Corvatsch-Seilbahn: «Der Trend zu noch mehr grossen und zusammenhängenden Skigebieten wird weitergehen.»

Abgehängte Seilbahngondeln und eine verwaiste Schlittelbahn – im Bündner Ferienort Churwalden herrscht Totenstille. «Wegen Revisionsarbeiten sind alle Anlagen bis zur Sommersaison geschlossen», steht auf der Webseite der Bergbahn Pradaschier. Ob es überhaupt noch einen Sommer gibt, ist ungewiss. Der Betrieb ist in Geldnot und hat Nachlassstundung beantragt. Der schneearme Winter und der Totalausfall des Ostergeschäfts drückten auf den Umsatz und die ohnehin schon dünne Liquidität.

Pradaschier ist nicht allein. Diverse kleinere Seilbahnen kämpfen ums Überleben. In Feldis bei Rhäzüns beförderte die Anlage dieses Jahr wegen Schneemangels keinen einzigen Skifahrer und steht finanziell am Abgrund. In Tschiertschen dürfte die Sanierung der angeschlagenen Bergbahn nur dann klappen, wenn die grösseren Betriebe in Lenzerheide und Arosa einspringen. Ein entsprechender Vertrag sei in Vorbereitung, sagt Martin Weilenmann, Verwaltungsratspräsident der BergbahnenTschiertschen. Auch im Wallis gibt es Absturzkandidaten. Der Sessellift von Oberwald auf den Hungerberg im Obergoms steht schon seit zwei Jahren still. Genau wie die Lifte im Erner Galen gegenüber Fiesch. Ohne neue Investitionen in Millionenhöhe werden sie nie mehr in Betrieb genommen.

Zu starke Abhängigkeit vom Schnee

«Eine durchschnittliche Schweizer Bergbahn erzielt gegen 90 Prozent ihres Jahresumsatzes im Winter», sagt der Seilbahnspezialist und Unternehmensberater Riet Theus. Jüngstes Opfer dieser Abhängigkeit sind die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg. Ein durch Schneemangel bedingtes Umsatzloch von einer Million Franken reichte, um die Anlage mitten in der Saison lahmzulegen. Das Gesuch um Nachlassstundung ist pendent.

Der frühere oder spätere Konkurs ist vielen dieser Bahnen sicher. Die Konsolidierung in der Schweizer Bergbahnbranche ist längst im Gang. Die Zahl der Seilbahnunternehmen ging in den letzten 20 Jahren von 673 (1991) auf 505 (2010) zurück. Die kleinen Skigebiete verfügen häufig nicht über die Finanzkraft, um ihre Anlagen technisch aufzurüsten oder die Hänge ausreichend künstlich zu beschneien. Damit können sie im Konkurrenzkampf um den anspruchsvollen Wintergast mit den grossen Skigebieten kaum mithalten. Da zudem die gesamten Verkehrserträge der Schweizer Seilbahnen wegen Wirtschaftskrise und Währungsproblemen seit drei Jahren stagnieren, verschärft sich die Situation für kleinere Bahnen umso mehr. «Der Trend zu noch mehr grossen und zusammenhängenden Skigebieten wird weitergehen», ist Theus überzeugt.

Zu kämpfen haben die kleineren Bergbahnen neben dem Schneerisiko auch mit hohen Investitionskosten. Die durchschnittliche Lebensdauer einer Anlage beträgt 25 Jahre. Viele Schweizer Seilbahnen wurden in den «goldenen» 80er-Jahren gebaut, sodass ihnen jetzt ein grösserer Erneuerungsschub bevorsteht. Eine neue Sesselbahn kostet im Durchschnitt 8 bis 12 Millionen Franken. Für kleinere Betriebe entspricht dieser Betrag mehreren Jahresumsätzen und kann unmöglich aus den betrieblichen Mitteln finanziert werden. Auch die künstliche Beschneiung ist teuer und kostet pro Pistenkilometer und Wintersaison rund 1 Million Franken.

In vielen Destinationen müssen die Bergbahnen für diese Kosten allein aufkommen. Andere Gemeinden begehen den Fehler, dass sie als Mehrheitsaktionäre die lokale Bergbahn überfinanzieren. So geschehen in Tschiertschen, wo die finanziellen Probleme aufgrund der Ersetzung eines Skiliftes durch zwei Bergbahnen vor zehn Jahren erst ihren Lauf nahmen. «Das Projekt war viel zu ambitioniert und von vorherein nicht finanzierbar», sagt Martin Weilenmann.

Als Alternative setzen verschiedene Bahnen auf ausländische Investoren. In Savognin haben im letzten Jahr österreichische Geldgeber die Aktienmehrheit der lokalen Bergbahnen übernommen. Grund: Der Betrieb kann die notwendigen 40 Millionen Franken für wichtige Erneuerungen und Ausbauten nicht selber finanzieren. Doch der ausländische Geldsegen entpuppt sich häufig auch als Wunschtraum. Im Erner Galen kündigte die britische Beteiligungsfirma Summerleaze vor drei Jahren ein Neubauprojekt für 150 Millionen Franken mit neuen Liften, Hotels und Kinderparadies an, das bis heute ein Papiertiger geblieben ist. In Luft aufgelöst haben sich auch die fixfertigen Projekte diverser internationaler Geldgeber für die finanzielle Rettung und den Ausbau des Urner Skigebiets Winterhorn.

Träumen mit ausländischen Investoren

Selbst renommierte Schweizer Wintersportdestinationen haben mit Investoren aus dem Ausland durchzogene Erfahrungen gemacht. Die französische Compagnie des Alpes beteiligte sich mit 40 Prozent an den Bergbahnen Saas Fee und je 20 Prozent an den Bergbahnen Verbier und Riederalp, um bereits nach kurzer Zeit wieder auszusteigen. Dem Vernehmen nach basierte der Sinneswandel auf einem kurzfristigen Liquiditätsbedarf der Mutter Caisse de Dépôt in Paris.

Ernstere Absichten scheint die schwedische Winterresort-Betriebsgesellschaft Skistar zu haben. Mit rund 140 Millionen Franken will sie im Auftrag des ägyptischen Feriendorfbauers Samih Sawiris die Skigebiete in Andermatt und Sedrun modernisieren, ausbauen und zu einer riesigen Arena verbinden. Skistar betreibt in Skandinavien bereits sechs grosse Skiresorts und will expandieren. «Wir sehen in Zentraleuropa ein grosses Wachstumspotenzial», so die Sprecherin Kerstin Liljebäck. Andermatt/Sedrun sei als Standort ideal erschlossen und für Wintersportler aus ganz Europa bestens erreichbar.

Grossfusionen zahlen sich aus

Der Trend zu grossen Arenen ist in der Schweiz unübersehbar, und zwar anhand der gesamthaften Verkehrserträge. In den letzten 20 Jahren verdoppelten sie sich von einer halben auf über eine Milliarde Franken. Treiber dieser Entwicklung sind Destinationen wie Davos/Klosters, Engadin/St. Moritz, Zermatt, Flims/Laax oder Gstaad-Saanenland, wo die lokalen Bergbahnen zu einer starken Transportgesellschaft fusioniert haben. Mit modernen Bahnen und einem boomenden Zweitwohnungsbau ziehen diese Orte immer mehr Gäste an. «In Graubünden sorgen die acht grössten von insgesamt knapp 50 Bergbahnunternehmen mittlerweile für 80 Prozent des gesamten Transportumsatzes», erläutert Marcus Gschwend, Geschäftsführer des Lokalverbandes Berg- bahnen Graubünden.

Dass trotz des schleichenden Gigantismus im Wintersportmarkt auch kleinere Gebiete künftig durchaus ihre Marktchancen haben, ist die Überzeugung der meisten Seilbahnexperten. «Wichtig ist, dass sie bestimmte Nischen besetzen und Schneesicherheit garantieren können», sagt Riet Theus. Als Beispiel nennt er die Bergbahnen Vals, die mit einem Jahresumsatz von knapp 1,5 Millionen Franken und regelmässigen Investitionen seit Jahren gute Erträge erwirtschaften.

Anzeige