Noch 13 Stunden, 52 Minuten und 14 Sekunden. Ein Maserati Gran Turismo steht bei Dein Deal im Angebot. 136000 statt 212912 Franken kostet der Sportwagen. Dutzende kaufen einen Gutschein. Und wenige Stunden später erfährt einer von ihnen, dass er den Preisnachlass auf den schwarzen Maserati auch wirklich gewonnen hat.

Die Rabattschlacht um den Luxusschlitten ist der jüngste verzweifelte Versuch des Schnäppchenportals Dein Deal, Aufmerksamkeit zu schaffen. Es ist ein Kampf gegen den desaströsen Trend.

Schweizer Anbieter spüren die Krise

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Die Vertreiber von Rabattcoupons verloren bei vielen Nutzern bereits ihren Reiz. Zu unattraktiv sind in den Augen vieler die Angebote, zu wiederholend, zu kurz gültig. Kein Wunder, präsentierte der amerikanische Weltmarktführer Groupon kürzlich unerwartet hohe Verluste.

Die Krise spüren auch die Schweizer Anbieter. Das Verlagshaus Tamedia stellt sein Rabbattportal Scoup Ende April ein. Berauschend ist die Situation offenbar auch bei Dein Deal nicht. Ein Insider berichtet, es sei für das Medienhaus Ringier als Mehrheits­eigentümer sehr schwer, mit dem Portal Geld zu verdienen.

Doch die Katerstimmung schreckt ­Investoren nicht ab. In der Schweiz startet gerade das nächste Portal – Dealini. Im Aktionariat des Jungunternehmens sind prominente Geldgeber vertreten. So etwa Georges Kern, Chef der Luxusuhrenmarke IWC, oder Ex-Credit-Suisse-Chef ­Lukas Mühlemann. Dealini kombiniert die Rabattjagd mit der Sammellust der Leute. «Wir grenzen uns vom Konzept der Schnäppchenseiten deutlich ab», sagt ­Geschäftsführer René Konrad. Das Konzept sei weltweit einzigartig.

Groupon bricht ein

Ähnlich euphorisch waren die anderen Portale gestartet. Vor fünf Monaten debütierte die Mutter aller Rabattportale furios an der Börse. Am ­ersten Handelstag gingen die Kurse von Groupon durch die Decke, die Firma war nur gerade drei Jahre nach der Gründung zeitweise mit 20 Mil­liarden Dollar bewertet. Die Geschäftsidee war simpel.

Bei Groupon können Firmen Rabattcoupons für ihr Geschäft anbieten und so zusätz­liche Kunden für sich gewinnen. Die Web­site kassiert eine Kommission, typischerweise rund die Hälfte des Gutscheinwerts.

Anbieter glauben an Geschäftsmodell

Letzten Freitag musste Groupon zu­geben, dass sie ihre Bilanzierung nicht im Griff hat. Die Quartalszahlen wurden deutlich nach unten korrigiert, was die US-Börsenaufsicht SEC auf den Plan rief. Schon im September hatte die Börsenaufsicht den Konzern gezwungen, nicht den gesamten Wert eines Rabattgutscheins in die Bücher aufzunehmen, sondern nur die Kommission, die bei ihm tatsächlich ­hängenbleibt.

Seit der Gründung hat das ­Unternehmen noch nie Gewinne gemacht. 2010 und 2011 gab es über 800 Millionen Dollar Verlust. Aktionärsklagen liegen inzwischen in der Luft.

An das Geschäftsmodell glaubten dennoch viele, auch hierzulande. Tamedia wollte bei Scoup die Verluste nach nur acht Monaten nicht mehr tolerieren. «Ich halte das Geschäftsmodell der Online-Rabattportale auf Dauer für nicht tragfähig», meint Thomas Lang, Chef der E-Com­merce Beratungsfirma Carpathia. «Es ist die Frage, ob ein Medienhaus wie Tamedia grundsätzlich geeignet ist, so ein Portal zu betreiben. Man hat bei der Bewertung des Dienstes wohl vor allem mit herkömm­lichen Messmethoden gearbeitet.»

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Investoren wollen Daten

Ringier ist mit Dein Deal erfolgreicher und hat nach eigenen Angaben 500000 ­registrierte Nutzer und einen Umsatz von 35 Millionen Franken. «Falls Dein Deal Gewinn macht, dürfte sich dieser in Grenzen halten», meint jedoch Lang. Offiziell nimmt Ringier dazu nicht Stellung.

Marketingexperte Dominic Multerer zweifelt grundsätzlich. «Ich habe kein Vertrauen in das Geschäftsmodell. Für Firmen macht es nur Sinn, bei diesen Portalen mitzumachen, wenn sie Waren abverkaufen oder kostengünstig Reichweite aufbauen möchten.» Das reiche langfristig nicht, um die Klienten bei der Stange zu halten. Zudem sei das Geschäftsmodell der Gutscheine zu leicht zu kopieren. «Kleine Nischenanbieter werden an Markt­macht gewinnen», sagt Multerer.

Für Branchenkenner gibt es nur einen Grund, warum die schwachen Geschäfte der Rabattportale noch Investoren anziehen: Die Daten der Nutzer. «Diese Plattformen sind eine gute Möglichkeit, an ­viele Nutzerdaten heranzukommen», sagt Lang. Daten seien wertvoll, wenn man sie irgendwann monetarisieren könne.

Das neuste Projekt Dealini, an dem auch Investmentbanker Ronald Sauser und IT-Experte Peter A.C. Blum beteiligt sind, will aus den Fehlern der Konkurrenz lernen und es anders machen. Bei Dealini erhalten Nutzer pro Tag einen Coupon, der 10 Prozent Rabatt bringt. Sie können die Scheine tauschen oder zusätzliche hinzukaufen, um ihren Rabatt zu erhöhen. So kann ein Preisnachlass auf bis zu 100 Prozent kumuliert werden.

Jäger und Sammler

Dealini will die Leute aber vor allem bei ihrem Spiel- und Sammeltrieb ab­holen. Als Inspiration für das Geschäftsmodell dienten die Panini-Bildchen, die jeweils zu Zeiten einer Fussball-WM oder -EM die Schweiz in ein Sammel- und Tauschfieber versetzen.

Anreiz für ein Konto bei Dealini sind somit die soziale ­Interaktion mit anderen Nutzern und der Wille, «das Album zu vervollständigen». Über 10000 Nutzer seien inzwischen schon dabei. Was Dealini schliesslich Geld bringen soll, ist der Verkehr auf dem Portal. Das Portal will Werbeflächen für Partner verkaufen.

Schon jetzt aber werden mahnende Stimmen laut. «Ich würde keine Aktien von Dealini kaufen», sagt E-Commerce-Experte Lang. «Für mich sind das Trittbrettfahrer.» Und ein Konkurrent zweifelt am grundsätzlichen Konstrukt. Langfristig sei das Projekt chancenlos. Kein Mensch wolle wegen eines Produkts so lange Kärtchen sammeln.

Probleme mit dem Image

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Genau darin sehen die Dealini-Macher ihre grosse Chance. «Sobald sich der Nutzer einen Deal vorgenommen hat, setzt er sich während der ganzen Zeit mit dem Produkt auseinander», sagt Konrad. Die Rabatte werden nicht einfach wie bei anderen Schnäppchenportalen mit einem Mausklick bezogen. «Bei uns werden die Nutzer zu Fans von den Marken», so ­Geschäftsführer Konrad.

So will Dealini ein Problem umgehen, das viele Schnäppchenportale haben. Die Rabattanbieter bekommen oft Ramschstatus. Oft sind es nur halbleere Restaurants, nicht ausgelastete Hotels und Masseure, die ihre Dienste per Coupons anbieten. Inzwischen raten sogar Branchenverbände wie Gastrosuisse ihren Mitgliedern von der Teilnahme an Schnäppchenportalen ab. Dadurch liessen sich keine Kunden gewinnen.

Aussprache mit Ringier

Das Image der Portale hat zuletzt weiter gelitten. Konsumentenschützer beklagen, dass die Zeit für Vergleiche wegfällt, weil man sich schnell für oder gegen einen Rabatt entscheiden muss. Und viele Angebote seien fragwürdig. «Käufer müssen auf das Kleingedruckte achten», sagt Experte Multerer. «Nicht jeder Deal ist ein echter Deal. Die Kunden verstehen nach und nach, dass sich das Mitmachen meist nicht lohnt.» Und viele Firmen machten nicht mehr mit, weil sie kein Ramsch­image wollten.

Das weiss Dealini-Aktionär und IWC-Chef Georges Kern aus eigener Erfahrung. Dein Deal hatte IWC-Uhren mit grossem Rabatt angeboten. Das war nicht im Sinne des Uhrenherstellers, der auf keinen Fall ein Discount-Image bekommen wollte.

Kern leitete umgehend rechtliche Schritte gegen Dein Deal ein. Es kam zur Aussprache mit Ringier-Chef Marc Walder. Man einigte sich darauf, den bereits angekündigten IWC-Deal als gemeinnützig dar­zustellen. Die Differenz zum Originalpreis wurde von Dein Deal gespendet.