Noch wenige Wochen vor dem Start der Olympischen in Spiele in Sotschi standen Bagger herum, Blachen baumelten an halbfertigen Bauten, holprige Schotterstrassen führten durch das olympische Gelände. Die grösste Baustelle der Welt machte ihrem Namen alle Ehre – und das kurz vor Beginn der teuersten Spiele aller Zeiten. Selbst als es in die heis­se Phase ging, hämmerten und schraubten viele im Akkord. Nur die Schweizer Konstrukteure klopften sich bereits den Baustaub von den Kleidern. Der Event- und Messebauer Nüssli aus Hüttwilen TG lieferte eine Punktlandung ab. Die Pavillons für Volkswagen, Procter & Gamble, Omega und Samsung standen zur Übergabe bereit, ebenso das von Bund und Sponsoren mit drei Millionen Franken alimentierte «House of Switzerland», wo Lara Gut oder Dario Cologna Edelmetall bejubeln sollen.

Gewichtige Abgänge

Mit rund 250 Mit­arbeitern vollbringt das Unternehmen in Sotschi eine Parforceleistung. In jedem zweiten Sponsorenpavillon steckt das Thurgauer Know-how. Olympische Spiele oder Weltausstellungen sind für den Weltmarktführer im Pavillon- und Tribünenbau ein Umsatzbooster. Geschätzte 25 bis 30 Millionen Franken ­generiert das Unternehmen am Schwarzen Meer. Das entspricht rund einem Fünftel des Jahresumsatzes von 150 Millionen Franken.

Noch schneller als beim Bau der Pavillons dreht bei Nüssli allerdings das Personalkarussell in der Chefetage. In den letzten zwei Monaten verliess das halbe Topmanagement das Familienunternehmen. Im Dezember dankte CEO Andy Böckli ab. Die Gründe bleiben unklar, die beiden Parteien haben Stillschweigen vereinbart. Ende Januar verabschiedeten sich der Finanzchef Markus Bucheli sowie der Marketingchef und ehemalige CEO Daniel Cordey; Letzterer nach 24 Jahren im Unternehmen. Finanzchef ­Bucheli, sechs Jahre für Nüssli tätig, erfuhr in den ersten Januartagen, dass er per Ende Monat gehen muss.

Bereits im Oktober quittierte Ver­waltungsrat Erwin Heri, ehemaliger ­Finanzchef der Winterthur-Versicherungsgruppe, den Dienst. Sein Nachfolger Harald Dosch warf den Bettel schon im Januar wieder hin, wie Recherchen der BILANZ ergeben. Er mache für seinen Entscheid persönliche Gründe geltend, lässt die Nüssli-Medienstelle ausrichten. In den kommenden Tagen wird die Personalmutation im Handelsregister aufflackern. Hire and fire in Hüttwilen.

Doch damit nicht genug: Im Frühling nahm Christian Künzli, Leiter der Division Events, Reissaus, der ehemalige Konzern- und Finanzchef Urs Schönholzer verabschiedete sich im Sommer aus dem operativen Geschäft, und Verwaltungsrat Christoph Frei, ehemaliger Chef des Rüstungsherstellers Mowag, hatte das Gremium bereits im Jahr zuvor verlassen. Die jüngsten personellen Wechsel hätten sich im Zuge der Strategieüberprüfung ergeben, heisst es bei Nüssli. «Ausgerichtet auf die heutigen Anforderungen des Marktumfeldes, wurde die Geschäftsleitung mit neuen Kompetenzen im Finanzbereich und einer Verstärkung in den Bereichen Business Development und Sales ausgestattet», schreibt das KMU im besten Corporate-Deutsch. Ausserdem habe Nüssli 2006 die Sparte Gerüstbau verkauft, was zu einer ­wachsenden Internationalisierung der Gruppe führte.

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Familie gegen Management

Doch das ist bloss die halbe Wahrheit. Die Firma Nüssli, eine Erfolgsgeschichte aus Mostindien, krankt heute an einer verfehlten Nachfolgeplanung. Mehrheitseigner Heinrich Nüssli (61), der sich vor ­Jahren aus dem operativen Geschäft zurückzog, hat zwar zwei Kinder aus erster Ehe. Sie sind für eine Führungsposition im Unternehmen aber noch zu jung. Also präsidiert mit der 37-jährigen Isabelle Nüssli seine zweite Ehefrau das Unternehmen, während Heinrich Nüssli seit Dezember wieder die operative Verantwortung als CEO innehat.

Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich. Begonnen hat das Malaise nach der Weltausstellung 2000 in Hannover. «Ich war damals sehr erschöpft, ausgebrannt und gereizt. Gleichzeitig brach die Familie auseinander. Meine Frau sagte mir, sie wolle nicht mehr mit mir zusammen­leben. Das führte dann zu einer klassischen Midlife Crisis», sagte Heinrich Nüssli 2006 zur Wirtschafts­zeitung «Cash». Er gab das operative Geschäft ab, konzentrierte sich aufs Verwaltungsratspräsidium, beteiligte – als wichtigster Punkt – das Management am Unternehmen und garantierte diesem einen Sitz im Verwaltungsrat. Nüssli folgte derweil seiner Passion und stellte 2012 mit Eventmanager Freddy Burger im Hallenstadion Zürich die Opern-Show «Viva Verdi» auf die Beine. Die Kritiken waren durchzogen.

Erfolgreicher erschien die Idee der ­Managementbeteiligung. Heute halten rund 45 Aktionäre 40 Prozent am Unternehmen. Eigentlich eine gute Idee, entpuppte sie sich später als Rohrkrepierer. Das Management, das sich unter der NI Management AG formierte und das Erwin Heri zwischen 2009 und 2013 ­präsidierte, pochte auf eine zügige Expansion in Wachstumsmärkte. Das hätte aber eine Kapitalerhöhung nötig gemacht. Die Familie sperrte sich dagegen. Sie fürchtete offenbar einen Kontrollverlust, wie Manager hinter vorgehaltener Hand sagen. Mit einer Dreiviertelmehrheit im Aufsichtsgremium kann die Familie per se jegliche Anträge des Minderheitsaktionärs abschmettern.

Die Pattsituation führte dazu, dass Mehrheitseigentümer Heinrich Nüssli im August 2013 ein Übernahmeangebot für das Aktienpaket des Managements platzierte; offenbar weit unter dem Unternehmenswert. Dieses lehnte ab, holte zum Gegenschlag aus und unterbreitete der Familie seinerseits ein Kaufangebot, das Heinrich Nüssli ebenfalls ausschlug. Mit geschätzten Ebit-Margen von vier bis fünf Prozent dürfte das Unternehmen gegen 100 Millionen Franken wert sein. Das Geschirr war zerschlagen – davon zeugen die zahlreichen Abgänge im ­Management.

«Der falsche Mann.» Während die Familie das rasche Wachstum für die hohe Fluktuation in den Führungsgremien verantwortlich macht, klingt es beim früheren Verwaltungsrat Erwin Heri diametral anders. «Ich habe mir von Seiten der Familie Vorwürfe und Unterstellungen anhören müssen, die über das hinausgehen, was ich noch mittragen möchte, und mit einem Vertrauensentzug gleichzusetzen sind», begründet Heri in einem Brief an die Aktionäre vom 24. Oktober 2013 – der BILANZ vorliegt – seinen Austritt aus dem Verwaltungsrat.

Auch sei es nicht aussergewöhnlich zu beobachten, dass Unabhängigkeit so lange gewünscht sei, bis man davon tangiert werde, schreibt der Professor der Universität Basel. «Führung, sowohl im Bereich Corporate Governance als auch in den Bereichen Personal und Finanz, wird hier anders gelebt, als ich das (…) meinen Studenten unter den Prinzipien der Unternehmensführung mitgebe. (…) Für die Art und Weise der Führung, wie sie heute im Nüssli-Verwaltungsrat gelebt wird, bin ich definitiv der falsche Mann», kritisiert er.

Tatsächlich ist die Nüssli Gruppe aktuell seltsam konstituiert mit dem Ehepaar Nüssli an den Schalthebeln. Nach CEO Andy Böcklis Weggang sprang Mehrheitseigner Heinrich Nüssli ein, den nun seine Frau Isabelle beaufsichtigt. «Die jetzige Konstellation mit Isabelle Nüssli als VR-Präsidentin und Heinrich Nüssli als CEO ist zwar eine bei Familienunternehmen nicht unübliche Konstellation», sagt Nüssli-Sprecher Aurel ­Hosennen. «Sie wird aber nicht als längerfristige Lösung gesehen.» Heinrich Nüssli werde diese Funktion so lange ausüben, bis die vom Verwaltungsrat ­beschlossenen Veränderungen im ­Unternehmen gemeinsam mit der Geschäftsleitung und den verantwortlichen Teams erfolgreich umgesetzt seien.

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Freunde im Verwaltungsrat. Selbst wenn Heinrich Nüssli die operativen Zügel bloss auf Zeit in seinen Händen hält: Dem abgetretenen Heri missfiel auch die Zusammensetzung des Verwaltungsrats. Denn mit Präsidentin Nüssli wurde vor zwei Jahren auch eine Bekannte von ihr, die beim PR-Büro Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten engagierte Christine Menz, in den Verwaltungsrat gewählt. Ausserdem sitzt mit Niklaus Nüesch ein Freund von Heinrich Nüssli im Gremium. Letzterer wiederum ist Verwaltungsrat bei Nüesch Development in St. Gallen – quasi eine Kreuzbeteiligung. Der Sitz des Managementvertreters Harald Dosch bleibt vorerst verwaist.

Nach dem Verwaltungsrat halten nun auch auf Managementebene die personellen Verquickungen Einzug. Der 35-jährige Serge Tanner, ein ehemaliger Zürcher-Kantonalbank-Mann mit wenig Führungserfahrung, ist seit Anfang Februar neuer Finanzchef. Er hat mit Isabelle Nüssli an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) studiert. Neuer Marketingchef wird Flavio Battaini, den Isabelle Nüssli «über das berufliche Netzwerk» kennen lernte. Sie beschreibt ihn in einer internen Mitteilung an die Mitarbeitenden als «hervorragend vernetzt in der internationalen Sportwelt». Er könne «dabei auf sein breit abgestütztes Wissen als Jurist und ehemaliger Fifa-Marketingdirektor zurückgreifen».

Das klingt gut. Allerdings ist Battaini kein Unbekannter. Seinen Rausschmiss beim Weltfussballverband wandelte Fifa-Präsident Josef Blatter nachträglich in eine Trennung um, er soll eine Abfindung von 1,3 Millionen Franken erhalten haben. Zuletzt leitete Battaini interimistisch die Bank Frey, die sich im Visier der US-Justiz befindet und letztes Jahr die Bank­lizenz zurückgab.

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Marktferne Familie

Die Ernennungen von Tanner und Battaini dürften die Unruhe, die das ­Kommen und Gehen in der Teppichetage auslöst, nicht eben mildern. Doch die tragenden Pfeiler im Unternehmen sind in erster Linie die Divisionsleiter und nicht die Nüssli-Korona. Zudem identifizierten sich die 400 Mitarbeitenden über die Firma und die Projekte und nicht über die Familie, wie Nüssli-Leute sagen. Auch ist die Akquise nicht von der Besetzung des Managements abhängig. Match­entscheidend in diesem People Business sind die Projektleiter. Sie holen die Aufträge herein. Das familiäre Führungsduo hingegen werde kaum wahrgenommen. «Wir spüren den CEO und die Verwaltungsratspräsidentin kaum», sagen mehrere Involvierte.

Umso mehr sorgten Isabelle Nüsslis Porträts, die in den letzten Wochen in der «NZZ» und der «Handelszeitung» erschienen, bei Nüssli-Managern für Stirnrunzeln, zumal sie genau in die Zeit der Abgänge fielen.

Orchestriert hatte die Auftritte offenbar Verwaltungsrätin und PR-Profi Christine Menz, welche die Präsidentin in der Öffentlichkeit vermehrt als Unternehmerin positionieren soll. Nächster Termin: das Aussenwirtschaftsforum von Switzerland Global Enterprise (ehemals Osec). In der Messe Zürich hält ­Isabelle Nüssli am 3. April ein Keynote-Referat zur «Zukunft des internationalen unternehmerischen Handelns».

Isabelle Nüssli sei zwar sehr ehrgeizig, eifrig, trainiere hart, wirke überzeugend und sei gut vernetzt, sagt einer, der sie gut kennt. Doch ihr fehlten die Führungsqualitäten und der unternehmerische Rucksack. Noch folge sie stark dem Managementschulbuch. Es sei sicher keine einfache Aufgabe an der Spitze dieser männerdominierten Firma, sagt ein anderer, der sie näher kennt.

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Steile interne Karriere

Angefangen hat ihr akademischer Werdegang in Freiburg. Dort studierte sie ein Jahr Jus, bevor sie während zweier Jahre für die Swissair selig als Flight Attendant wirkte. Erst danach wechselte sie das Fach und studierte an der ZHAW Wirtschaft, wo sie später an einem Anlass Heinrich Nüssli kennen lernen sollte. 2005, ein Jahr nach Abschluss ihres Studiums, stiess sie zu Nüssli. Sie übte im Unternehmen verschiedene Tätigkeiten aus, bevor sie 2008 bis 2010 den MBA an der Kellogg School of Management in Chicago nachholte. Danach kehrte sie in die Schweiz zurück, wo Ehemann Heinrich Nüssli sie an seiner Stelle im Verwaltungsrat platzierte, den sie zwei Jahre später präsidieren sollte. «Heute stimmt mein Rucksack für diese Aufgaben», sagte sie jüngst gegenüber der «Handelszeitung».

Heri sieht das anders. Inzwischen wehe ein völlig anderer Wind, schreibt er. «Ich kann in einem solchen Umfeld die legitimen Interessen der Aktionäre nicht mehr wirklich wahrnehmen.»