Der dicke Umschlag ist noch nicht bei Karl Reichenbach eingetroffen. Den Inhalt des neuen Vertrags mit den SBB kennt er jedoch bereits. Künftig zahlen ihm die Bundesbahnen weniger Geld dafür, dass er Billette verkauft. Erhielt der selbstständige Stationshalter in Schänis SG bis anhin bis zu 460 Franken pro abgesetztes Generalabonnement, kriegt er ab 2013 nur noch 50 Franken. «Das schmerzt», sagt der 37-jährige Kleinunternehmer. «Mit rund 500 abgesetzten Stück pro Jahr machen die GA bei mir den grössten Verkaufsposten aus.» Unter dem Strich beschert ihm der neue SBB-Vertrag Einbussen von rund 30000 Franken.

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Die Bahn setzt nicht nur die Stationshalter der 14 privat betriebenen Bahnhöfe unter Druck und zwingt ihnen teils massiv tiefere Provisionen auf. Sie setzt im gesamten Vertriebsnetz das Messer an. Ein Schalter nach dem anderen ist an Wochenenden nicht mehr bedient und öffnet werktags weniger. Oder er bleibt gleich ganz zu. Führten die SBB vor zehn Jahren noch 334 eigene Verkaufspunkte, sind es inzwischen keine 200 mehr. Fast zwei Drittel der SBB-Bahnhöfe haben heute keine Schalter mehr. Zurück bleiben Selbstbedienungsbahnhöfe, bei denen Billettautomaten und leere Wartehäuschen auf Kunden hoffen. Von Betriebspannen erfahren die Fahrgäste per Lautsprecher. Nachfragen, ob der Anschlusszug wartet, geht bestenfalls per Telefon.

Bahnbillette am Kiosk

Dabei verkörperten die Bundesbahnen einst viel mehr als ein Transportunternehmen. Die SBB galten als Inbegriff des Service public. Auf sie konnten sich die Reisenden verlassen. Von ihnen durfte man etwas Rücksicht auf wirtschaftlich schwächere Gebiete und dünner besiedelte Orte erwarten. Die SBB seien «ein Stück Schweiz», sagte der frühere Bahnchef Benedikt Weibel einst nicht ohne Stolz.

Doch die Staatsbahn steht zunehmend unter Sparzwang. Selbst stark frequentierte Bahnhöfe werden deshalb nicht mehr verschont. So stellen die SBB etwa in Männedorf, Kloten, Schlieren und sieben weiteren Zürcher Stationen die Billettschalter per September auf die Fünftagewoche um. In Muttenz BL gibt die Bahn den Ticketverkauf am Schalter ganz auf. Ab 2013 übernehmen die Angestellten des nahen Avec-Ladens die Aufgabe. Damit führt die Kioskbetreiberin Valora bald zwölf Verkaufsstellen für die SBB, wie eine Sprecherin bestätigt. Andernorts springen Migrolino oder die Post in die Bresche.

Die SBB sehen im gestutzten Angebot kein Problem. «Es macht kaum Sinn, die Schalteröffnungszeiten gleich zu belassen, wenn das Umsatzvolumen zurückgeht», sagt ein Sprecher. «Das macht kein wirtschaftlich denkendes Unternehmen.»

Tatsächlich verkaufen die SBB je länger, je mehr Bahnbillette an Automaten, übers Internet oder übers Handy. Wenn aber mehr Geld im Spiel ist, also etwa bei Generalabonnementen und Auslandreisen, lassen sich die Bahnkunden weiter gerne persönlich beraten, wie der Staatskonzern bestätigt. Beinahe zwei Drittel des Verkehrsumsatzes 2011 von 3,3 Milliarden Franken erzielten die SBB denn auch am Schalter.

Für Kurt Schreiber ist darum auch klar, dass Maschinen den Schalterbeamten nicht ablösen können, zumal nicht alle Kunden mit Ticketautomaten zurechtkämen. Seine Begeisterung für die Umgestaltung vieler Bahnhöfe hält sich deshalb «in engen Grenzen», sagt der Pro-Bahn-Präsident. Er zweifelt auch, dass Kioskverkäufer die Lücke problemlos stopfen können – auch wenn die Bahnkunden bei diesem Absatzkanal teils von viel flexibleren Öffnungszeiten profitieren. «Eine Schnellschulung kann diejenige eines SBB-Angestellten nicht ersetzen», ist für Schreiber klar. Für besser hält der Lobbyist das Stationsmodell, wie es etwa Bahnhofsbetreiber Reichenbach in Schänis anwendet.

Zähes Ringen um Provisionen

Reichenbach nahm das Schicksal selbst in die Hand, als ihm die SBB vor 13 Jahren eröffneten, dass sie den kleinen Bahnhof in der Linthebene schliessen und das Häuschen abreissen wollten. Der ehemalige SBB-Angestellte führte den Ticketverkauf in eigener Regie weiter und kaufte der Bahn später auch das Gebäude ab. Heute leuchtet der Bahnhof zwischen Zürich- und Walensee in fröhlichem Gelb. Neben Zugbilletten verkauft Reichenbach im hauseigenen Kiosk und Bistro auch Illustrierte, Kaffee und kleine Imbisse.

Umso tiefer sass bei ihm vor einem Jahr der Schock, als die SBB den selbstständigen Stationshaltern die bestehenden Verträge kündeten. Plötzlich sah er sein ganzes Geschäftsmodell in Gefahr. «Man bot uns bis zu 50 Prozent tiefere Provisionen an», sagt Reichenbach rückblickend. «Für viele von uns war damit ein Verdienst aus dem Billettverkauf unmöglich.»

Die Stationshalter schlossen sich zusammen und kämpften. Nach zähem Ringen wurden sich die Parteien in den letzten Tagen einig. «Alle mussten Abstriche machen», sagt Reichenbach. So bedeuteten die Verträge zwar 20 bis 30 Prozent tiefere Provisionen. Die SBB übernehmen dafür vorerst eine Defizitgarantie. Bis 2015 soll kein Stationshalter weniger erhalten als im Referenzjahr 2009. Die SBB sind zufrieden. «Wir haben uns mit den privaten Stationshaltern auf Konditionen geeinigt, die für beide Seiten fair sind. Sie haben bis auf weiteres keine Lohneinbussen zu gewärtigen», sagt ein Sprecher.

So wird Reichenbach auch künftig Zugreisende beraten. Und Schänis wird kein Geisterbahnhof. «Die Leute wissen es zu schätzen», sagt der Bahnhofsbetreiber, «nicht nur wegen der Billette, auch weil jemand da ist, der für Sicherheit sorgt.»