Sie sind seit kurzem nicht mehr nur Chef von Syngenta, sondern auch des israelischen Nachahmer-Produzenten Adama. Was ist die Logik hinter der neuen Syngenta Group?
Erik Fyrwald: Wir erwarten, dass wir in den nächsten fünf Jahren nahezu eine Milliarde Dollar an Synergien realisieren können. Im Vordergrund stehen die Vertriebs-Synergien: Verkaufsteams von Syngenta prüfen, welche Adama-Produkte sie in ihre Sortimente aufnehmen können und umgekehrt. Zudem haben wir zusammen mit Sinochem auch mehr Produktionskapazitäten und bessere Möglichkeiten, unser Potential digital auszuschöpfen. Dies ist eine Wachstumsgeschichte.

Wird die Marke Adama verschwinden?
Nein. Die Marke bleibt bestehen und Adama wird weiter eine eigene Verkaufsmannschaft haben, ebenso wie Syngenta. Aber wir werden dort, wo es Sinn macht, zusammenarbeiten.

Der Zusammenschluss verändert das Profil des Unternehmens drastisch. Vorher ging es um patentgeschützte Neuentwicklungen, nun verkaufen Sie auch Nachahmerprodukte.
Das stimmt, doch die Skaleneffekte werden dazu führen, dass wir mehr Mittel als heute für Forschung und Entwicklung zur Verfügung haben werden. Wir werden also noch stärker bei der Innovation.

«Der genaue Betrag für Forschung der Syngenta-Gruppe ist noch nicht bestimmt. Aber es wird signifikant mehr sein als heute.»

Zurzeit geben Sie 1,3 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung pro Jahr aus. Wie viel wird es künftig sein?
Der genaue Betrag ist noch nicht bestimmt. Aber es wird signifikant mehr sein.

Was bedeutet das alles für den Standort Basel?
Die Gruppe wird von Basel aus operieren. Monthey bleibt unser wichtigster Produktionsstandort und im Zuge der Bildung der Syngenta-Gruppe haben wir eine Fabrik von Novartis in Muttenz bei Basel gekauft. Wir werden weiterhin an neuen Produkten in Stein forschen, und in Münchwilen werden weiterhin Produkte in denjenigen Mengen entwickelt, die notwendig sind, damit sie auf dem Feld getestet werden können. Das heisst, dass unsere Präsenz in der Schweiz noch stärker werden.

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Erik Fyrwald, geboren 1959, ist seit 2016 CEO von Syngenta und Mitglied des Verwaltungsrates. Er ist ausgebildeter Chemieingenieur und hat einen Management-Abschluss von Harvard. In seiner Karriere arbeitete er unter anderem bei DuPont, er war CEO des Wasseraufbereitungs-Unternehmen Nalco und CEO des Chemie-Distributoren Univar.

Welche Rolle wird die Schweiz im globalen Netz für Forschung und Entwicklung spielen?
Eine sehr wichtige Rolle. Unsere Forschungschefin Camilla Corsi bleibt in der Schweiz.

Was bedeutet der Zusammenschluss für das geplante Re-Listing des Unternehmens?
Er stärkt das Unternehmen. Wir haben mehr Gewinn, mehr Cash-Flow. Das heisst, die Bildung der Gruppe steigert die Wahrscheinlichkeit, dass wir wie geplant wieder an die Börse gehen können; das heisst innerhalb von fünf Jahren, wie das damals im Juni 2017, als der Verkauf an ChemChina erfolgte, kommuniziert wurde.

Wird es zu einer Kotierung in der Schweiz kommen?
Das ist noch nicht entschieden. Wir werden wahrscheinlich in China an die Börse gehen, und dann wird es wahrscheinlich eine zweite Kotierung geben, entweder in Europa, entweder in London oder in der Schweiz, oder in den USA.

«Unsere Aufgabe ist es, den Bauern zu helfen, damit sie mit den Wetterextremen besser umgehen können, indem wir ihnen die entsprechenden Produkte und Tools zur Verfügung stellen.»

Wann waren Sie das letzte Mal in China?
Vergangene Woche, ich habe ein Alibaba-Lebensmittelgeschäft besucht. Alibaba verkauft in China Lebensmittel, die Geschäfte heissen übrigens «HeMa», was so viel heisst wie «kleines Nilpferd». Ich habe mir das Projekt «Pure Red Strawberry» angeschaut, welches wir zusammen mit Alibaba entwickelt haben.

Worum geht es?
Es geht darum, die Zeit zwischen dem Pflücken und dem Verkauf der Erdbeeren im Geschäft zu verkürzen. Normalerweise werden die Erdbeeren unreif gepflückt und reifen nach, bis sie in den Läden stehen. Doch das geht auf Kosten des Geschmacks.

Wie haben Sie das Problem gelöst?
Die Erdbeer-Verpackung enthält einen QR-Code mit allen Informationen, die der Konsument braucht: Wann die Erdbeeren gepflückt wurden, das heisst in der Regel am Vortag und auch wo sich die Erdbeer-Farm befindet. Zudem wird ein Foto des Bauern angezeigt und immer mehr auch Informationen zur Nachhaltigkeit wie Wasserverbrauch, Pestizid- und Düngerverbrauch. Ziel ist es, den Weg der Erdbeeren aufzuzeigen und für den Konsumenten nachvollziehbar zu machen.

Wir treffen uns hier am Rande des WEF. Wie war Ihr Davos?
Grossartig, die richtigen Diskussionen mit den richtigen Leuten nicht nur aus der Industrie, sondern auch von den Nichtregierungsorganisationen und Regierungen, um gemeinsam die grossen Probleme zu lösen wie: Mangelernährung, Fettleibigkeit, Hilfe für die Bäuerinnen und Bauern bei extremen Wetterereignissen, aber auch Hilfe, um die Auswirkungen der Landwirtschaft aufs Klima zu reduzieren.

«Mit Präzisionslandwirtschaft lässt sich die Produktivität um 15 Prozent steigern. Der Ausstoss von Treibhausgasen kann um 37 Prozent verringert werden.»

Die Klimaerwärmung war das informelle Thema in Davos. Wie erleben Sie die Diskussion?
Es ist äusserst wichtig, dass Klimaerwärmung zu einer so grossen Sorge der Führungskräfte weltweit geworden ist. Man diskutiert nicht mehr darüber, ob es passiert und ob es ein Problem ist, sondern: Wie passen wir uns an und wie stoppen wir den Klimawandel?

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Welche Rolle spielt Ihr Unternehmen dabei?
Eine sehr grosse. Wir erlebten im vergangenen Jahr die schlimmsten Überschwemmungen in den USA seit Menschengedenken und die schlimmste Dürre in Australien, ebenfalls eine sehr wichtige Agrarregion. In einer ganzen Zahl von europäischen Ländern wurden die höchsten Temperaturen je gemessen. Unsere Aufgabe ist es, den Bauern zu helfen, damit sie mit den Wetterextremen besser umgehen können, indem wir ihnen die entsprechenden Produkte und digitalen Tools zur Verfügung stellen.

Wie?
Wir untersuchen zum Beispiel in unserm Forschungszentrum in Stein, wie unsere Pflanzenschutzmittel den Pflanzen helfen können, Wasser besser aufzunehmen. Dann konnten wir aufgrund von Daten feststellen, dass eine Varietät unseres Maissaatguts – es heisst Artesian – unter trockenen Bedingungen durchgängig besser abschnitt als alle anderen Sorten. Wir haben uns diese Varietät angeschaut und sahen, dass es eine natürliche Mutation gab, die dafür verantwortlich war, dass dieses Saatgut trockenen Bedingungen besser Stand gehalten hat als andere. Diese Varietät haben wir dann in die anderen Maissorten reingezüchtet, mit dem Resultat, dass heute 70 Prozent des Maissaatguts, das wir in Europa verkaufen, gegen Dürre tolerant ist.

Fällt das unter die Rubrik «genetisch modifiziert»?
Nein, es handelt sich um eine normale Mutation. Diese Sorte steht ab diesem Jahr übrigens auch Schweizer Landwirten zur Verfügung.

Die Landwirtschaft ist eine der grössten Quellen für CO2. Was lässt sich hier über Produkte tun?
Wir haben Herbizide entwickelt, die es dem Bauern ermöglichen, dass er kaum oder gar nicht mehr pflügen muss. Dazu muss man wissen: Bauern pflügen ja normalerweise ihre Böden, um dem Unkraut Herr zu werden. Das Problem dabei ist, dass beim Pflügen enorme Mengen an CO2 freigesetzt werden. Unsere Herbizide sorgen dafür, dass das CO2 im Boden bleibt anstatt in die Atmosphäre zu gelangen.

Wie sehr wird sich Syngenta in den kommenden Jahren zu einer Tech-Firma entwickeln?
In der Tat werden wir zunehmend zu einem Unternehmen, das Saatgut, Pflanzenschutzmittel und digitale Werkzeuge zur Unterstützung der Landwirte anbietet. Wir werden über die nächsten fünf Jahre zwei Milliarden Dollar für die Entwicklung neuartiger Technologien zur Verfügung stellen. Dank besseren Pflanzenschutzmitteln ist es unserer Industrie in den vergangenen fünfzig Jahren das Volumen von Pflanzenschutzmitteln, die pro Hektar Ackerland eingesetzt werden, um 95 Prozent zu senken. Wir wollen hier nochmals drastische Verbesserungen erreichen.

«In China eröffnen wir immer mehr Service-Stationen, wo wir auch Drohnen-Technologie anbieten.»

Wie soll das geschehen?
Indem wir Wirkstoffe finden, die noch weniger verbrauchsintensiv sind, um den Befall mit Insekten, Unkraut und Pilzen zu kontrollieren. Zudem geht es darum, die Pflanzenschutzmittel nur noch dort einzusetzen, wo sie wirklich notwendig sind. Das Stichwort dazu heisst: Präzisionslandwirtschaft. Das heisst, die Felder werden digital zu erfasst und die Bauern können die Probleme noch gezielter behandeln, während man früher ganze Felder besprühen musste.

Wo kommen diese Technologien zum Einsatz?
Wir arbeiten weltweit mit knapp 3600 landwirtschaftlichen Betrieben zusammen, um den Erfolg unserer Produkte und Lösungen zu messen.

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Mit welchem Ergebnis?
Die Daten zeigen, dass sich die Produktivität um 15 Prozent steigern lässt, der Gehalt an Nährstoffen um 46 Prozent erhöht wird sowie der Ausstoss von Treibhausgasen um 37 Prozent verringert werden kann.

Auch in China?
Ja. In China eröffnen wir immer mehr Service-Stationen, wo wir nicht nur Saatgut und Pflanzenschutzmittel verkaufen, sondern auch die Drohnen-Technologie, die es braucht, um die Produkte so sparsam wie möglich einzusetzen.

Viele Böden, gerade in China, sind ausgelaugt und nicht mehr produktiv.
Wir sind daran, Saatgut zu entwickeln, das Nährstoffe in den Boden zurückbringt, damit dieser gesund wird und wieder kultiviert werden kann. Wir arbeiten dazu mit «The Nature Conservancy», einer globalen Nichtregierungsorganisation mit Sitz in den USA, einigen Banken und anderen Beteiligten zusammen, um eine Million Hektar Land degradierten Boden ­in Brasilien innerhalb von drei bis fünf Jahren wieder fruchtbar zu machen. Damit der Boden wieder produktiv wird. Das entspricht einer Million Fussballfelder. Das ist erheblich. Wir wollen den degradierten Boden wieder zum Leben erwecken, damit der Amazonas nicht weiter abgeholzt wird.