Die Mannschaft von Fondsmanager Nils Francke ist klein. Klein wie die europäischen Firmenwerte, auf die sie sich spezialisiert hat. Die Aufgabe der sechs Fachleute: Für die Genfer Privatbank Pictet die Performance-Perlen aus 5000 Unternehmen zu finden. Um fast 200% hat der Fonds Pictet Small Cap Europe in zehn Jahren zugelegt.

Nils Francke ist nicht der Einzige, der eine solch erstaunliche Performance vorzeigen kann. Die meisten der europabezogenen Nebenwertefonds, die so lange am Markt sind, können auf vergleichbar gute Renditen verweisen. Eine Hand voll, wie der Baring Europe Select oder der Europe Small Cap A von JP Morgan Fleming, schaffte über zehn Jahre sogar 300 und mehr Prozent. Nebenwertefonds laufen seit Jahren erfolgreicher als die Klassiker. Vor allem in den vergangenen drei Jahren entwickelten sich die kleinen Europafonds deutlich besser als die grossen Publikumsfonds.

Aktives Durchkämmen

Das Erfolgsgeheimnis von Francke und seinen Genfer Kollegen: Nicht stur auf einen Index schauen, sondern aktiv die Firmenlandschaft in Europa durchkämmen. Dabei ist es für Francke von grosser Bedeutung, dass verschiedene Nationalitäten im Team arbeiten. Um die besten Firmen zu finden, muss man nicht in einer Finanzmetropole arbeiten. Die richtigen Experten und das technische Equipment reichen dazu. Letzteres besteht aus einem eigens entwickelten Computerprogramm, das aus allgemein zugänglichen Unternehmenszahlen spezifische Bewertungskennziffern errechnet.

Kleine Kraftpakete erkennt man an verschiedenen Kennzahlen. Erfahrene Small-Cap-Experten schauen meist auf Gewinnwachstum, Eigenkapitalrendite und die Dividendenrendite. Wichtig ist auch, dass die Aktien noch zu einem vernünftigen Preis zu haben sind. «Wir wollen aber keine billigen Aktien, sondern preisgünstige Qualitätswerte», sagt Francke. Die allerdings sind immer schwerer zu finden. Vor allem in den vergangenen beiden Jahren haben viele Anleger die Nebenwerte-Turbos für ihr Depot entdeckt und Geld in die entsprechenden Fonds gesteckt.

Zwar gibt es auch hier Unwägbarkeiten. So sind die Bilanzen von Small Caps oft nicht so transparent wie die der grossen Standardwerte, das Liquiditätsrisiko ist höher und die Managementqualität schwankt häufiger. Doch grundsätzlich gehen Anleger, die ihr Depot mit ausgesuchten Nebenwerten oder einem entsprechenden Fonds abrunden, keine riskante Wette ein. Im Gegenteil!

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Ein Grund für die Überlegenheit der Kleinen gegenüber den Grossen: Während die Renditen bei grossen Unternehmen «hauptsächlich durch globale Faktoren beeinflusst werden, spielen bei Small-Cap-Renditen unternehmensindividuelle Faktoren eine grössere Rolle», sagt Prof. Manfred Weber von der Universität Mannheim. So haben Weltkonzerne wie Siemens fast immer viele verschiedene Geschäftsfelder. Kleine besetzen dagegen oft Nischen, in denen sie zum Teil als Weltmarktführer Spitze sind. Als Anleger sollte man aber das Risiko streuen und «nie auf nur ein oder zwei Unternehmen setzen», rät Weber.

Die Pictet-Truppe rund um Francke denkt eher langfristig: 30 Titel der etwa 100 Aktien liegen schon über zwei Jahre im Small-Cap-Portefeuille. «Jeder sucht die neue Nokia», sagt Francke. «Doch wir können auch ohne sie gut leben.» Denn in seinem Portefeuille müssen alle Aktien einen so genannten «trigger for a change» aufweisen, einen Auslöser für eine Änderung. Das deutsche Unternehmen Cewe Color zum Beispiel hat sich auf Foto-Finishing spezialisiert ­ es liefert in grossem Stil Abzüge von digitalen Vorlagen.

«Der Trigger war für uns der Rückzug von Kodak aus dem Geschäft und der Boom der Digitalfotografie», erläutert Francke. Während andere den Kodak-Rückzug als Vorzeichen für schlechtere Geschäfte auch bei Cewe Color deuteten und die Aktie daher mieden, kaufte Francke. Seine Überlegung: Auch wenn der Gesamtmarkt nicht wächst, würde Cewe Color die durch Kodak entstandene Lücke füllen. Tatsächlich klickte der Trigger, und die Veränderung kam schnell: Die Aktie stieg um 150%.

Ein zweiter Auslöser kann in einer gesamtwirtschaftlichen Entwicklung liegen: Steht etwa ein konjunktureller Aufwärtstrend bevor, von dem bestimmte Branchen und damit wiederum einzelne Unternehmen profitieren werden? «In der ersten Phase ist das Potenzial enorm hoch, das Risiko aber auch», sagt Francke.

Rallye bald vorbei?

Nach den deutlichen Kurszuwächsen bei den Nebenwerten fragen sich inzwischen immer mehr Anleger, ob der Trend nicht bald vorbei sein könnte. Zumindest ein Argument für Nebenwerte sticht nicht mehr: Die langjährige Unterbewertung. Allerdings: «Bei Small und Mid Caps wird das Wachstum auch künftig stärker sein als bei den Grossen», sagt Matthias Born, Nebenwerte-Fondsmanager der Fondsgesellschaft DIT. Europaweit würden die Kleinen von 2004 auf 2005 ihren Gewinn je Aktie im Schnitt um 20% steigern, die Big Caps nur um rund 15%.

Experten sehen aber andere Gründe für einen weiteren Aufschwung. «Wir beobachten aktuell starke Fusions- und Übernahmeaktivitäten in Europa. Hiervon sind gerade die kleinen und mittelgrossen Unternehmen betroffen», sagt Born. Dazu kommen weitere Mittelzuflüsse. Auch scheint der langjährige Trend zu Value-Aktien, die sich durch sehr hohe Dividendenrenditen auszeichnen, gebremst. Mit Dividendenrenditen von 5% und mehr rechnen die Profis in Zukunft nämlich nur noch selten. Stattdessen rücken wieder zunehmend Wachstumswerte in den Fokus der Investoren.

Europäische Nebenwerte

Morgen top?

Andritz ist ein Maschinenbauer aus Österreich mit Spezialisierung auf die Produktion von Papier und Zellstoff. In diesem Geschäftsfeld ist Andritz mit einem Anteil von 50% Weltmarktführer. Andere Tipps aus dem Nachbarland: Lenzing, Investkredit, AVW Invest. Das Bauunternehmen Kingspan, das Isolierpanele, Bodenerhöhungen und Fertigbauelemente liefert, ist eine der Topadressen aus Irland. Weitere interessante Titel von der grünen Insel sind Paddy Power, Sportingbet, Regus Group. Bijou Brigitte ist ein Modeschmuckkonzern aus Deutschland, der Waren billig in Fernost einkauft und mit sattem Gewinn in Europa weiterverkauft. Resultat: Das achte Rekordjahr hintereinander. In Frankreich ist Axalto ein Spin-off von Schlumberger. Die Firma ist einer der Weltmarktführer bei Smartcards. In Frankreich auch zu beachten: SR Teleperformance, Générale de Geophysique, Biomerieux. Amplifon aus Italien ist der weltgrösste Hersteller von Hörhilfen. Die zunehmende Alterung der Gesellschaft verspricht steigende Nachfrage. Credito Emiliano und Compagnie Industriali Riunite sind weitere Tipps aus Italien. In Holland angesiedelt ist Aalberts Industries, ein Mischkonzern, der in vielen Anlagefonds ist und vor allem Präzisionsteile für verschiedene Branchen herstellt. Ein weiterer interessanter Nebenwert aus dem Tulpenland ist Randstadt.

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