Schon bei der ersten Sitzung war Mark Skinner klar, dass es Probleme geben dürfte. Die Atmosphäre war eisig. Am Tisch sassen Anwälte. Mikrofone hielten jedes Wort fest, Kameras nahmen jede ­Bewegung auf. Das war der Swissport-­Manager von seinen Geschäftspartnern in Kiew nicht gewohnt. Früher habe immer ein kameradschaftlicher Ton geherrscht, erinnert sich Skinner.

Kurz vor dem merkwürdigen Treffen hatte Investor Aaron Mayberg die Kontrolle über die Fluggesellschaft Ukraine Inter­national Airlines übernommen. Zusammen mit Swissport führte sie das Abfertigungsgeschäft an den Flughäfen in Kiew und in Charkow. «Was vorher eine gute Partnerschaft war, hatte sich von einem Tag auf den anderen zu etwas völlig anderem entwickelt», erinnert sich Skinner. Für ihn gibt es einen klaren Schuldigen an ­allem: «Mayberg schert sich keinen Deut um Rechtsstaatlichkeit. Um zu erhalten, was er oder die Aktionäre, die er vertritt wollen, tut er alles.» Was er wollte, war Swissports ukrainische Tochter.

20 erleichterte Kunden

Mark Skinners Befürchtungen bestätigten sich. Ende März wurde Swissport in der Ukraine nach einem Rechtsstreit enteignet. Doch das will der Konzern nicht auf sich sitzen lassen. Zur Not wollen die Schweizer die ehemalige Tochter gar mit einer neuen eigenen Firma konkurrenzieren.

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Dabei begann alles so gut. 2006 stieg der grösste Flughafendienstleister der Welt in der Ukraine ein. Er gründete die Tochter Swissport Ukraine und spannte dafür mit der nationalen Airline Ukraine ­International Airlines zusammen. Die Schweizer hielten 70 Prozent am Unternehmen, die Fluggesellschaft 30 Prozent. «Bevor wir kamen, waren für die Abfertigung nur ukrainische Firmen verantwortlich. Die Qualität war mehrheitlich schlecht», so Skinner.

Rund 20 internationale Fluggesellschaften, die heute Kunden von Swissport Ukraine sind, seien erleichtert über diesen Schritt gewesen. Die Zusammenarbeit mit Ukraine International verlief gut. Das änderte sich vergangenes Jahr abrupt. Die Regierung privatisierte die nationale Airline, die schon lange rote Zahlen schrieb. Wer der neue Eigentümer ist, weiss niemand so genau. Auch die Anwälte von Swissport wollten erfahren, wer denn nun ihr Partner sei. Sie landeten bei Firmen in Zypern und auf den Cayman Islands – weiter kamen sie nie.

Die Rolle von Mayberg

Einzig klar ist für Swissport die Rolle von Aaron Mayberg. Der Geschäftsmann vertritt einen Grossteil der Gesellschafter und war von Anfang an auf Konfronta­tionskurs. Zuvor hatte er die Geschicke von Aerosvit geleitet, einer anderen ukrainischen Airline. Diese ging kürzlich pleite wegen nicht bezahlter Rechnungen und Gehälter.

Schon in der ersten Sitzung kamen Vorwürfe. Swissport habe sich gegenüber dem Minderheitseigner feindselig verhalten. Im Zentrum des Streits stand eine geplante Kapitalerhöhung, die Investitionen in Technik finanzieren sollte. «Swissport verweigerte uns die Beteiligung an der ­finanziellen Strategie. Eine geplante Verwässerung unseres Anteils war eine direkte Drohung, Ukraine International sämtliche Macht zu nehmen», sagt Sprecherin Evgeniya Satska.

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Alles Unsinn, kontert Swissport. Man habe die Aktienverwässerung lediglich ­vorgeschlagen, weil der Partner nicht die nötigen Mittel hatte, um das Wachstum der Firma mitzufinanzieren. «Wir wollten das übernehmen. Das war nur ein Vorschlag, wie das möglich gewesen wäre», sagt Skinner. Mayberg habe von Anfang an darauf gezielt, Swissport Ukraine komplett zu übernehmen. Schliesslich zog die Airline mit denselben Vorwürfen vor ein Gericht in Kiew. Die Verhandlungen verliefen zäh, mehrfach vertagte das Gericht Termine. Zweimal wechselten die Richter. Am Schluss war Swissport der Verlierer. Das Gericht enteignete die Schweizer. Sie mussten sämtliche Aktivitäten für nur 400000 Dollar an Ukraine International übertragen.

Rund 30 Millionen Dollar Verlust

Ein massiver Verlust. Den Wert der ukrainischen Tochter schätzt Swissport auf 25 bis 30 Millionen Dollar. Die rund 800 Angestellten hätten nun Angst um ihre Jobs. Denn Ukraine International ist nicht gerade für Finanzkraft und Verlässlichkeit bekannt. Der Verlust der Fluggesellschaft betrug in der ersten Hälfte 2012 rund 17 Millionen Dollar, die Schulden bei Banken stiegen um mehr als 50 Prozent auf fast 40 Millionen an. «Wir haben immer wieder mal gehört und von deren Mitarbeitenden bestätigt bekommen, dass die Saläre zu spät oder gar nicht gezahlt wurden», sagt Skinner.

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Swissport gibt nicht auf und will das Urteil anfechten. Ausserdem schaltete man den Internationalen Luftfahrtverband Iata ein. Ukraine International ist dort Mitglied, ebenso wie die inzwischen rund 20 ehemaligen Swissport-Kunden in der Ukraine. Doch der Verband sieht sich nicht in der Pflicht. «Das ist eine Ange­legenheit zwischen den Unternehmen in der Ukraine und fällt nicht in unseren Aufgabenbereich», sagt ein Sprecher. Inzwischen bat Swissport auch die EU um Hilfe. Geschehen ist noch nichts.

«Die Ukraine ist aber ein interessanter Markt», erklärt Skinner. «Wir prüfen einen Wiedereinstieg.» Wann das so weit sein könnte, ist noch nicht klar. Nur eines weiss Skinner. «Dieses Mal suchen wir uns keinen oder einen verlässlichen Partner.»