Es fehle an Risikokapital in der Schweiz, ist oft zu hören. Stimmt nicht ­ sagen andere. Tatsächlich haben beide Aussagen etwas Wahres: Denn hat eine Firma schon einen gewissen Marktbeweis geliefert, stehen Venture-Kapitalisten Schlange. In der frühen Phase eines Unternehmens, der Seed-Phase, bleiben die Gründer jedoch häufig auf dem Trockenen sitzen: Der Schritt vom Prototyp zur Serienproduktion mit Markteintritt bedeutet für viele guten Ideen das Aus. Das Geld von Freunden und der Familie ist aufgebraucht, für institutionelle Anleger ist das Risiko aber noch zu hoch. Während etwa in den USA oder in Finnland staatlich geäufnete Geldquellen für die Seed-Finanzierung zur Verfügung stehen, sind die Unternehmen hier zu Lande auf nicht-staatliche Geldgeber angewiesen. Seit die IT-Blase Ende der 90er Jahre geplatzt ist, sind die Investoren noch viel vorsichtiger geworden.

«Am ehesten finden sich Business Angels als private Geldgeber», sagt Peter G. Sulzer. Das frühere Mitglied der Konzernleitung von Sulzer ist heute selbst Business Angel. Er weiss, wie wichtig es ist, Firmengründern nicht nur mit Geld, sondern auch mit Know-how und Kontakten zu unterstützen. «Business Angels sollten aus derselben Branche kommen und deshalb auch emotional mit einer Jungfirma verbunden sein», so Sulzer.

Neues Modell der ZKB

Das Finanzierungsproblem in dieser frühen Phase hat auch die Zürcher Kantonalbank (ZKB) erkannt. Sie ist schon lange im Start-up-Bereich tätig, hat jetzt aber einen eigentlichen Strategiewechsel vollzogen. «Wir wollen früher in den Lebenszyklus einer Unternehmung einsteigen», sagt Oliver Schärli, Leiter Start-up-Finanzierung. Wurden bis vor kurzem über Private Equity nur wenige Firmen finanziert, die schon auf dem Markt waren, sollen mit dem Business-Modell «Pionier» nun jährlich rund 20 Jungunternehmen im Wirtschaftsraum Zürich auf dem Weg vom Prototyp zum Markteintritt finanziert werden. 10 bis 15 Mio Fr. stehen dafür zur Verfügung. Den Kontakt zu innovativen Firmen stellt die ZKB über eine enge Zusammenarbeit mit Gründer- und Technologiezentren und der KTI-Start-up-Initiative sicher.

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Der Finanzierungshorizont ist mit fünf bis acht Jahren länger als bei klassischen Venture-Kapitalisten. Zudem sind neben Eigen- und Fremdkapitalfinanzierung auch mezzanine Finanzierungen möglich. Darunter versteht man Darlehen mit eigenkapitalähnlichem Charakter, zum Beispiel ein Darlehen mit einer Option zur Umwandlung in Aktienkapital. Damit werden sowohl Chancen als auch die Risiken zwischen Bank und Unternehmen geteilt. «Die ZKB betreibt keine Gewinnmaximierung», erklärt Schärli. «Es entspricht unserem Leistungsauftrag, Jungunternehmen zu unterstützen und somit den Wirtschaftsstandort Zürich zu stärken.»

Hightech und Lowtech

Zu den frühen Investoren zählt sich auch die in Zug ansässige Risikokapital-Firma Venture Incubator. Sie verwaltet einen Fonds von 101 Mio Fr. Investoren sind zehn Blue-Chip-Firmen aus Industrie und Finanzwelt. «Unser Problem ist nicht mangelndes Kapital», erklärt Partner Alain Nicod. Vielmehr sei es schwierig, gute Projekte mit einem guten Management zu finden: Im vergangenen Jahr entstanden 300 Firmenkontakte, aber nur in fünf Unternehmen hat Venture Incubator schlussendlich investiert. Weil die Investoren Kapitalgewinne erzielen müssen, liegen auch die Erwartungen an den Return on Investment hoch: Die Chance, dass sich das investierte Kapital nach fünf Jahren verfünffacht hat, muss gegeben sein, sonst wird nicht investiert. «Mit den erfolgreichen Unternehmen müssen wir immer auch die Projekte finanzieren, die schief gehen», begründet Nicod.

Während Venture Incubator in Hightech-Firmen investiert, hat sich Innostarter Lowtech-Ideen verschrieben. Die Initiative hat zum Ziel, innovative Ideen schnell und professionell auf den Markt zu bringen. Als Teilhaber soll Innostarter Unternehmen, Investoren sowie professionelle Innovationsdienstleister mit dem notwendigen Wissen in Technik und Marketing vereinen. «Wir wollen Kapital, Know-how und Ideen zusammenbringen», sagt Jochen Ganz, Mitinitiant von Innostarter. Das Konzept sieht vor, aus dem Aktienkapital Vorprojekte zu finanzieren. In die eigentlichen Innovations- und Entwicklungsprojekte investieren die Partner oder aussen Stehende auf Projektbasis.

Wird aus einer Idee ein marktreifes Produkt, stehen mehrere Exit-Möglichkeiten offen: Neben Verkauf oder Lizenzierung an ein bestehendes Unternehmen ist auch die Gründung eines Start-ups möglich. Demnächst steht die offizielle Firmengründung bevor. Das Kapital von derzeit rund 350000 Fr. soll für die ersten drei Jahre auf 2 Mio Fr. aufgestockt werden.

Kontakte schaffen

Auf die Vermittlung von hochstehenden Projekten an Investoren konzentriert sich CTI Invest. Im Mai 2003 von Investoren als privatrechtlicher Verein gegründet, zählt die Plattform inzwischen 33 institutionelle und individuelle Investoren als Mitglieder und verfügt über namhafte Sponsoren. An vier Events in der Schweiz, einem in München und London haben Schweizer Hightech-Firmen die Gelegenheit, ihre Geschäftsidee potenziellen Geldgebern vorzustellen. Die Start-ups müssen sich im Coaching-Prozess für das CTI/KTI-Start-up-Label befinden oder bereits über das Label verfügen. «In der Schweiz haben sich bisher 40 Firmen Investoren präsentiert und konnten insgesamt mehr als 20 Mio Fr. Risikokapital generieren», schildert Jean-Pierre Vuilleumier die Erfolge.

Trotzdem sieht der Geschäftsführer von CTI Invest noch Nachholbedarf. Seine Vision ist ein eigentlicher Seed-Money-Fonds. Ob sich auch der Staat an einem solchen Instrument beteiligen sollte, ist umstritten ­ vor allem auch bei Investoren. Anderer Meinung ist da Vuilleumier: «Wir müssen uns von den ordnungspolitischen Fesseln lösen. Zumindest Staatsgarantien für einen solchen Fonds sollten möglich sein.»