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Börsenbetreiber
SIX-Chef: «Niemand sonst baut eine komplett neue Börse»

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Jos Dijsselhof: Seit einem Jahr ist er Chef des Börsenbetreibers SIX. Quelle: Foto © Gerry Nitsch

SIX-Chef Jos Dijsselhof macht vorwärts: Er will die erste, digitale Börse schaffen. Und mit SIX alle Schweizer Bankomaten betreiben.

Von David Torcasso und Michael Heim
am 31.01.2019

In Grossbritannien herrscht grosse Unsicherheit über den Brexit. Wirkt sich diese Verunsicherung auf das Geschäft der SIX aus? Ein grosser Teil des Börsenhandels stammt aus London.  
Wir verfolgen diese Entwicklung natürlich aufmerksam. Wir müssen auf alle Szenarios vorbereitet sein. Im Falle eines Hard-Brexits müssten wir möglichst schnell mit der City of London über neue Handelsabkommen verhandeln. Im Falle einer Soft-Brexit-Lösung bleiben wir bei der Diskussion um die europäische Anerkennung der Schweizer Börse.  

Die Schweizer Börse wird von der EU nur noch provisorisch als gleichwertig anerkannt, mit einer Deadline im kommenden Sommer. Haben Sie deswegen Geschäftsvolumen verloren? 
Nein. Der Marktanteil von SIX am Handel mit Schweizer Aktien hat im vergangenen Jahr eher sogar zugenommen. Gut 70 Prozent der Schweizer Aktien werden bei SIX gehandelt. Vielleicht gibt es Händler, die sich schon auf das künftige Szeario ohne Äquivalenz vorbereiten, unter dem Schweizer Aktien nur noch in der Schweiz gehandelt werden dürfen. Aber wir haben auch einen attraktiven Markt mit guten Preisen und hoher Liquidität. 

Der Bundesrat hat seinen Entwurf für die Verordnung zum so genannten «Plan B» publiziert, der in Kraft tritt, wenn keine Einigung mit der EU gefunden wird. Er geht wohl davon aus, dass dieser Fall eintreten wird. Ist das auch Ihre Einschätzung? 
Nach anfänglichem Optimismus war ich bezüglich der Äquivalenz gegen Ende letzten Jahres sehr besorgt. Dann hat die EU noch einmal eine minimale Verlängerung von sechs Monaten beschlossen. Die Äquivalenz wird klar an einen Fortschritt beim institutionellen Rahmenabkommen gekoppelt. Ich glaube jedoch nicht, dass es da in sechs Monaten einen grossen Fortschritt geben wird.

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Was ändert sich für Sie mit dem Plan B? 
Kurzfristig ist das eine gute Lösung, denn es heisst, dass die rund 30 Prozent des Handels mit Schweizer Aktien, der heute im EU-Raum geschieht, künftig in der Schweiz abgewickelt werden muss. Langfristig schwächt das aber die Attraktivität des Schweizer Marktes. Auch könnte sich ein Teil des Handels in Bereiche ausserhalb der traditionellen Börsen verschieben.  

Der Plan B soll Banken dazu zwingen, Schweizer Aktien an der SIX zu handeln. Lässt sich so etwas international durchsetzen? 
Genau genommen sagt der Plan B, dass Handelsplätze ausserhalb der Schweiz keinen Handel mit Schweizer Titeln mehr zulassen dürfen. All diese Börsen unterstehen einem Aufsichtsregime, und ich denke, dass da keiner Sanktionen riskieren wird und Risiken mit dem Handel mit Schweizer Titeln eingehen wird. Die Schweizer Aufsicht würde bei ihren ausländischen Pendants intervenieren. Diese würden grosse Risiken für wenig Umsatz eingehen.

Jos Dijsselhof
Jos Dijsselhof: «In der Zwischenzeit wird der Handel auf einen Handelsplatz beschränkt werden. Das kann nicht gut sein.»
Quelle: Foto © Gerry Nitsch

Und was passiert langfristig? 
Wir müssen zusammenarbeiten. Es ist unausweichlich, dass es irgendwann ein Abkommen geben wird, aber das wird länger dauern. Und dann wird auch die Äquivalenz wieder zugesprochen werden. In der Zwischenzeit aber wird der Handel auf einen Handelsplatz beschränkt werden, und das kann nicht gut sein. Denn ein Teil des Handels ist Arbitrage-Handel, der Preisdifferenzen zwischen verschiedenen Börsenplätzen auszunutzen versucht. Ein Teil der Attraktivität Schweizer Aktien macht gerade aus, dass man sie an verschiedenen Börsen handeln kann. 

Wie wichtig ist es, dass die Schweiz eine eigene Börse hat? Heute kann ich doch alles digital handeln, egal ob in Zürich oder New York
Beim Handel ist das nicht so wichtig. Wenn es jedoch darum geht, an der Börse Kapital aufnehmen zu können, ist eine eigene Börse entscheidend. Schweizer Firmen möchten ihr Kapital hier aufnehmen können, wo sie auch die Gesetze kennen. Zudem wäre die Schweiz ohne eine Börse auch weniger attraktiv für Investitionen, Firmenübernahmen oder Firmengründungen.

Jos
SIX-Chef Dijsselhof: «Die Schweizer Mentalität bringt es ­manchmal mit sich, dass man zu lange verharrt.»
Quelle: Foto © Gerry Nitsch

Sie haben ein grosses Projekt: Den Börsenhandel auf die Blockchain-Technologie zu bringen. Rennen Sie da einem Trend hinterher?  
Es ist wichtig, dass eine Firma, wie SIX immer wieder nach neuen Wegen Ausschau hält, wie sie das Geschäft abwickeln will. Innovation ist Teil der DNA von SIX. Fakt ist: Es dauert heute zwei Tage, bis der Käufer einer Aktie wirklich Eigentümer wird. Der Handel selbst dauert nur Bruchteile von Sekunden, aber danach müssen noch Zahlungen abgewickelt und Titel übertragen werden. Wenn wir das alles auf unsere digitale Börse bringen, dann dauert der ganze Prozess nur noch ein paar Sekunden. Das macht den Markt effizienter, nimmt aber gleichzeitig auch Risiken aus dem System. Denn heute besteht immer die Gefahr, dass einer der Geschäftspartner während der zwei Tage ausfällt und Leistungen somit nicht erfüllt werden. Zudem kann man auf einer digitalen Börse das Angebot an handelbaren Titeln ausweiten.  

Sind Sie noch im Rennen um die weltweit erste digitale Börse? 
Wir waren auf jeden Fall die ersten, die das angekündigt haben. Und wir sind zuversichtlich, dass wir die ersten sind, die eine digitale Börse lancieren. Es gibt andere, die bloss den Handel auf die Blockchain bringen wollen. Aber da sind die restlichen Prozesse noch immer separat. Aber niemand baut wie wir eine komplett neue Börse auf der Blockchain mit vollständig integriertem Handel, Abwicklung und Verwahrung von digitalen Vermögenswerten.

Wann startet das? 
Erste Tests werden im zweiten Halbjahr dieses Jahrs laufen.

Heute bestehen relativ hohe Hürden für einen Börsengang. Werden sie gezwungen sein, diese zu senken, wenn es einfacher wird, auf alternativem Weg Kapital am Markt aufzunehmen? 
Es ist eine unserer Visionen, den Markt zugänglicher zu machen, so dass auch kleinere Firmen via Börse Kapital aufnehmen können.  

Der Anpacker

Name: Jos Dijsselhof

Funktion: CEO SIX

Alter: 53 Jahre

Wohnort: Zürich

Familie: verheiratet, zwei Söhne

Karriere: Abschluss Computerwissenschaft und Betriebswirtschaft, tätig bei ABN Amro Bank, Royal Bank of Scotland und ANZ Australia & New Zealand in Honkong und -Singapur. Zuletzt tätig als COO und CEO a. i. (2015) bei Euronext in Amsterdam.

SIX ist auch eine Superbank, die Bank der Banken sozusagen. Ist geplant, diesen Bereich weiter auszubauen?
Ja, wir wollen im Bereich Banking Services expandieren. Dabei geht es um Dienstleistungen, die die Banken an uns auslagern oder die wir für spezifische Bankenbedürfnisse ausrichten. Wir haben beispielsweise eine neue Technologie beim E-Billing im Einsatz, die auch Features für ein verbessertes Lastschriftverfahren enthält. Wir machen den Zugang für Rechnungssteller einfacher. Oder wir fokussieren uns auf das Management von Bankautomaten.  

Die Vision ist, dass Sie alle Schweizer Bankautomaten betreiben? 
Ja, wir wollen die Infrastruktur-Betreiberin des Bargeldes in der Schweiz werden. Bankomaten spielen dabei eine grosse Rolle und wir wollen sie im Auftrag der Finanzinstitute betreiben.  

Was bedeutet das für mich als Kunden? Bezahle ich am Ende an allen Bankomaten eine Gebühr? Heute ist es bei der eigenen Bank meist gratis.   
Das System wird insgesamt günstiger. Wenn Sie in ein kleines Dorf in den Schweizer Bergen gehen, stehen dort drei Bankomaten von drei verschiedenen Banken. Um 9 Uhr wird der eine mit Bargeld gefüllt, um 10 Uhr der nächste, am Nachmittag der letzte. Dabei sollte dort eine Cash-Maschine stehen und wenn man die Karte einführt, sieht man die Oberfläche der Zürcher Kantonalbank, UBS oder von welcher Bank auch immer. Das macht alles viel effizienter und ist auch ein Nutzen für den Kunden.  

In der EU und in Asien ist Open Banking ein grosses Thema. Banken öffnen– freiwillig oder per Gesetz – ihre Schnittstellen, damit Drittanbieter mit den Bankkonten arbeiten können. In der Schweiz passiert das nicht. Besteht da die Gefahr, dass das Swiss Banking abgehängt wird? 
Jeder Staat regelt das anders. Die Schweiz setzt hier auf die Eigenverantwortung des Finanzplatzes. Unsere Rolle als SIX ist es, Standards für die Banken zu entwickeln, die solche Schnittstellen öffnen wollen. Wir arbeiten mit, aber forcieren keine Entscheidung, hinter der nicht alle stehen können. 

Ist es fahrlässig, wenn die Schweizer Banken zu sehr auf den eigenen Schweizer Ansatz vertrauen? 
Die internationale Konkurrenz auf die Schweizer Banken wird weiter zunehmen. Es gibt einiges, das den Schweizer Finanzplatz in der Vergangenheit und auch heute attraktiv gemacht hat. Heute treten die Schweizer Banken aber vermehrt mit gleich langen Spiessen gegen Konkur­renten aus dem Ausland an. Firmen wie Revolut oder N26 kommen in die Schweiz und treten gegen die hiesigen Banken an. 

Sie haben das Kartengeschäft letztes Jahr an Worldline verkauft. Was geschieht mit dem Bargeld, welches Sie dort eingenommen haben?
Ja, wir haben 340 Millionen Franken in cash erhalten. Es obliegt dem Verwaltungsrat, zu entscheiden, was mit diesen Mitteln geschieht. Sie

Wie viel zahlen sich Ihre Aktionäre als Dividende aus? 
SIX ist ein gesundes Unternehmen mit hohen Cash-flows. Eigentlich können wir unsere Investitionen aus den laufenden Einnahmen finanzieren.

SIX-Chef Dijsselhof: «Das System wird günstiger.»
Jos Dijsselhof (m.) mit den «Handelszeitung»-Redaktoren David Torcasso (l.) und Michael Heim (r.)
Quelle: Foto © Gerry Nitsch

Sie sind nun seit einem Jahr bei SIX. Wenn Sie auf dieses Jahr zurückblicken: Was haben Sie erwartet, was passiert und was haben Sie nicht erwartet? 
Das Unternehmen war mehr auf einen Wandel vorbereitet, als ich zuerst angenommen hatte. Als ich nach meinen ersten Arbeitstagen durch die Büros gelaufen bin, habe ich gespürt, dass die Leute hungrig sind und Neues ausprobieren wollen. Unsere Leute sind viel offener, etwas zu wagen, als ich zuerst angenommen. Ich war positiv überrascht über dieses Engagement.  

Sie waren lange in Asien tätig. Wie hat sich diese Erfahrung auf Ihre jetzige Tätigkeit ausgewirkt? 
Beim ersten Townhall-Meeting bei SIX trug ich keinen Veston. Ich forderte die Leute dazu auf, mich Jos zu nennen. Ich rede mit den Leuten, im Lift, im Tram. Ich will als Person sichtbar sein. Ich bin zwar ein Techniker, aber vertraue sehr auf meine Intuition. Wenn ich der Überzeugung bin, dass etwas zu 80 Prozent richtig ist, dann setze ich es um. Die Schweizer Mentalität bringt es manchmal mit sich, dass man zu lange auf den letzten 20 Prozent verharrt, auch wenn dieser Aufschub letztlich nicht zu besseren Resultaten führt. 

Das war ein gewaltiger Kulturwechsel für  SIX. 
Ja, und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Schauen Sie, in Asien ticken die Uhren viel schneller. Wenn etwas nicht klappt, dann korrigiert man auf dem Weg. In der Schweiz mögen die Leute nicht, wenn etwas schief geht. Das ist eine gute Sache. Ich möchte aber einen Mittelweg zwischen Schweizer Qualität und asiatischem Tempo finden.  

Also ein wenig mehr Innovation und dafür weniger Sicherheit? 
«Ein wenig mehr» ist eben zu wenig ambitioniert (lacht). SIX soll als innovatives und agiles Technologie-Infrastruktur-Unternehmen gesehen werden!