Eigentlich ist der Fall klar. Die Schweizer Schuhindustrie ist tot, denn der Schweizerische Verband Schuhindustrieller löste sich vor zwei Jahren auf – nicht ganz friedlich, sondern im Streit um die Aufteilung des Verbandskapitals. Eine Reihe von Schuhfabriken konnte sich aber behaupten. Ihnen bläst jedoch ein rauer Wind entgegen, wie das Beispiel der seit Anfang September zur Kurzarbeit gezwungenen Fretz Men in Fahrwangen AG zeigt. CEO Daniel Omlin räumt ein, dass man unter saisonalen und konjunkturellen Schwächen leide, will jedoch die Situation nicht dramatisieren. «Die Kurzarbeit ist befristet, zudem haben wir neuerdings Ex-Mister Schweiz Renzo Blumenthal in eine Marktoffensive eingespannt», erklärt er. Der Chef ist zuversichtlich, der aktuellen Krise trotzen zu können.

Wenige Überlebende

Fretz Men ist einer der letzten Überlebenden der einst aus über 80 Mitspielern bestehenden Schweizer Schuhindustrie. Heute gibt es bloss noch rund zehn Fabriken mit insgesamt ein paar hundert Beschäftigten.

Um sich zu behaupten, haben die meisten die Produktion automatisiert und die manuellen Arbeitsschritte ins Ausland verlagert. Die Firma Minerva zum Beispiel als Herstellerin von Kinder- und Herrenschuhen hat in Rumänien ein Werk mit 200 Beschäftigten. Die Fabrik am Hauptsitz in Pruntrut hingegen – sie hat lediglich noch 28 Vollzeitangestellte – wird auf Ende Jahr geschlossen.

Andere Produzenten haben sich auf Nischen spezialisiert: Aeschlimann in Veltheim AG auf Reitstiefel, Graf Skates in Kreuzlingen TG auf Schlittschuhe, Künzli in Windisch AG auf orthopädische und Freizeitschuhe, Schneider in Amriswil TG auf Damenschuhe für schlanke Füsse, Vadret in Thun auf besonders bequeme Schuhe.

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Auf globale Arbeitsteilung setzt auch Fretz Men in Fahrwangen, mit 80 Beschäftigten und rund einer halben Million produzierten Paar Schuhen schon ein Grosser in der Schweiz. Aus Europa stammendes Leder lässt Fretz in Indien gerben und zu Schäften verarbeiten. «Die Komponenten werden international beschafft und auf unseren zwei Produktionsstrassen in Fahrwangen montiert», so CEO Omlin. Vor drei Jahren hat die 105-jährige Firma, die den direkten Nachkommen des Gründers gehört, einige Millionen in die Modernisierung investiert. 85% der Schuhe werden auf dem Schweizer Markt abgesetzt. «Da ist die Marke gut etabliert, doch mit Qualität und ‹Made in Switzerland› können wir auch nach Deutschland, Österreich, Russland und in die arabischen Länder exportieren», betont Omlin weiter.

Trotz solcher Erfolge ist klar, dass die grossen Zeiten der Schweizer Schuhindustrie wohl vorbei sind, auch wenn es erstaunliche Überlebenskünstler gibt. Dazu gehört zum Beispiel die Firma Kandahar in Thun, die Winterschuhe mit Lammfellfutter hundertprozentig «Handmade in Switzerland» anbietet. Das hat allerdings seinen Preis. Produziert werden pro Jahr gerade einmal 17000 Paar edle «Fusswärmer», die vor allem in Nobelkurorten wie St. Moritz und Gstaad begehrt sind. Eigentlich ist die Firma Kandahar aber ein Anachronismus, denn kein anderer Hersteller lässt seine Schuhe von A bis Z in der Schweiz schustern.

Kleine Wunder sind möglich

Die gloriosen Zeiten der Schweizer Schuhindustrie mögen zwar vorbei sein, dank globaler Arbeitsteilung passieren in der schon mehrmals totgesagten Branche aber noch kleine Wunder, zum Beispiel die Geburt neuer Marken, die sich auf dem Markt etablieren können. Dazu gehört die 1991 von Bruno Bencivenga gegründete Navyboot. Der Markteintritt erfolgte mit einem Herrenschuh. Inzwischen gibt es 40 Modelle für beide Geschlechter, mit Accessoires, Bekleidung und Lifestyle-Produkten, die in 43 eigenen Läden und an 100 Verkaufspunkten allein in der Schweiz vertrieben werden. Der Erfolg von Navyboot, einem trotz ausgelagerter Produktion unbestritten schweizerischen Label, hat den Hunger der Gaydoul Group geweckt, die im Juli 90% der Aktien übernommen hat. Erfolge feiern aber auch kleine und feine Produkte von Firmen wie dem Label Stefi Talman, dessen Schuhe in Italien gefertigt werden.

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Renner Massai-Schuh

Zur international bekannten Marke aufgestiegen sind in den letzten zehn Jahren auch die MBT-Schuhe der Masai Barefoot Technology. «Wir erleben einen wahren Boom und können unsere Schuhe weltweit jährlich millionenfach verkaufen», erklärt MBT-Sprecherin Christina Hanke.

Die Gesundheitsschuhe mit ihrer gewöhnungsbedürftigen Ästhetik werden ausschliesslich in Asien gefertigt. Am MBT-Hauptsitz in Romanshorn sind gerade einmal 50 Personen im Management und Marketing sowie in Forschung und Entwicklung tätig. Zu den Besitzern des privaten Unternehmens gehören der ehemalige Skirennfahrer Klaus Heidegger und Investor Warren Buffett.

Wieder in Fahrt gekommen ist in den letzten drei Jahren auch Bally, das einstige Flaggschiff der Schweizer Schuhindustrie. Das über 150 Jahre alte Unternehmen beschäftigte in seinen besten Zeiten über 7000 Mitarbeitende und hatte nach dem zweiten Weltkrieg Fabriken auf der halben Welt.

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Zwar ist Bally mit einem Umsatz von 500 Mio Fr. heute weit von früherer Grösse entfernt, aber die Firma ist wieder so gut aufgestellt, dass die Beteiligungsgesellschaft Texas Pacific Group (TPG), die 1999 eine schwer angeschlagene Bally übernommen hatte, nach der Sanierung mit dem in Wien domizilierten Luxusgüterunternehmen Labelux einen Käufer für die Traditionsmarke finden konnte. Bally bleibt auch unter den Österreichern in der Schweiz: Am operativen Hauptsitz Caslano TI wollen die neuen Besitzer festhalten.