Der Swissness-Faktor kann derzeit nicht hoch genug sein im Programm des Schweizer TV-Senders SRF. Im April startet die Doku-­Reihe «Heimatland». Weitere «typisch schweizerische» Filme und Serien sind bereits fester Bestandteil der Programmplanung – darunter ein Krimi vor heimatlicher Bergkulisse.

In der Teppichetage von SRF ist der Bezug zur Schweiz in diesen Tagen weniger stark ausgeprägt. Ganz im Gegenteil: SRF-Direktor Ruedi Matter wird in Zukunft deutlich häufiger im Ausland anzutreffen sein. Genauer in Berlin: Dort tagt bis Ende September jeweils mehrmals pro Monat die Arbeitsgruppe der Sendergruppe ARD zur «Auftrags- und Strukturoptimierung». Und der Schweizer Radio- und TV-Direktor soll in diesem Gremium eine Schlüsselrolle spielen. Vorgesehen ist, dass Matter den Chefs der ARD-Länderanstalten auf der Suche nach Reformvorschlägen mit Rat und Tat beisteht. Am Schluss sollen mit seinem Support Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe herausspringen.

Kostbare Arbeitszeit im Einsatz für die ARD

Wie sehr der ARD-Vorsitzenden Karola Wille Matters Engagement am Herzen liegt, gab sie kürzlich im deutschen Fachblatt «Horizont» zum Ausdruck. Für Matter spreche, dass er den seit Jahren im Nachbarland laufenden Reformprozess bestens kenne, erklärte die deutsche Medienmanagerin. Zudem wisse er «um die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und habe ausserdem früher für McKinsey gearbeitet».

Hierzulande ist die Begeisterung über den Ausflug des SRF-Direktors ins Consulting-Geschäft weniger ausgeprägt. Und das nicht nur, weil Matter bei McKinsey nicht Firmensanierungen durchgeführt hat, sondern dort bloss als Pressesprecher fungierte. Vielmehr wird allent­halben bezweifelt, dass es im Sinne des ­Gebührenzahlers sei, dass der SRF-­Direktor seine kostbare Arbeitszeit ­damit verbringe, anderen Sendern beizubringen, wie sie die Herausforderungen der Digitalisierung meistern.

«Grenzwertiges Mandat»

«Dass Matter ein Beratungsmandat bei der ARD annimmt, ist grenzwertig», sagt Andreas Künzi, bei der Gewerkschaft Schweizer Syndikat Medienschaffender (SSM) für das Dossier Fernsehen verantwortlich. SRF-Direktoren hätten zwar immer auch externe Aufgaben, etwa bei der European Broadcasting Union oder auch im Verwaltungsrat der Rechteverwalterin Telepool. «Das ist aber ausdrücklich Teil des Jobbeschriebs des SRF-Direktors», sagt Künzi.

Mit seiner Kritik steht der Arbeitnehmervertreter nicht alleine da: Dem Vernehmen nach hat das umstrittene Mandat Matters auch bei Mitarbeitern im Leutschenbach für Irritationen gesorgt. Weil Matter bislang darauf verzichtet hat, die Belegschaft über seine Beratungstätigkeiten zu infomieren, brodelt im Leutschenbach die Gerüchteküche.

Kein Honorar vorgesehen

Dabei versteht weder der ARD-Vorsitz in Berlin noch die Führungscrew am Leutschenbach das Problem. Matters Engagement umfasse vom Umfang her lediglich einen oder zwei Tage pro Monat. Ausserdem sei für die Beratungstätigkeiten kein Honorar vorgesehen. «Die ARD übernimmt lediglich Herrn Matters Auslagen», stellt Sprecher Steffen Grimberg klar.  

SRF-Sprecherin Andrea Wenger unterstreicht derweil, dass auch Nebenbeschäftigungen von Kadermitarbeitern bewilligt werden müssen – und dass SRG-Generaldirektor Roger De Weck über das Mandat Matters informiert sei. Die ARD befindet sich ausserdem in einem Prozess der Strukturoptimierung, den SRF bereits durchlaufen hat. «Für Matter ist es eine Selbstverständlichkeit, die Kol­legen in Deutschland mit seinem Know-how zu unterstützen», so Wenger.

Nicht überall verfängt die­se Argumentation. «Auch wenn der SRF-Direktor bloss im 10-Prozent-Pensum in Diensten der ARD steht: Mit der Führung des mit Abstand grössten Bereichs der SRG, der insgesamt über 2000 Angestellte zählt, sollte Matter eigentlich genug zu tun haben», erklärt ein SRF-Insider. Aus Sicht des Gebühren­zahlers seien solche externen Neben­beschäftigungen deshalb eigentlich nicht zu rechtfertigen.

Anmerkung der Redaktion: Die SRF-Pressestelle legt wert auf die Feststellung, dass Ruedi Matter bei McKinsey nicht als Pressesprecher tätig war. Er sei Kommunikationsspezialist gewesen und habe als solcher auch auf Projekten gearbeitet.

 

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