboren, aufgewachsen in Riehen BS in mittelständischen Verhältnissen, später dort Gemeinderat, dann im Grossen Rat von Basel-Stadt. Studium der Geschichte und Kunstgeschichte. Vom Studium weg wurde er Assistent des damaligen Sandoz-Herrschers Marc Moret. Mit 35 Jahren zog Soiron mit McKinsey-Chef Lukas Mühlemann eine Gemeinkosten-Wertanalyse durch, die zum Abbau von 1800 Stellen führte. Es folgten vier Jahre als Geschäftsführer der Orthopädiefirma Protek, ehe Soiron zu Sandoz zurückkehrte, als Leiter der Saatgut- und Agrofirmen in die USA ging. Förderer Moret setzte ihn dann an die Spitze der Pharma-Sparte - wo Soiron einen gewissen Daniel Vasella zu seinem Assistenten machte -, um ihn nach nur einem Jahr völlig überraschend abzusetzen. Anschliessend gehörte Soiron zu den Gründervätern der Bellevue-Bank. Von 1993 bis 2003 war er CEO des Chemiekonzerns Jungbunzlauer in Basel. Die VR-Präsidien von Holcim und Nobel Biocare hält er seit 2003. Soiron präsidiert auch den Basler Universitätsrat, gibt dieses Amt aber im Frühling genauso ab wie sein VR-Mandat bei Synthes-Stratec.
Ob Soiron (60) der Arbeitsbelastung standhält, die Machtfülle erträgt? Wenn einer, dann er, sagen langjährige Weggefährten. Soiron gilt als kluger Kopf, scharfer Beobachter, analytischer Denker, gewiefter Taktiker, eloquenter Debattierer. Ein Mann mit Tiefgang, kein Zampano, bescheiden, besonnen, glaubwürdig. «Die Bedenken wegen der Arbeitsbelastung sind durchaus berechtigt», sagt sogar Soiron, der ehemalige Marathon-Läufer. Doch für Lonza werde er weniger Zeit aufwenden müssen als für die Uni Basel und Synthes.

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