Hotelplan blickt auf das schlimmste Geschäftsjahr seit der Entstehung vor 85 Jahren zurück – und schliesst mit tiefroten Zahlen ab. Auch für das kommende Jahr sieht es nicht besser aus: Der Schweizer Reiseveranstalter rechnet mit einem Umsatzrückgang von 50 Prozent. 

Das Jahr startete munter, dann ging es Mitte März steil bergab: «Es erfolgte eine Annullationswelle in einem noch nie dagewesenen Ausmass», heisst es von Hotelplan. Nach einem kurzen Hoffnungsschimmer im Sommer setzte sich die Misere fort. Aufgrund von Einreiserestriktionen, Flugausfällen oder Flugplanänderungen sowie der Risikoländerliste des BAG musste Hotelplan seit Mitte März Reisen von rund 100’000 Kunden stornieren.

Kostenlose Stornierungen sollen Abhilfe schaffen

Um dieser Misere zu entfliehen, verzichten einige deutsche Reiseveranstalter inzwischen auf die strengen Stornierungsbedingungen. So verkündete DER Touristik, diese bei den Marken Dertour, ITS, Jahn Reisen und Meiers Weltreisen zeitweise auszusetzen. Für Neubuchungen bis Ende November gilt, dass sie mit Abreisedatum bis Ende Oktober 14 Tage vor Reiseantritt kostenlos storniert werden können.

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Wenn jemand das Reiseziel mit einem eigenen Auto ansteuert, gilt das sogar bis zu sieben Tage vor Anreise. Bei dem deutschen Reiseunternehmen Alltours kann man Pauschalurlaube bereits seit Mitte September kostenlos annulieren. 

Hotelplan: Im Zusammenhang mit Corona kostenlos

Der Schweizer Reiseveranstalter Hotelplan Suisse lässt sich davon nicht beeinflussen: «Wir halten an unseren Stonierungsbestimmungen fest», sagt Hotelplan-Sprecherin Bianca Gähweiler. Wer jedoch eine Reise in ein Land gebucht hat, in welches er später wegen Corona-Massnahmen nicht mehr einreisen kann oder in dem Quarantänebestimmungen eintreten, könne die Pauschalreise kostenlos stornieren, erklärt Gähweiler. Damit ergeben sich für den Kunden keine grossen Unterschiede zum Wegfall von Stornogebühren. Gähwiler sagt: «Wir raten unseren Kunden, aktuell kurzfristig zu buchen.» Bereits jetzt die nächsten Sommerferien zu planen, sei nicht ratsam.

Hotelplan steht das Wasser aber noch nicht bis zum Hals. Aktionärin Migros stärkt dem Schweizer Reiseunternehmen den Rücken. Deshalb gab es «zu keinem Zeitpunkt ein Lidquiditätproblem», wie Hotelplan-Chef Tim Bachmann verlauten liess. Es sei die Schuld der Airlines gewesen, dass Rückzahlungen von Einzelleistungen nur so schleppend funktioniert hätten, sagt Bachmann.

Für die Zukunft gibt sich Bachmann zuversichtlich: «Unsere Aktionärin Migros hat uns für die nächsten Jahre ihre Unterstützung zugesprochen und wir sind überzeugt, dass wir gestärkt aus der Corona-Krise heraustreten werden», so Bachmann. Auch, weil allenfalls bald ein Impfstoff gegen das Virus gefunden werden könne.

Bei TUI muss man keinen Grund angeben

DER Touristik Schweiz, zu der auch Kuoni gehört, fährt in Bezug auf Stornogebühren einen anderen Kurs als das Mutterhaus in Deutschland. Die Kunden in der Schweiz seien nicht auf den Wegfall von Stornogebühren angewiesen, sagt Sprecher Markus Flick. «Jede Pauschalreise, die sich zwischen Buchung und Abreise als nicht oder nur mit Quarantänemassnahmen durchführbar entpuppt, wird von uns kostenlos umgebucht oder storniert.»

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Trotzdem seien Überlegungen beim Schweizer Ableger im Gange, wie man Kunden «mit weiteren Argumenten überzeugen kann, dass Ferienbuchungen absolut risikolos möglich sind», sagt Flick.

Anders bei Konkurrent TUI Suisse: Dort können alle Reisen die bis Ende des Jahres gebucht werden, ohne Begründung – sofern sie bis Ende April 20212 geplant sind – ohne Gebühren bis 31 Tage vor Abreise umgebucht werden. Gleiches gelte für Kinderfestpreise. Sie können grundlos bis 31 Tage vor Abreise umgebucht werden. 

«Viel wichtiger als die Kulanz ist aber die Sicherheit, die ein Reiseveranstalter wie wir vermitteln» sagt Marketing-und Kommunikationsleiterin 

Bianca Schmidt von TUI Suisse. 

Sollten Einreisen in ein Land für Schweizer nicht möglich sein oder vor Ort ein unzumutbare Quarantäne von 10 Tagen gelten, werde die Reise von TUI annulliert und die Reisekosten voll zurückerstattet. «Sollte das BAG im Sommer wieder eine ähnliche Quarantäneliste herausgeben, können Reisen auch sehr kurzfristig gebührenfrei umgebucht werden», versichert Schmidt. «Unser Krisenteam prüft rund um die Uhr die Einreisebestimmungen und die Hygiene und Sicherheitsmassnahmen in den Ferienzielen.»

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Globetrotter setzt auf individuelle Beratung

Anders als die Konkurrenz handhabt es der Reisenanbieter Globetrotter aus Bern: Da man ein Retailer und kein Tour Operator sei, gehe man die Frage der Stornierungskosten anders an, sagt Globetrotter-Chef Dany Gehrig. «Wir schauen in dieser unsicheren Zeit darauf, dass wir Reisen einkaufen, die auch kurzfristig noch ohne Kosten stornierbar sind.»

Das sei bei Leistungen im Land selbst einfacher als bei Flügen. Doch auch da achte man auf Tarife, die noch kurzfristig umbuchbar seien, so der Chef. Gerade das mache die Qualität eines Reisebüros wie Globetrotter aus, ist Gehrig überzeugt.

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Nicht noch mehr Chaos bei Flugtarifen

Bei Fluggesellschaften sind Stornogebühren ebenfalls ein wichtiges Thema. So hat Air France beispielsweise die Annullierungsbedingungen angepasst. Sie bietet eine Zusatzversicherung, damit sich die Passagiere sicher fühlen und die Nachfrage wieder steigt. 

Auch hier unterscheiden sich Schweizer Anbieter von ausländischen Mitbewerbern: «Als Schweizer Fluggesellschaft sind wir der Meinung, dass diese Versuche den gegenteiligen Effekt haben und die Komplexität der aktuellen Situation für die Passagiere noch weiter erhöhen», sagt Mehdi Guenin, Pressesprecher von Helvetic Airways.

Helvetic rät zu Reiseversicherung

Die Schweizer Fluggesellschaft setzt dagegen auf Gesundheitsvorschriften und Einreisebedingungen - das seien die «grösseren Hebel». Passagiere müssten die Gewissheit haben, dass sie sicher reisen und vor allem «ohne administrative Schwierigkeiten» wieder in die Heimat zurückkehren könnten, sagt Guenin. «Ein Teil der Lösung besteht darin, die Einreisebestimmungen weltweit zu vereinheitlichen und zu koordinieren», fordert Guenin. Ein weiterer Teil der Lösung sei die Einführung von kostengünstigen Schnelltests.

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Bei der Rückzahlung gibt sich Helvetic kulant: Annulliere die Fluggesellschaft den Flug selbst, werde das Geld zurückerstattet. Annulliere der Kunde, dann werde der Betrag ebenfalls innerhalb von 24 Stunden vollumfänglich zurückerstattet. «Aber wir raten unseren Passagieren, eine Reiseversicherung für Annullierungskosten oder fürs Reisegepäck abzuschliessen», sagt Guenin.

An Embraer 190 aircraft from Helvetic Airways at Zurich Airport in Kloten, Switzerland, photographed on 5 June 2019. (KEYSTONE/Gaetan Bally)Ein Flugzeug des Typs Embraer 190 von Helvetic Airways am Flughafen Zuerich in Kloten, aufgenommen am 5. Juni 2019. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Helvetic-Flieger am Flughafen Zürich: «Einreisebestimmungen weltweit vereinheitlichen».

Quelle: Keystone

Bei Swiss kommt es auf den Tarif an

Bei der Swiss hingegen gibt es zwei Szenarien, wie ein Kunde sein Geld zurückerhälten kann: Es wurde ein Tarif gebucht, der eine volle Rückerstattung bei einer Annullierung durch den Kunden vorsieht – oder die Swiss storniert den Flug selbst.

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Man habe bereits Ende August kommuniziert, dass «sämtliche Tarife mehrfach gebührenfrei umbuchbar seien», sagt Swiss-Mediensprecherin Karin Müller – als Beispiel nennt sie den Light Tarif.

Bis zu sechs Tage vor Antritt bei Holidaycheck

Beim Schweizer Online-Vermittler Holidaycheck, der zu den führenden Reise-Buchungsportalen im DACH-Raum zählt, kommt die Stornierung bis wenige Tage vor Abreise zum Nulltarif. Wer dort eine Reise, die von Holidaycheck selbst verantaltet wird, bucht, kann sie bis zu sechs Tage vor Antritt ohne Unkosten wieder streichen. Die Reise muss auch erst sechs Tage, bevor es los geht, bezahlt werden.