Er habe mit Meditation begonnen, liess Stephan Schmidheiny Ende Jahr in einem Interview wissen, das sei gut für die Psycho­hygiene: «Ich merkte, dass ich einen Hass auf die Italiener in mir habe und ich der Einzige bin, der unter diesem Hass leidet.»

Meditative Ruhe ist ihm nicht gegönnt, denn Ende Januar hat ein Gericht in Italien erneut einen Asbest-Prozess gegen ihn ­zugelassen: wegen «vorsätzlicher Tötung» von 392 Personen. Schmidheinys Anwälte reagierten barsch und betonten, dass er nicht für die Asbest-Opfer in den italie­nischen Eternit-Werken, die einst Teil des Industriekonglomerats des Schmidheiny-Clans waren, verantwortlich sei.

Bereits im Mai 2018 hatte das Oberste Gericht Italiens den Vorwurf des vorsätz­lichen Handelns als rechtlich unhaltbar ­zurückgewiesen. Die Wiederauflage des Prozesses verstosse gegen das Verbot der Mehrfachbestrafung, monierten Rechts­experten, hatte es doch bereits 2014 einen Freispruch gegeben.

Philanthrop und Klimaretter vs. Asbest-Schmutzfink

Es ist die grosse Tragik des Mannes, dass er sich selber als Philanthropen und Klimaretter sieht, viele andere in ihm aber vor allem den Asbest-Schmutzfinken. Am UNO-Klimagipfel von 1992 spielte er eine wichtige Rolle, sein Buch «Kurswechsel» wurde zum Bestseller. Sein philanthropisches Engagement hat er seither stetig ausgebaut, seine Stiftung Avina ist heute schwer­gewichtig auf nachhaltige Projekte ausgerichtet.

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Aus dem Umfeld von Schmidheiny verlautet, er leide stark darunter, dass ihn die Asbest-Thematik immer wieder einhole. Es ist der Preis dafür, dass der Clan mit seinen Industrieaktivitäten zwar schwerreich wurde – Stephan Schmidheiny ist in der BILANZ-Liste der 300 Reichsten mit 3,5 bis 4 Milliarden Franken aufgeführt –, er aber lange in der Asbest-Produktion tätig war.

Vor allem in Italien wurde das Thema gerichtlich aufgearbeitet und Schmidheiny sowie anderen vorgeworfen, zwischen 1966 und 1986 für den Tod von mehr als 2000 Arbeitern und Anwohnern verantwortlich zu sein. Erst 1992 wurde Asbest in Italien verboten. Schmidheiny führt an, dass vorweg schon Hunderte Millionen Franken in die Arbeitssicherheit und die Verbesserung von Produktionsanlagen investiert wurden. Der neue Prozess ist auf den 27. November ­angesetzt.