Seit Wochen stehen die meisten Flieger am Boden, es sind weltweit noch immer 57 Prozent der globalen Flotte, meldet das Analyseunternehmen CH-Aviation. Doch bald wollen Airlines wieder loslegen. Die meisten Anbieter können dies nur mithilfe staatlicher Unterstützung, zumal sie sich in der grössten Krise befinden, die die Luftfahrtbranche jemals erlebt hat. Wie geht es weiter? Sieben Antworten auf die wichtigsten Fragen:

1. Wird Fliegen teurer oder günstiger?

Kurzfristig dürften Flugtickets eher etwas günstiger, dann aber teurer werden. Bisher tobte in der Branche ein ­harter Wettbewerb, ein hohes Sitzplatzangebot sorgte für Druck auf die Preise. Und gerade für Schweizer Kunden galt: Es gab ein grosses Routenangebot, viele Direktflüge etwa ab Zürich. Dann kam der abrupte Corona-Stopp. Nichts ist, wie es mal war. Das Wiederhochfahren der Flugpläne aufs alte Niveau wird Jahre dauern, wenn es überhaupt gelingt. Und: Viele Unsicherheiten bleiben. Vor allem: Welche Grenzen sind überhaupt offen? Das erschwert die Planungen der Airlines und verunsichert die Kunden.

Wenn es bald wieder mehr Flüge ­geben sollte, wächst das Angebot, da­runter auch viele Lockangebote, um die verunsicherten Kunden zu ködern. Entsprechend attraktiv dürften manche Preise sein. Doch dann dürfte es schnell teurer werden. Das Hochfahren ist für die krisengeplagten Airlines sehr kostspielig, ihre Kassen sind ohnehin leer. Bankkredite mit Staatsbürgschaft wie bei Swiss und Edelweiss liefern da nur etwas Linderung.

Hinzu kommt: Das Routenangebot wird in Zukunft kleiner sein, weniger und kleinere Flieger kommen zum Einsatz. Diese Angebotsverknappung deutet auf höhere Preise hin. Ein Beispiel: Flugstrecken, die etwa bei Geschäftsreisenden beliebt sind und für die es bald wieder eine gesteigerte Nach­frage geben sollte, werden sicher teurer werden. Vor allem, wenn Kunden auf solchen Routen kaum Auswahlmöglichkeiten haben, was die Zahl der Anbieter und die Flughäufigkeit angeht.

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2. Wie reisen wir?

Social Distancing geht im Flugzeug nicht. Die Maschinen sind für den Massentransport ausgelegt, die Sitze eng montiert. Kurzfristige Übungen wie Mittelsitze frei zu halten, haben keinen Bestand. Auch Plexiglas-­Trenner baut so schnell keine Airline ein. Fluggesellschaften müssen dringend Geld verdienen und wollen keine halb gefüllten Flieger auf die Reise schicken. Worauf sich Kunden einstellen müssen: Ein Wirrwarr an ­Regeln und Vorschriften bezüglich ­Corona-Massnahmen. Jedes Land, jede Airline hat andere Vorstellungen, wie Mitarbeitende und Reisende sich schützen: Gibt es Bluttests oder Fiebermessen? Sind Masken Vorschrift oder nur Empfehlung? Nichts ist einheitlich.

Was sicher ist: Am Flughafen wird Check-in, Boarding und Aussteigen deutlich länger dauern. Und beim Flug wird es viele Unwägbarkeiten geben: Wer will noch am Touchscreen spielen? Ist der überhaupt sauber? Es wird weniger Auswahl bei Essen und Getränken geben. Kunden fragen sich: Sind die ­Sachen überhaupt gut und sicher verpackt? Und dann noch die Kabinenluft: Zwar beteuern Airlines, die Kabinenluft werde ständig ­gereinigt und alles sei ultrasauber. Doch wer mit Mundschutz vor dem Gesicht und dicht gedrängt über Stunden hinweg in einer Flugzeugröhre unterwegs ist, den mögen solche Argumente wenig überzeugen. Das alles bedeutet: Das Flugerlebnis leidet erheblich. Der Stress fliegt mit.

3. Wie verändert sich die Branche?

Die Pandemie hat die globale Flugwelt so hart getroffen wie noch nichts. Die Folgen dieses Schocks werden noch jahrelang zu spüren sein, egal wie schnell Lockdown-Lockerungen kommen. Erholt sich die Wirtschaft langsam? Oder schnell? Und was ist, wenn es gar eine zweite Welle der Pandemie gibt: nochmals Grenzen zu und abermals die Flieger parkieren? Von solchen Fragen hängt ab, wie es weitergeht. Langsam, aber stetig aufwärts oder noch viel schlimmer.

Viele Airlines versuchen mit Kurzarbeit und Gehaltskürzungen durchzukommen. In vielen anderen Fällen haben Airlines schon Tausenden ­Mitarbeitenden gekündigt. Es werden mehr Airlines pleitegehen, viele Routen werden nicht mehr angeboten: Die Branche schrumpft, sie generiert weniger Wohlstand, inklusive aller Wirtschaftszweige, die direkt oder indirekt mit der Luftfahrt verflochten sind: Hersteller, Zulieferer, Hotels und so weiter.

Doch vorerst übt sich die Branche in kleinen Schritten: Airlines erhöhen ihr Angebot – erst im Inland, dann auf dem Kontinent, dann die Lang­strecke. Wenn alles gut geht.

4. Trumpfen die Billigflieger auf?

Alle Airlines sind in Corona-Not, auch wenn Europas grösster Billig­flieger Ryanair behauptet, es ohne staatliche Hilfe zu schaffen, aber auch rund 3000 Stellen streichen will. Immerhin: Der Vorteil solcher Billigflieger ist, dass sie primär Punkt-zu-Punkt-Verkehr anbieten, mit kurzen Stand­zeiten der Flieger. Das lässt sich ein­facher hochfahren, als einen komplizierten Hub-Verkehr über mehrere Standorte zu organisieren wie etwa bei der Lufthansa-­Gruppe. Ebenfalls kommt Ryanair zugute, dass die Airline nur noch auf einen Flugzeughersteller setzen will. Das spart Kosten. Auch haben die ­Billigflieger vergleichsweise kleineres Fluggerät und nicht viele grosse Flieger für die Langstrecke, die sich nur noch schwer füllen lassen.

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5. Was erholt sich zuerst: Geschäftsreisen oder Ferienflüge?

Aus Sicht der Airlines, aber auch der Kundschaft gilt: Das Sommergeschäft 2020 fällt aus. Die meisten Kunden ­buchen solche Reisen in der Regel im Zeitraum Januar bis März. Auch Reiseveranstalter nehmen frühzeitig grös­sere Kontingente bei den Fluggesellschaften ab.

Parked planes of the airline Swiss at the airport in Duebendorf, Switzerland on Monday, 23 March 2020. The bigger part of the Swiss airplanes are not in use due to the outbreak of the coronavirus. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Von der Airline Swiss sind noch immer nur sechs von 84 Fliegern im Einsatz.

Quelle: Keystone

Hören Sie im Podcast «HZ Insights»: «Flugreisen & Corona: Die Folgen für Passagiere und Mitarbeiter»

Doch nun, Mitte Mai, ist immer noch nicht klar, wer eigentlich wohin reisen darf und ob es Quarantäne­regeln gibt. Ja, viele Menschen wollen dringend raus aus dem Lockdown und am liebsten weit weg in die Sonne fliegen. Doch die Reiseveranstalter sind vor allem mit Stornierungen beschäftigt und nicht mit der Frage, welches Hotel auf den Malediven wohl besonders im Trend liegt. «Der Ferienflugmarkt wird sich im Hinblick auf 2020/21 langsamer erholen als das ­Geschäftsreisesegment», sagt Matthias Hanke, Airline-Experte bei der Beratungsfirma Roland Berger. Und: «Co­rona wird manche langfristigen Trends noch verstärken: Viele Kunden wollen nachhaltiger reisen, buchen möglicherweise weniger Flugreisen in ferne Länder.»

Was aber auch stimmt: Selbst wenn viele Menschen mittlerweile absolute Profis in Video-Konferenzen geworden sind, der direkte Kontakt mit Kunden und Geschäftspartnern sollte weiterhin gefragt sein. Also geschäftlich den Flieger zu nehmen, wird durchaus nötig bleiben.

Womit Airlines stets gute Geschäfte gemacht haben, sind Flüge in der ­Business und der First Class. In diesem lukrativen Segment mischt die Swiss besonders gerne mit. Das Problem: Strengere Reiserichtlinien vieler Firmen haben schon seit einiger Zeit das Business-Class-Geschäft belastet.

Und mit Corona sagen eventuell noch mehr Firmen ihren Mitarbeitenden: Bleibt erst mal daheim, bitte keine Reisen ins Ausland. Und sparen müssen wir sowieso. Ohnehin ist die klassische Business Class (mit zum Bett ausziehbarem Sitz) nur auf der Langstrecke möglich. Doch der Langstreckenverkehr liegt noch lange am Boden.

6. Wie mischt der Staat mit?

Airlines wie der Swiss-Mutterkonzern Lufthansa sind vor rund zwanzig Jahren privatisiert worden, haben sich also erst dann vom Staatseinfluss gelöst. Nun – auf Hilferuf der Airlines – ist der Staat wieder zurück im Fluggeschäft und fordert Mitsprache und Macht als Gegenleistung für seine Corona-Hilfe. Das gilt nicht nur für die USA, sondern auch in Europa. Ob und wie eine mögliche Beteiligung des deutschen Staates bei der Lufthansa aussieht, ist noch unklar. Klar ist, dass Politiker massiv ins Geschäft reinreden wollen. Auch bei der Swiss. Sie wird zwar keine Politiker im Verwaltungsrat haben, doch wird es eine Stiftung geben, die das Geschäft der Swiss kontrolliert. Der Bund bestimmt drei der fünf Mitglieder.

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Entscheidungen, was Fluggerät, Routen, Klimafragen und Ticketpreise angeht, werden noch mehr als bisher von Politikern kommentiert und in­frage gestellt – zumal die Staatshilfe für die Swiss hierzulande besonders kontrovers ist. Solche Debatten nehmen zu und sind für Airlines der Preis dafür, sich beim Staat Hilfe geholt zu haben.

7. Wann gibt es Geld zurück?

Fluggastrechte gelten auch in Co­rona-Zeiten: Geld für stornierte Flüge muss innerhalb einer Woche zurück­gezahlt sein. Doch derzeit gelingt das nicht, Airlines halten das Geld der Kunden lieber zurück, weil ihnen sonst die Liquidität fehlt. Stattdessen offerieren sie Umbuchungsmöglichkeiten. Viele Buchungssysteme der Airlines erleben Chaoszeiten, der Kundendienst ist völlig überfordert. Kunden sind genervt, weil sie gar nicht oder erst sehr spät mit ihrer Airline Kontakt bekommen. Auch wenn Kunden im Recht sind, sie werden sich noch eine Weile gedulden müssen.