Bei Wettingen fand man den SBB-Mitarbeiter tot im Gleisbett. Hunderte Zugbegleiter liessen im August 2019 ihre Trillerpfeife ertönen – zum Gedenken an ihren Kollegen. In der Türe eingeklemmt wurde er vom Zug mitgeschleift. Ein schwerer Unfall mit Todesfolge.

27 Unfälle, davon 3 mit tödlichem Ausgang, zählten allein die SBB im Jahr davor. Der gesamte Schweizer Bahnbetrieb kommt sogar auf 70 Unfälle und 14 Tote. Damit Personen- und teure Sachschäden nicht mehr – oder zumindest weniger häufig – passieren, setzt der Chef der Schweizerischen Bundesbahnen, Andreas Meyer, noch einmal alles daran, um die Züge und das gesamte Schienennetz sicherer zu machen: für den Fall von vergessenen Werkzeugen auf den Gleisen, von umgefallenen Bäumen, welche die Strecken blockieren, und Zugskollisionen.

Und nicht zuletzt im Fall von Cyberattacken auf den Bahnkonzern, die im Extremfall Züge zum Stillstand bringen oder die kritische Infrastruktur gefährden. «Ich nehme bis zum Rücktritt die volle Verantwortung für das Unternehmen wahr und gehe die aktuellen Herausforderungen mit hoher Priorität an», lässt Meyer die Belegschaft in seinem letzten SBB-Jahr wissen.

Herz des Startup-Ökosystems

Unter Meyers Führung setzt der Konzern voll auf Praxis statt auf Theorie. Die SBB arbeiten dazu seit mehreren Jahren mit schweizerischen und europäischen Startups und Industriefirmen zusammen.

Um das Potenzial noch gezielter zu nutzen, hat der Konzern seit Sommer 2019 nachgelegt und Scouts in die Welt entsandt. Diese suchen nach Firmen, welche über das nötige Know-how verfügen, Unglücksfälle zu vermeiden und den Betrieb besser zu schützen: nach San Francisco ins Silicon Valley, nach China zu Chinese Railway und deren Zulieferern sowie nach Israel, ins Herz des Startup-Ökosystems von Tel Aviv.

«Damit wird die Innovation auf den Boden gebracht. Sie dient dem Kerngeschäft und mit dem Partnerschaftsmodell wird Wissen nicht einfach eingekauft, sondern nachhaltig aufgebaut», sagt Rama Marcus, Leiter des SBB Technologie- und Innovations-Outpost Israel.

Technologie vor Vision

Am Standort im Wüstenstaat ist die Partnersuche bereits weit gediehen. In einem Startup-Areal namens Mixer in Herzlia, der Hightech-Vorstadt von Tel Aviv, hat der SBB-Scout die Zelte aufgeschlagen. «Uns geht es hier um konkrete Technologie, nicht um irgendwelche Zukunftsvisionen», so Marcus.

Nicht nur die Sicherheit, auch die Wettbewerbsfähigkeit im Schweizer Mobilitätssystem spielt dabei eine Rolle. «Dem Kunden ist es letztlich egal, mit welchem Betreiber er fährt. Er sucht nur einen Zug oder Bus, der passt, um möglichst schnell und einfach ans Ziel zu kommen.»

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Die Konkurrenten von morgen seien Shared-­Mobility-Anbieter, Flixbus, Tesla oder Google – «und es kommen laufend neue dazu, von denen wir heute noch nichts wissen». Jede Software und jedes Produkt selbst zu entwickeln, mache da keinen Sinn. «Es ist nicht unsere Kernkompetenz, deswegen öffnen wir uns für Entwicklungspartnerschaften.»

Andreas Meyer, CEO SBB, spricht waehrend einer Medienkonferenz, am Freitag, 23. August 2019 in Bern. Die SBB Fuehrung informiert ueber die Sofortmassnahmen und Auflagen des BAV nach einem toedlichen Betriebsunfall mit einer defekten Wagentuere. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Noch-SBB-Chef Andreas Meyer.

Quelle: Keystone

Marcus gehört zum Open-Innovation-­Team der SBB, einer Truppe, die der Konzernentwicklung angehängt ist. Ein Beleg dafür, dass der Partnerschaftsaufbau im Unternehmen strategisches Gewicht hat. «Die Arbeit ist sehr intensiv», sagt Marcus, «sie kostet Zeit und es gibt teilweise grosse kulturelle Unterschiede.»

Ein Beispiel dafür sind Graffiti im öffentlichen Raum: «Wir haben in der Schweiz ein Problem mit Sprayern, die jährlich Schäden in Millionenhöhe verursachen.» Wenn man mit den Israelis spricht, sagen die: «Was stört euch daran?» Schweizer Kunden aber ärgern sich. Für die Kantonspolizei Zürich ist es ein Straftatbestand.

Auch dazu sondieren die SBB derzeit Dutzende Firmen international – auch in Israel: um dieses Problem präventiv zu lösen. Die SBB verfolgen dabei eine Push-­Pull-Strategie: aktive Suche vor Ort «auf Basis von internen Suchaufträgen» und Trend- und Technologie-Scouting.

Die ersten Projekte in den Bereichen Cyber Security und Unfallverhütung auf dem Gleis laufen bereits. Die israelische Rail Vision liefert eine Lösung zur Objekterkennung. Zusätzlich haben die SBB Anfang Februar weitere fünf Bereiche definiert, für die sie neue Technologien in Israel suchen.

Unpräsize Lokalisierung der Züge

Zum Beispiel zur präzisen Lokalisierung des abgestellten Rollmaterials. Derzeit verfügen die SBB über keine technische ­Lösung, welche die genaue Positionsbestimmung zulässt. Das wird noch händisch gemacht und GPS-Ansätze sind nicht prä­zise genug. «Das funktioniert nicht immer ­einwandfrei, wir wissen heute über die Posi­tion der abgestellten Fahrzeuge nur ungefähr Bescheid», sagt Marcus. Neue Technologien sollen helfen.

Im Bereich Augmented Reality konnten Bahnkunden bisher im Bahnhof das Telefon an Standorte, Shops und Informationstafeln halten, um an Zusatzinfos zu kommen. Diese Technologie wird ausgebaut, die SBB suchen hier nach einem neuen Technologiepartner. In Israel wurde die Staatsbahn fündig: ein Startup mit Exper­tise in «standortbezogenen mobilen Anwendungen» für Innenraumumgebungen. «Die Proof-of-concept- und die Pilotphase laufen jetzt für vier Monate», sagt Marcus.

Und an noch drei weiteren Zukunftsthemen sind die SBB dran. So fahren die Züge heute zu rund 90 Prozent mit erneuerbarer Energie aus Wasserkraft. Die SBB selbst sind auch Energienetz- und Kraftwerksbetreiber. Deren kritische Infrastruktur soll vor computergestützten Angriffen besser geschützt werden.

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Bits statt Beton

Zur Verteidigung gegen Hacker planen die SBB deshalb den Aufbau eines Cyber Defence Center. «Wir glauben, wir sind kein Ziel für Angriffe von Hackern oder kriminellen Elementen. Oft wollen Hacker nur Spass. Oder es geht um organisiertes Verbrechen, die sind an Geld oder Daten interessiert», sagt Marcus. Das Center wird im Raum Bern angesiedelt, für den 24-Stunden-Betrieb. Bei einer Arbeitszeit von acht Stunden pro Schicht braucht es ein zwanzigköpfiges Team.

Nicht zuletzt neue Verkehrslösungen beschäftigen die Staatsbähnler. Die SBB tüfteln an Shared-Mobility-Lösungen, welche andere Technologien und Software als bisher erfordern. Man hofft, im Powerhouse Israel fündig zu werden. Ende 2020 wird die Evaluation sämtlicher Startup-­Kandidaten für alle fünf Bereiche stehen und die Ergebnisse werden veröffentlicht. Danach wird entschieden, wofür die Mil­lionen fliessen. «Bestenfalls in multinationale Entwicklungspartnerschaften.» Für Bits statt Beton – «also so sparsam wie möglich», beteuern die SBB.