Das Auto ist kaum aus Helsinki raus, schon verlässt es die Autobahn wieder und hält Kurs auf einen Glasgebäudekomplex am Wasser. Hier im Süden von Finnland diktierte einst Nokia das Geschehen. Mittlerweile ist der Schriftzug vielerorts durch jenen von Microsoft ersetzt. Nestlé hat sich eingemietet. Das höchste Gebäude aber gehört dem Schindler-Rivalen Kone. 

Kone und Schindler sind die beiden grössten Liftbauer in Europa. Beide Firmen sind kotiert, haben eine über 100-jährige Historie und werden von einer Besitzerfamilie gelenkt. In Europa teilen sich die beiden den Markt in etwa auf. In Japan hat keine der beiden Firmen Fuss fassen können.

Lange Meetings

In China hat Kone die Nase vorne – noch. Schindler ist den Finnen auf den Fersen und hat öffentlich erklärt, dass sie die nordische Firma im Osten überrunden wollen. In den USA treten die beiden gegen die Nummer eins der Welt an: Otis.

16 Stockwerke hoch ist der Hauptsitz des nordischen Liftbauers. Mit 73 Metern Höhe gehört das Gebäude zu den höchsten Bauwerken in Finnland. Das oberste Stockwerk ist reserviert für die höchste Managementebene. Hier werden Schlachtpläne entworfen und um Marktanteile gerungen. Die Meetings dauern manchmal derart lange, dass die Toiletten mit einer grosszügigen Dusche ausgestattet sind.

Leicht gewölbte Rolltreppe in der Elbphi

Zu den Referenzprojekten der Finnen gehört die Rolltreppe in der Elbphilharmonie in Hamburg. Sie ist über 80 Meter lang und gehört damit zu den längsten ihrer Art. Sie ist leicht gewölbt und führt in knapp drei Minuten vom Boden des Gebäudes auf eine Aussichtsplattform. Der Platz gibt einen weiten Panoramablick über Hafen und City frei und ist zugleich der Hauptzugang zu Konzerthaus, Hotel, Gastronomie und Wohnungen.

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Der Bau war eine Herzensangelegenheit der Architekten Herzog & de Meuron. Kone-Chef Henrik Ehrnrooth wird die Rolltreppe in diesem Sommer erstmals selbst inspizieren. «Im August werde ich nach Hamburg reisen», sagt er an einer Medienveranstaltung Ende Mai.

«Urbanisierung» und «Disruption»

Ehrnrooth kennt die Schweiz nicht nur, weil Kone eine Niederlassung im zürcherischen Brüttisellen hat oder weil die Konkurrenz im luzernischen Ebikon sitzt. Ehrnrooth arbeitete in den 90ern auch bei der UBS und er ist im Verwaltungsrat der Lausanner Manager-Schmiede IMD. Seit über vier Jahren lenkt er den finnischen Konzern. 

«Urbanisierung» und «Disruption» gehören zu den Lieblingswörtern des Kone-Chefs. Er ist aber auch ganz Zahlenmensch. «200'000 Personen ziehen jeden Tag in die Stadt», sagt Ehrnrooth. Das sind mehr als 70 Millionen Menschen pro Jahr. Bessere Aussichten auf Arbeit und eine bessere Gesundheitsversorgung seien eigentliche Magnete für Städte auf der ganzen Welt. Dazu kommt der zunehmende Stellenwert der Bildung und die Verankerung der Universitäten in den Metropolregionen dieser Welt.

Immer mehr Einpersonenhaushalte

Der zunehmende Menschenstrom in Städte wie Schanghai, Seoul oder Stockholm geht Hand in Hand mit einer rapiden Veränderungen der Technik. «Dieser Umbruch bringt Möglichkeiten für uns», sagt Ehrnrooth. «Was wir sehen, ist ein fundamentaler Wandel in der Art und Weise, wie Menschen leben und arbeiten.» Co-Working und Home-Office würden immer wichtiger. Dass ein amerikanisches Startup und nicht die HSBC oder Barclay's am meisten Büroflächen in der Londoner City mieten würden, sei symptomatisch für diesen Wandel.

Kone-Chef Henrik Ehrnrooth

Henrik Ehrnrooth ist seit 2014 Chef von Kone.

Quelle: Marc Iseli

Dazu kommt die steigende Zahl von Einpersonenhaushalten. In einigen nordischen Regionen sei bereits eine Mehrheit der Wohnungen nur noch von einer einzigen Person bewohnt. In Grossbritannien und Frankreich werde dies in absehbarer Zeit auch so sein. Ganz Westeuropa werde diesen Trend mitmachen, ist der Kone-Chef überzeugt.

Mehr Menschen auf engerem Raum

Zahlen des Bundesamtes für Statistik zeigen, dass Ehrnrooths Prognose auch auf die Schweiz zutrifft. Die Einpersonenhaushalte sind seit den 1990er-Jahren die verbreitetste Wohnform hierzulande. Und laut Hochrechnungen dürften sie bis 2045 nochmals um beinahe ein Drittel zunehmen. Die Städte Chiasso, Basel oder Lausanne zeigen bereits heute sehr hohe Quoten. Aber nirgends leben mehr Personen alleine als in der Tessiner Gemeinde Corippo im Verzascatal (siehe unten).

Der Trend bedeutet, dass der durchschnittliche Haushalt kleiner wird. Für das Business von Kone – aber auch Schindler – heisst das: Mehr Menschen leben auf engerem Raum. Das fördert den Bau von hohen Gebäuden. Und das belebt das Geschäft eines Liftbauers. «Es passiert überall», sagt Ehrnrooth. «Nicht nur in Afrika oder Asien. Wir sehen eine ganz neue Form der Urbanisierung in allen städtischen Regionen der Welt.»

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