Ok, die Ironie bleibt nicht verborgen. Ausgerechnet Evan Spiegel, Chef der Sexting- und Selbstzerstörungs-App Snapchat, die Bilder und Nachrichten nach wenigen Sekunden für immer verschwinden lässt, wird jetzt von der Vergangenheit eingeholt.

In seiner Zeit an der Edel-Uni Stanford war Spiegel für den Spass-Faktor seiner Bruderschaft Kappa Sigma verantwortlich. Und für Spass hatte er seine ganz eigene Definition, wie die jetzt nach Jahren aufgetauchten Email-Einladungen erahnen lassen.

Ein paar Beispiele:
«Hope at least six girl [sic] sucked your dicks last night.»
«Did I just pee on Lily … the back of her shirt is soaked.»
«See everyone on the blackout express soon.»

Usw. usw. Das war schon damals nicht wirklich witzig. Aber man könnte das Ganze als College-Dummheit abtun, viele amerikanische Studenten machen schliesslich in dieser Zeit viele dumme Sachen und meinen, sich ohne Rücksicht auf Verluste austoben zu müssen. Geschenkt also?

Nicht ganz. Denn Spiegel offenbart in seinen Emails ein Frauenbild, das sich eben nicht einfach herauswächst. Das tief in seinem und dem Selbstverständnis seiner Kommilitonen verankert ist. Und das von den Nerds in Stanford und Harvard, die sich in ihren Dorms lustige kleine Tech-Ideen ausdenken, um sie dann im Silicon Valley in Millionen von Dollar einzutauschen, mitgenommen wird in die grosse weite Tech-Welt. Und dort zu einer Kultur heranwächst, in der es Frauen und andere Gruppen, die nicht in die Welt der Brogrammer hineinpassen, schwer haben.

Frauen werden zu «gurl» und «betch»

Wie schwer, das zeigte gerade erst eine nette kleine Statistik von Google. Der Internetriese hat Zahlen zu seiner Belegschaft veröffentlicht. Wenig überraschend: 70 Prozent der Angestellten sind Männer. Und das liegt sicher nicht daran, dass Frauen nicht an Technik interessiert sind. Sondern vermutlich vielmehr an einer Grundeinstellung, die sie von vornherein nicht willkommen heisst. Dass etwa Spiegel nicht nur im Eifer des Gefechts und in Vorfreude auf die nächste College-Party auf Frauen herabblickt, zeigt sich in den ersten Pressemitteilungen für seine App. Darin werden Frauen zu «gurls» und «betches».

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Viel Fantasie gehört nicht dazu, zwischen den Emails und der milliardenschweren Geschäftsidee einen gewissen Zusammenhang zu sehen. Nicht nur, weil er sie eben genau zu jener Zeit hatte, als er den Grossteil seiner freien Stunden in der Bruderschaft verbrachte. Dass er da dachte, eine App, die Nachrichten und Bilder nach wenigen Sekunden zerstört, sei eine tolle Idee, wundert kaum. Denn damit lässt es sich über Frauen und Dicke und andere einfache Opfer herziehen, ohne dass man Jahre später irgendwelche Konsequenzen fürchten muss.

Inzwischen hat Spiegel sich für all das entschuldigt und beteuert, nichts davon entspreche natürlich seinem heutigen Frauenbild. Kann man glauben, muss man aber nicht. Und nachdem wir genug über den lustigen Zufall gekichert haben und die Schadenfreude abklingt, sollten wir uns fragen, ob das Ganze wirklich einfach nur zum Lachen ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Bold Economy – das umfassende Nachrichtenportal zur digitalen Revolution.