Carson Block, 43, Gründer und Chef des kalifornischen Analyse- und Handelshauses Muddy Waters Research, ist der berühmteste Leerverkäufer oder «Short Seller», wie es im Branchenjargon heisst, der Welt. Beim breiteren Publikum ist diese Finanztechnik spätestens während der Finanzkrise 2008 in Verruf geraten, als Leerverkäufer gegen die Banken gewettet und wenig später ihr Geld auf die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands gesetzt hatten.

Doch handelt es sich beim «Short Selling» keineswegs um eine moderne oder gar komplizierte Methode, Geld zu verdienen: Erstmals wurde sie 1609 erprobt, als holländische Kaufleute die Aktien der Ostindien-Kompagnie shorteten.

Stets dasselbe Muster

Stets wird nach demselben Muster verfahren: Mit boshafter List suchen Hedgefonds nach Aktiengesellschaften, die sie für überbewertet halten, und leihen sich Anteilsscheine von deren Aktionären aus. Diese versprechen sich davon eine etwas höhere Rendite, weil sie ja eine Leihgebühr einstreichen.

Sodann verkauft der Hedgefonds die geliehenen Aktien weiter, was in aller Regel ihren Kurs drückt. Ist dies geschehen, kauft der «Short Seller» die Papiere zu dem nun günstigeren Preis zurück. Die Differenz zwischen dem Verkauf- und dem Rückkaufkurs verbleibt – nach Abzug der Leihgebühren – als Gewinn in der Kasse.

Noch lukrativer gestaltet sich das Spiel, wenn die Leerverkäufer in der Zwischenzeit etwas über das Zielunternehmen herausfinden und es in einem kritischen Dossier und im passenden Augenblick veröffentlichen können, denn dies drückt den Aktienpreis noch weiter. Und genau derlei Enthüllungsrecherchen sind die Spezialität von Muddy Waters.

Böse Finanzanalyse

Carson Block hat etliche Coups gelandet: 2011 brachte er den milliardenschweren Holzkonzern Sino-Forest zur Strecke, als er herausfand, dass dieser in seiner Bilanz einen um 900 Millionen Dollar zu hoch angesetzten Waldbestand ausgewiesen hatte; im April 2016 schickte er den Kurs des deutschen Aussenwerbers Ströer durch eine böse Finanzanalyse auf Talfahrt.

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Vor allem chinesische Firmen konnte er so häufig und so erfolgreich der Betrügereien überführen, dass 2017 sogar eine Dokumentation («The China Hustle») über ihn gedreht wurde. Muddy Waters hat aber auch Unternehmen im Visier, die im Rahmen der Legalität ihre wahren wirtschaftlichen Verhältnisse verschleiern.

Beschönigend heisst es heute «Financial Engineering», wenn Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Management Hand in Hand für Vernebelung sorgen: «Wir konzentrieren uns auf Unternehmen, in denen das Management Undurchsichtigkeit schafft, um sich zu bereichern», sagt Carson Block. «Wir haben unsere Firma übrigens nach einem chinesischen Sprichwort benannt: Im Trüben ist gut fischen.»

Hier ist der Gastbeitrag von Carson Block zum Fall Wirecard:

Das Problem liegt längst nicht nur bei Wirecard

Wenn man sich die Reaktion des Aktienkurses auf die Nachricht anschaut, dass Wirecard seine Barmittel mutmasslich um 1,9 Milliarden Euro zu hoch angesetzt hat, zeigt sich, dass deutsche Investoren offensichtlich geschockt von dieser Nachricht waren.

Das hätten sie nicht sein müssen – schon seit 2008 gab es Hinweise, dass irgendetwas mit Wirecard nicht stimmt. Wie also konnte ein solcher Fall von mutmasslichem Betrug eine Marktkapitalisierung von 24,4 Milliarden Euro erreichen, in den Dax 30 aufsteigen und seit 2008 mehr als 2,5 Milliarden Euro frisches Kapital einsammeln?

Whistleblower im Fokus statt Wirecard

Der Grund ist nicht, dass die mutmasslichen Betrüger so raffiniert waren. Es ist vielmehr so, dass die BaFin wiederholt zur Waffe gegriffen und den Whistleblowern nachgestellt hat, die vor Wirecard gewarnt haben. Meiner Meinung nach geht es in dieser Geschichte nicht um ein paar sprichwörtliche «faule Äpfel», die sich kriminell verhalten haben.

Es geht vielmehr um eine Aufsichtsbehörde, die vom Weg abgekommen ist und die mit ihrem «beschützenden» Verhalten dafür gesorgt hat, dass der Betrug und die Verluste der Investoren überhaupt erst ein derartiges Ausmass annehmen konnten. In meinen Augen haben verkommene Strukturen und Inkompetenz bei der BaFin anderen böswilligen Marktteilnehmern überhaupt erst ermöglicht, im deutschen Markt Wurzeln zu schlagen und aufzublühen.

Im Jahr 2008 hat ein ehemaliger Vorstand der deutschen Aktionärsschutzvereinigung SDK vor Wirecards Bilanzierung gewarnt. Während der Vorstand verhaftet und anschliessend auch wegen gesetzeswidrigem Verhalten in anderen Angelegenheiten verurteilt wurde, wurde offensichtlich kein Versuch unternommen, sich Wirecard einmal ernsthaft anzuschauen.

Die Warnzeichen häuften sich

Im Jahr 2016 veröffentlichte ein neuer «Short Seller»-Aktivist namens Zatarra Research einen kritischen Bericht über Wirecard – und seine beiden Chefs wurden jeweils Ziel strafrechtlicher Ermittlungen. Seit 2018 hat der amerikanische Investigativ-Journalist Roddy Boyd vier Artikel über Wirecard veröffentlicht – und wurde zum Gegenstand einer strafrechtlichen Ermittlung.

Im Jahr 2019 veröffentlichte die «Financial Times» eine Serie von Artikeln, in denen sie Ungereimtheiten bei Wirecard aufzeigte – einschliesslich der Tatsache, dass die Behörden in Singapur gegen eine Wirecard-Tochterfirma wegen möglichen Betrugs ermittelten.

Die BaFin unterdessen machte keinerlei Anstalten, wegen möglichen Betrugs bei Wirecard zu ermitteln. Stattdessen griff sie zu der aussergewöhnlichen Massnahme, ein zweimonatiges Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien zu verhängen – erstmalig tat die BaFin dies für die Aktie eines einzelnen Unternehmens.

Und in einer schockierenden Rückkehr zu ihren Betrüger-freundlichen Verhaltensmustern veranlasste die BaFin eine strafrechtliche Untersuchung gegen den Journalisten der «Financial Times», der diese Artikel geschrieben hatte! Mit der BaFin als mächtigem Verbündeten hat Wirecard sein – wie es heute scheint – verwerfliches und illegales Verhalten Berichten zufolge weit über den Aktienmarkt hinaus ausgedehnt.

Journalisten überwacht

So wurde berichtet, dass Wirecards Ermittler einen früheren Leiter des libyschen Geheimdienstes engagiert haben sollen, um Journalisten und Investoren in London physisch zu überwachen. Zudem steckte Wirecard anscheinend auch hinter der Beauftragung einer indischen Hackerfirma, die versucht haben soll, in die Computer von Wirecard-Kritikern einzudringen.

Es gibt zahlreiche in Deutschland gelistete Unternehmen, von denen ich glaube, dass sie auf himmelschreiende Weise das Gesetz gebrochen haben. Da Deutschland grundsätzlich eine gesetzestreue Gesellschaft ist, besteht hierzulande eine Menge Grundvertrauen, dass die anderen sich auch an die Spielregeln halten. Doch genau dieses Umfeld macht es böswilligen Individuen so leicht, ihre Taten am helllichten Tag zu begehen.

Und das ist auch genau der Grund, warum Länder mit hohen Vertrauenswerten effektive Aufsichtsbehörden brauchen. Doch wenn die Aufsichtsbehörde so inkompetent und zaghaft wie die BaFin agiert, wird der deutsche Markt zum Paradies für Finanzkriminelle. Um noch mehr solcher beschämenden Krisen zu vermeiden, muss Deutschland dringend bei der BaFin aufräumen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Bezahlangebot der «Welt» unter dem Titel: So richtet die Shortseller-Legende über die Causa Wirecard.