Liebe Leserinnen und Leser

Jens Alder, Rolf Dörig und Peter Siegenthaler, die am 25. November im Zürcher Hotel Widder über «Moral und Management – Ethik und Erfolg» debattierten, sind alle drei gebrannte Kinder. Der Swisscom-Chef wurde vom Zürcher «Tages-Anzeiger» als «Jobkiller» diffamiert, und obwohl er dies als «Effekthascherei und Populismus» abzutun versuchte, war ihm an diesem Tag persönliche Verletzlichkeit anzumerken. Es ist kaum zu kommunizieren, weshalb eine sprudelnde Geldquelle wie die Swisscom Stellen abbaut. Rolf Dörig, der bei der Rentenanstalt / Swiss Life einen Selbstbedienungsladen ohne Beispiel angetroffen hatte, wechselte das Management integral aus und zog für die Zukunft eine Lehre: «Garantierte Abgangsentschädigungen und Boni sind tabu, auch im Topmanagement muss sich die Kompensation an der Leistung messen.» Swiss-Verwaltungsrat Siegenthaler ortete in den jüngsten Indiskretionen bei der nationalen Airline gar einen «möglicherweise strafrechtlichen Tatbestand». Und nachdem früher linke Aktivisten den Slogan «Macht korrumpiert» skandiert haben, sind es heute Führungskräfte wie etwa Rolf Dörig selbst, die sagen: «Macht und Geld können korrumpieren.» Das sind (selbst)kritische Töne einer jüngeren Riege von Topmanagern, die – nach ihrer Rhetorik zu schliessen – höhere ethisch-moralische Standards zu setzen bereit sind als etliche ihrer Vorgänger. Alder, Dörig & Co. werden sich an ihren Worten messen lassen müssen und auch an ihren Taten. Die öffentliche Reputation der Topmanager entscheidet heute nicht nur über das eigene berufliche Fortkommen, sondern in weit höherem Masse auch über den Erfolg der Firma, in deren Sold sie stehen.

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2. Dezember: In Cologny bei Genf, an den Ufern des Lac Léman, treffen wir Klaus Schwab, den Spiritus Rector des World Economic Forum (WEF). 90 Minuten steht er BILANZ Red und Antwort. Der Professor ist nachdenklich geworden. Die weltweit anhaltende Kritik an den unternehmerischen Eliten tangiert auch die von ihm geschaffene einzigartige Begegnungsstätte. Er weiss, dass er diesem Vertrauensverlust etwas entgegensetzen muss. Nach «Building Trust» im Jahr 2003 heisst dieses Mal das WEF-Motto «Partnering for Security and Prosperity».

3. Dezember: Der Entscheid über das neu gestaltete BILANZ-Titelblatt ist fällig. Das formal von unserem Art Director Guido von Deschwanden überzeugend konzipierte Cover liegt in zwei Varianten vor, und es stellt sich die Frage: Bill Gates oder Josef Ackermann als Titel? Für Gates spricht: Der erfolgreichste Unternehmer der Welt stellt eine Ikone dar, einen globalen Brand für Innovation und Unternehmertum – und er hat BILANZ eines seiner raren Interviews gewährt. Für Ackermann als Cover spricht: Der Schweizer an der Spitze der Deutschen Bank muss sich wegen des Tatverdachts der ungetreuen Geschäftsführung vor Gericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, als Verwaltungsrat des Mobilfunkanbieters Mannesmann unangemessen hohe Bonuszahlungen für eine Reihe von Mannesmann-Topmanagern bewilligt zu haben. Mit Ackermann sitzt ein System auf der Anklagebank, das der Volksmund mittlerweile als «Abzockerei der Manager» bezeichnet. Der Prozess gegen Ackermann hat unabhängig vom juristischen Resultat Signalwirkung weit über Deutschland hinaus. Deshalb entschieden wir uns für Josef Ackermann als BILANZ-Titel.

10. Dezember: Der Appenzeller Hans-Rudolf Merz ist als Bundesrat komfortabel gewählt. Der seit 1997 als Ständerat amtierende Unternehmensberater aus Herisau hat sich als solider Finanzfachmann einen Namen gemacht, und wohl deshalb wurde er von der Bundesversammlung der Kandidatin Christine Beerli vorgezogen. Dennoch pflegt Merz ausserhalb des Bundeshauses in der Öffentlichkeit einen eher diskreten Auftritt – unser «Machtnetz» schafft etwas Abhilfe.

Goodbye and Welcome

Mit der Januar-Ausgabe des Jahres 1990 hatte Medard Meier als Chefredaktor der BILANZ die redaktionelle Verantwortung für unser Wirtschaftsmagazin übernommen. Unter der Schlagzeile «Immer zornig» zierte damals der Kunstproduzent Bernhard Luginbühl das BILANZ-Cover als «Mann des Monats»; mit dem Reichsten-Heft, Ausgabe 2003, gab Meier diese Verantwortung weiter. Dazwischen liegen 14 Jahre und 168 BILANZ-Ausgaben. In seiner Zeit als BILANZ-Steuermann hat Meier das Blatt nicht nur mit sicherer Hand pilotiert, sondern auch als Topmarke der Wirtschaftsberichterstattung positioniert. Dafür gebühren Medard Meier unser aufrichtiger Dank und ein prominenter Platz in den Annalen der BILANZ.

Sein Nachfolger, René Lüchinger, ist wenige Wochen vor Meiers Amtsantritt als BILANZ-Chef als damals junger Journalist in die Redaktion eingetreten und amtete bis 1995 als Meiers Stellvertreter. Dass er nun den Stab übernimmt, zeigt, dass die BILANZ innovativ und traditionsbewusst bleibt. Filippo Leutenegger, CEO Jean Frey AG