Raymond Cron hat nicht oft Zeit, die Andacht seiner Schaltzentrale in Altdorf zu geniessen. Termine im In- und Ausland diktieren seine Agenda. Durch eines seiner Bürofenster im ersten Stock könnte er in die Kapelle zum Oberen Heiligkreuz blicken, grenzt seine Wirkungsstätte doch direkt daran: Sie befindet sich im ehemaligen Frauenkloster St. Karl. Seit zwei Jahren hat sein heutiger Arbeitgeber den globalen Hauptsitz im Urner Hauptort.

Nach seinem Transfer vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) zur Orascom Development Holding (ODH) hat der 51-jährige Basler mehr gearbeitet, denn darüber gesprochen. Obwohl er schon über eineinhalb Jahre die europäischen Tourismusprojekte des schweizerisch-ägyptischen Städteentwicklers verantwortet und vorantreibt. Inzwischen sind es deren drei, die es gemeinsam auf ein Investitionsvolumen von 4,5 Mrd Fr. bringen.

«Sogar für mich kam der Wechsel überraschend. Auch wenn mir klar war, dass ich nicht als Beamter in Pension gehen werde», erklärt der diplomierte Bauingenieur im Gespräch mit der «Handelszeitung». «Vom Vorhaben in Andermatt wusste ich 2008 genau so viel wie die meisten Schweizer - nämlich was die Medien darüber berichteten. Ich habe nur gestaunt und mir gedacht: Das ist sehr mutig. Ansonsten habe ich die Sache nicht intensiv mitverfolgt.»

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Es wird an langer Leine geführt

Zu seinem Job kam er so: Cron kennt Franz Egle, Verwaltungsrat von ODH. Dieser fragte ihn an, ob er interessiert wäre, eine neu geschaffene Funktion zu übernehmen. Es folgte das erste Treffen mit Samih Sawiris, Mehrheitsaktionär von ODH. «Dieses war in dem Sinn unkonventionell, weil wir mehr über die Luftfahrt als meine Anstellung gesprochen haben», erinnert sich Cron. Sawiris besitze Business-Jets und kenne Aviatik-Probleme nur zu gut. Kurz darauf lag das Angebot auf dem Tisch. «Ich habe es abgewogen und mich dafür entschieden, weil mich dieser Job zu meinen beruflichen Wurzeln zurückführt und ich meine Erfahrungen aus der Behörde einbringen kann», sagt Cron.

Als Bazl-Direktor unter Bundesrat Moritz Leuenberger stand er im öffentlichen Interesse, nicht so als Konzernleitungsmitglied unter Patron Samih Sawiris. «Das stört mich nicht im Geringsten», betont Cron, «das macht es einfacher, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.» Seine kürzeste Stellenbeschreibung lautet: «Meine Hauptaufgaben sind es, unsere Vorhaben in Europa via deren lokale Chefs zu lenken und dafür zu sorgen, dass vor Ort die Vorgaben der Gruppe umgesetzt werden. Zudem vermittle ich zwischen allen beteiligten Stellen, etwa Regierungen, Verwaltungen, Auftragnehmern oder Umweltorganisationen.»

Wie frei kann der Head European Operations dabei wirken? Ist der Schatten des Investors scheinbar allgegenwärtig. «Samih Sawiris ist bei den europäischen Verhandlungen bis zum Vertragsabschluss die treibende Kraft, danach übernehme ich», sagt Cron. «Er kümmert sich anschliessend vor allem um künftige Projekte, bei laufenden Entwicklungen bleibt er involviert und schaut von Zeit zu Zeit vorbei.» Er mische sich nur dann ein, wenn ihm etwas missfalle.

Cron macht es ähnlich: «All unsere Städteentwicklungen werden lokal durch eine Tochtergesellschaft mit einem Geschäftsführer umgesetzt.» Sobald dieses Gerüst stehe, laufe es fast autonom. «Ich bin danach sowohl Head Coach als auch Sparringpartner.» Nur bei übergeordneten Themen sei er direkt an der Front. «Zu Beginn mache ich aber fast alles selber, um vor dem Verkaufs- und Baustart der Immobilien günstige Voraussetzungen zu schaffen.»

Geschäftsmodell stets erklären

Während für Andermatt diverse Weichen schon vor seinem Stellenantritt gestellt waren, musste Cron für Cornwall (England) sowie Tivat (Montenegro) erst Büros finden, Personal rekrutieren, Gesetze studieren, Bedürfnisse schildern, Anwälte konsultieren, Berater aufsuchen, Politiker treffen, Architekten suchen, Masterpläne erarbeiten und mehr. Cron ergänzt: «Ich muss überall zuerst das Geschäftsmodell von Orascom erklären, weil die meisten Leute glauben, dass wir schnell entwickeln, abkassieren und verschwinden.»

Im Gegenteil: Orascom baue nachhaltig und bleibe langfristig engagiert als Betreiber von Infrastrukturanlagen - auch wenn an einem Ort einmal alle Wohnungen und Villen verkauft seien. Es werde nicht auf Halde produziert, sondern grundsätzlich nur gebaut, was vorher ab Plan verkauft wurde. «Hat man das Geschäftsmodell einmal verstanden, ist es einfach und logisch.» Bloss die ersten Investitionen für allgemeine Bauten wie Hotels tätige die Gruppe aus eigener Kraft.

Jetzt wird erst mal konsolidiert

Zu den Ambitionen von Orascom in Europa führt Cron aus: «Jetzt geht es darum, unsere drei ersten Vorhaben zu konsolidieren und dieses Wachstum zu verdauen, sprich umzusetzen und auch zu finanzieren. Ein Expansionsschub steht heute nicht zuoberst auf der Agenda. Schliesslich müssen wir beweisen, dass integrierte Städte auch in unseren Breitengraden funktionieren.» Im Fall von Andermatt kämen seit Ende April die ersten Erträge rein.

Trotzdem wird Cron weiterhin viel reisen. «Ich bin mindestens einmal pro Monat entweder am Stück oder in Etappen je drei bis fünf Tage in Südwestengland oder Montenegro. Dies sind anstrengende Aufenthalte, weil ich versuche, während dieser Zeit viel zu erledigen und zu organisieren. Ansonsten sei er oft in Zürich oder London. «In Kairo bin ich relativ selten. Ich treffe Sawiris an den Orten der jeweiligen Projekte.»

Cron fügt hinzu: «Im Mittel bin ich zwei Tage pro Woche an unserem Hauptsitz in Altdorf.» Wenig Zeit zum Durchatmen. Immerhin: Kürzlich konnte er selber Energie aus den altehrwürdigen Klostermauern schöpfen. Er verbrachte eine Nacht in einem der sechs verbliebenen Schlafzimmer, wo früher drei Jahrhunderte lang Kapuzinerinnen gewohnt hatten.