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Schweizer Stromer räumen den Wald auf

In der Schweiz sind in kurzer Zeit mehr als ein Dutzend Holzkraftwerke entstanden oder befinden sich in Planung. Sie rechnen sich, weil der Ökostrom mit rund 60 Millionen Franken aus dem KEV-Fördertop

Von Armin Menzi
am 03.03.2010

Die Schweizer Stromer gehen in den Wald. Die eher diskreten Elektrizitätsversorger haben in kurzer Zeit mehr als ein Dutzend Holzkraftwerke realisiert. Damit sind sie über Nacht zu einem wichtigen Partner der Holzwirtschaft geworden - einer Branche, die nach sehr eigenständigen Regeln funktioniert und allein schon den Begriff der Nachhaltigkeit spürbar anders definiert, als dies ihre Antipoden im internationalen Stromhandel tun. «Ja, wir mussten rasch lernen, wie die Förster und die Waldbesitzer ticken», erinnert sich Walter Wirth. Der gebürtige Bauernsohn ist Direktor der AEK Energie AG in Solothurn.

Bewegte Vorgeschichte

Vor zehn Jahren schickte diese sich an, in Luterbach einen grossen Holzenergie-Cluster, bestehend aus Sägewerk, Holzkraftwerk und Holzpellet-Fabrik, und den nahräumigen Rohstoffaustausch mit der damaligen Zellulosefabrik zu realisieren. Mit durchzogenem Erfolg: Zuerst verkaufte Christoph Blocher seine Zellulose Atisholz AG an die schwedische Borregaard-Gruppe, dann verabschiedete sich der österreichische Investor, und kaum war der Innerschweizer Holzindustrielle Schilliger im Boot, seilte sich auch Borregaard ab. Damit ist der Holzenergie-Cluster in Luterbach zunächst vom Tisch. Ein Fiasko für AEK? «Nein, denn ohne unseren Effort in Luterbach wären wir heute nicht im Pellet-Geschäft», erklärt Fachmann Wirth. Mit jährlich 60 000 t Holzpellets aus der Produktion in Balsthal ist die Tochter des Stromversorgers AEK nichts weniger als die Marktführerin in der Schweiz.

Der frivole Seitensprung des braven Stromversorgers am Jurasüdfuss brachte Klarsicht: «Alles ist in Bewegung. Aber wer ein Holzkraftwerk baut, muss eine sichere Versorgung mit dem Brennstoff, einen verlässlichen Abnehmer für die Energie, zuverlässige Zusagen für Fördergelder und einen verlässlichen Standort haben», fasst Wirth zusammen.

Holzkraftwerk in Bischofszell

Der Blick aus dem Fenster des Bischofszeller Gemeindepräsidenten Josef Mattle fällt auf eine Altstadt, die einst mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet wurde: Historische Gebäude von seltener Pracht, schön anzuschauen, doch schlecht zu sanieren. Letzteres könnte sich bessern: Die «Axpo-Tegra AG» plant wenige 100 m daneben und in Nachbarschaft zur Lebensmittelindustrie das zweitgrösste Schweizer Holzkraftwerk und sieht Investitionen von 66 Mio Fr. in einen Energiekomplex vor, der dereinst 80 000 t Holzschnitzel in 100 Mio kWh Heizenergie und 50 Mio kWh Strom im Jahr verarbeiten soll. Die Fernwärme soll der Industrie und dem Gewerbe zugute kommen. Doch ganz oben auf der Wunschliste stände das viel zu teure Nahwärmenetz für die Altstadt, das der energetischen Sanierung historischer Gebäude Leben - lies: Geld - einhauchen könnte.

«Das Projekt ist für Bischofszell wegweisend», meint Mattle wohl zweideutig. Bis es so weit ist, haben er und die Projektführer noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten. Die riesigen Ausmasse von Schnitzelhalle und Kesselhaus und der 45 m hohe Kamin erzeugen bei der Bevölkerung ebenso Stirnrunzeln wie die 20 Lastwagen pro Tag fürs Herankarren der Holzschnitzel durch das enge Sittertal.

Aubrugg: Sorgen um Holzhaushalt

Diese Debatte hat das Holzkraftwerk Aubrugg am Stadtrand von Zürich erfolgreich hinter sich. Die bestehende Ölheizzentrale wird derzeit unter Federführung der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) in ein modernes Holzkraftwerk umgebaut. Nicht weniger als 160 000 m3 Holzschnitzel sollen dereinst 100 Mio kWh Wärme für Warmwasser und Heizwärme und zusätzlich 38 Mio kWh Strom im Jahr erzeugen.

60 Mio Fr. investiert die Trägerschaft aus EKZ, Fernwärme Zürich AG, Entsorgung und Recycling Zürich AG (ERZ) und die aus 300 Waldbesitzern gebildete Zürich Holz AG. Deren Geschäftsführer, Beat Rigert, plagen derweil ganz andere Sorgen: «Es wird bald zu einer Verknappung des Rohstoffes Holz kommen, wenn im selben Tempo weitere Holzkraftwerke gebaut werden», vermutet er.

Grösstes Holzkraftwerk Ems

Und sie werden gebaut. Zwar haben zwei weitere Axpo-Tegra-Holzkraftwerke - sie sind in Würenlingen und Kaiseraugst geplant - aus verschiedenen Gründen aktuell politischen Gegenwind und bereiten den betroffenen Gemeinden ebenso Kopfzerbrechen wie der Axpo. Beim selben Unternehmen herrscht hingegen tiefe Zufriedenheit über das Holzkraftwerk Domat/Ems. Das grösste Schweizer Kraftwerk dieser Art produziert seit 2006 Strom, Wärme und Prozessdampf. Die 220 Mio kWh Wärmeenergie für das Sägewerk und die Ems-Chemie plus 136 Mio kWh Strom dürfen sich sehen lassen. Fast zwei Dutzend Mitarbeiter sorgen dafür, dass knapp 250 000 t Holzschnitzel im Jahr in Energie aufgehen.

Sein erstes Betriebsjahr hat inzwischen auch das neue Holzkraftwerk Basel hinter sich. Das von den Industriellen Werken Basel (IWB) betriebene und der Raurica Waldholz AG sowie der EBL Liestal getragene, derzeit zweitgrösste Holzkraftwerk der Schweiz wurde für 48 Mio Fr. am Standort der KVA Basel gebaut und produzierte in den ersten acht Monaten total 110 Mio kWh Wärme und 15 Mio kWh Strom.

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