Wer mitten im Winter vom höchstgelegenen Kieslandrücken der Welt den Blick von Norden nach Süden schweifen lässt, eine bizarre unendlich weit scheinende Schneefläche vor sich sieht und sich dabei nicht entscheiden kann, ob er gleich die öffentliche Holzofensauna zum späteren Eislochschwimmen ansteuern oder doch nur als einsamer Langläufer auf einer in beiden Richtungen 100 km weiten See-Eisfläche seine Spuren ziehen soll, der spricht von Tampere. Damit von der Stadt an der Stromschnelle Tammerkoski, welche die grossen Seen Näsijärvi und Pyhäjärvi verbindet. Die Schnelle war die grosse Energiequelle, an der die Industrie wuchs ­ ihr ist es zu verdanken, dass sich Tampere zur grössten und gleichzeitig nördlichst gelegenen Binnenstadt der nordischen Länder entwickelte.

Die Industrialisierung begann mit einer Baumwollfabrik

Der Beginn der Industrialisierung Tamperes ist mit einem Namen verbunden: James Finlayson. Von St. Petersburg her kommend, gründete der Schotte 1820 die erste Baumwollfabrik des Nordens am Oberlauf des Tammerkoski. Sein Nachfolger, Wilhelm Notbeck, vergrösserte das Industrieareal nach und nach. Auch ein Schweizer Architekt Josef Renggli wirkte mit an der Gestaltung der für die damalige Zeit charakteristischen Ziegelsteinbauten.

Mit steigender Nachfrage nach Textilien für das Zarenreich ­ 1882 brannte in der Finlayson-Fabrik das erste elektrische Licht in Skandinavien ­ wuchs das Finlayson-Areal bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Stadt innerhalb der Stadt mit eigenen Wohnbauten für über 3000 Fabrikarbeiter sowie Schulen, Spital, Kirche und gar eigener Feuerwehr.

Ein früher Schweizer Bezug: Dampf powered by Sulzer

Schon bald reichte die Stromschnelle des Tammerkoski nicht mehr aus, um den steigenden Energiebedarf zu decken. Was lag da näher als die Anschaffung einer vierzylindrigen, 1650 PS starken Dampfmaschine der Gebr. Sulzer (1899) aus Winterthur. Das Prunkstück Schweizer Dampfmaschinentechnologie hielt die Webmaschinen der Finlayson-Fabrik noch bis Mitte der 50er Jahre in Betrieb.

Heute sind die beiden Zylinderpaare, «Helene» und «Marie», benannt nach den Gattinnen der damaligen Haupteigentümer, im Dampfmaschinenmuseum zu besichtigen. In Kombination mit dem gewaltigen Schwungrad, eingebettet in die unveränderte äussere Hülle der Finlayson-Fabriken, stehen die Bauten und Schornsteine heute unter Denkmalschutz. So wie auch die von Tampella auf der anderen Seite des Tammerkoski, dem Zentrum der ehemaligen Metall- und Schwerindustrie von Tampere.

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Und plötzlich wurde ein Name weltberühmt: Nokia

Finlayson, einstmals grösster Arbeitgeber der Region, findet seinen Namen verewigt im Backstein der Eingangspforte zur heutigen Altstadt Tamperes. Darin pulsiert das Leben. Kinos, Restaurants, Museen, Medien- und IT-Firmen haben die Webmaschinen verdrängt. Als grösster privater Arbeitgeber wirkt heute ein Konzern, der innert fünf Jahren zu einem der weltbekanntesten Brands aufgestiegen ist: Nokia.

Worauf fusst dieser phänomenale Aufstieg? Die Antwort mag zum einen im industriellen, stets innovativen Umfeld Tamperes liegen, und zum anderen in der Konstellation einer Art «Finnland AG». Weniger im Sinne einer auf nationale Interessen beruhenden «Deutschland AG» als vielmehr in der Konzentration von Unternehmensbereichen, die zum Ende der 60er Jahre fast das ganze Spektrum industrieller Tätigkeit in Finnland abdeckten, angefangen vom Forst- und Energiesektor über Reifen und Schuhe bis hin zur Kabel- und Elektroindustrie.

Die Geburtsstunde des Hightech-Landes Finnland im Bereich Elektronik und Telekommunikation geht zurück in die frühen 80er Jahre. Unter dem Einfluss des damaligen CEO von Nokia, Kari Kairamo, einer treibenden und charismatischen Persönlichkeit, setzte die Regierung im Sommer 1982 eine weit reichende Entscheidung in der Technologiepolitik. Investitionen in Ausbildung, Forschung und Entwicklung (F&E), die Gründung eines Zentrums für technologische Entwicklung (Tekes) sowie die Schaffung einer engen Kooperation im Wissensaustausch zwischen Forschungseinrichtungen/ Universitäten und der Industrie standen von nun an ganz zuoberst in der wirtschaftspolitischen Agenda. In Zahlen bedeutete dies eine Steigerung des Anteils von F&E am Bruttosozialprodukt von bisher 1,2% auf über 3% bis Ende 1999.

Nokia selbst hatte daran einen grossen Anteil, nicht zuletzt deshalb, weil der Geschäftsbereich Telekommunikation und Geräteentwicklung zunehmend forschungsintensiver wurde und Nokia handfest für die Ausbildung, Ausrichtung und Qualität der Forschungseinrichtungen lobbyierte.

Wie wichtig dieser Schritt war, zeigte sich Jahre später in der führenden Rolle Nokias in der Digitaltechnik und der Standardisierung eines Breitbandcodes für 3G- und GSM-Systeme. Der Weg zum künftigen Mobiltelefongiganten war damit aber noch nicht automatisch vorgezeichnet, denn der Mischkonzern durchlebte erstmal eine Odyssee und stand Anfang 1992 gar mit einem Bein am Abgrund.

Nicht immer sorgenfrei: Nokia drohte 1982 gar das Aus

Die in den 80er Jahren mit grosser Fanfare begonnenen Akquisitionen im Bereich Unterhaltungselektronik, finanziert zum grossen Teil aus den Erträgen des bis dato äusserst profitablen Kabelgeschäftes mit der Sowjetunion, erwiesen sich als Fehlschlag. Diese Sparte schrieb zu Beginn der 90er Jahre tiefrote Zahlen. Mit dem Niedergang der Sowjetunion und der Entflechtung der Kabelkartelle in Westeuropa brachen gleichzeitig die Erträge aus dem Kabelgeschäft ein.

In dieser Stunde der Not, Anfang 1992, übernahm der weltgewandte und bisherige CFO, Jorma Ollila, das Steuer des leck geschlagenen Schiffs Nokia ­ denn da war immerhin ein Lichtblick, der die Augen der Investoren und Übernahmeinteressenten hell aufblitzen liess. Die Sparte Mobilfunktelefone verzeichnete zweistellige Gewinnzunahmen und die fortschreitende Liberalisierung der nationalen Telefongesellschaften weckte Hoffnung für eine zunehmende Nachfrage nach mobilen Endgeräten. Unter der Ägide von Jorma Ollila entschloss sich der Konzern in den folgenden Jahren zu einem in der Geschichte nahezu einmaligen De-Investitionsprogramm, um vom gewichtigen Europäer zum weltweit unbestrittenen Marktführer in einer der prestigeträchtigsten Branche aufzusteigen.

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Nokia ist das Beispiel visionären Denkens, der Fähigkeit auch, sich schnell an ein verändertes Umfeld anpassen zu können und sich notfalls selbst neu zu erfinden ­ eine Fähigkeit, die ansonsten eher amerikanischen Unternehmen eigen ist.

Science Parks als Inkubatoren für Nachwuchs-Unternehmen

Die rund 3600, vornehmlich in den sparten F&E und Netzwerkdienste Beschäftigen bei Nokia bilden noch immer das Rückgrat des IT-Sektors in Tampere. Hier wird nicht nur der Nokia Communicator entwickelt, traditionell stark ist seit jeher auch der Bereich Maschinenbau und Automation. Dieser wiederum kann in enger Zusammenarbeit mit der Technischen Universität und angegliederten Forschungseinrichtungen auf qualifizierte Fachkräfte zurückgreifen. Start-up-Unternehmen finden innerhalb des angrenzenden Hermia-Technologiezentrums Kernkompetenz in der Projektierung, Förderung, Implementierung und Kommerzialisierung wissensintensiver Technologien.

«Wir brauchen Kernkompetenzzenter ­ also Mini-Cluster ­ mit klarem Profil und entsprechenden Investitionen zur Schaffung einer kritischen Masse im schärfer werdenden globalen Wettbewerb um Standorte», begründet Matti Eskola, CEO von Finn-Medi Research Ltd., in Tampere. Trotz erneuter Spitzenposition Finnlands im neusten WEF-Ranking (World Economic Forum) der wettbewerbfähigsten Länder warnt die Finnish Association of Graduate Engineers in ihrem Technologiebarometer 2004 vor falscher Euphorie. Seit dem vor elf Jahren erfolgreich lancierten Start des nationalen Technologieprogramms durch die von der AKA (Finnische Akademie der Wissenschaften) nominierten landesweiten Kompetenzzentren, ist dem Bericht zufolge der Innovationsmotor in Teilbereichen der Industrie in den letzten drei Jahren ins Stocken geraten.

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Für das schnellstwachsende Life-Science-Center Finnlands, den Finn-Medi Campus, trifft dies weniger zu. Investitionen von 20 Mio Euro in die Erweiterung der Infrastruktur in den letzten beiden Jahren und weitere geplante Investitionen von 80 Mio Euro bis 2010 zeugen von den positiv beurteilten Zukunftsperspektiven.

Tampere Science Park: Führend bei Implantaten

Der Finn-Medi Campus, angeschlossen an das Universitätsspital von Tampere, ist ein stark wachsender Hub in der Bio- und Health-Care-Technologie. Der Park arbeitet sehr eng und disziplinenübergreifend mit den beiden Universitäten und der Finn-Medi Research Ltd zusammen, die verantwortlich zeichnet für Start-ups, Kommerzialisierung, Dienstleistungen in F&E und Technologietransfer-Systeme. Derzeit sind rund 50 Firmen und Organisationen im Campus eingemietet. Pionierunternehmen, die zum Teil weltweit konkurrenzlos sind im Bereich biologisch abbaubarer Implantate, stammen aus Tampere. Sie sind Teil des mehrjährigen, ambitionierten Investitionsprogramms BioneXT in den Kernbereichen Implantate (Biotechmaterial/ Gewebetechnologie), Immunologie (Impfungen, Immuntherapie, Diagnostik) und Imaging (Biosensoren, Bioinformatik, Zellkulturautomation), welches derzeit im Finn-Medi Park im Gange ist. (trö)

Metso: Schweizer drucken auf finnischem Papier

Metso ist ein global tätiger Mischkonzern mit den Kerngeschäftsfeldern Mineralien (Gesteins- und Mineralaufbereitung), Papier (Faser- und Papiertechnologie) und Automation (Automations- und Steuerungstechnik). Die Sparte Minerals mit Sitz in Tampere trägt rund 33% zum 2004 erzielten Konzernumsatz von 4 Mrd Euro bei. Über die Tochtergesellschaften Metso Minerals und Metso Paper positioniert sich der Konzern in der Schweiz als wichtiger Lieferant von Anlagen und Maschinen im Bereich Zuschlagstoffe für Beton und Strassenbau sowie Schrottrecycling. In der Sparte Papier ist Metso Marktführer von Rollenlogistik für die Medienindustrie. (trö)

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Nokian Tyres und Nokian Capacitors: Ein Experte für winterliche Verhältnisse

Nebst Nokian Capacitors, einem globalen Anbieter von energieeinsparenden Stromübertragungsanlagen, erinnert auch Nokian Tyres an den einstigen Mischkonzern mit Herkunft Nokia bei Tampere. Erstklass-Gummiprodukte Made by Nokia finden sich heute nicht nur in der traditionellen Domäne, den Reifen für Personenwagen, Lastwagen sowie Agro- und Forstmaschinen, sondern auch für Fahrradreifen und Gummistiefel. Das zusätzliche N hinter Nokia bedeutet so viel wie «aus Nokia». Nokian-Reifen beschäftigt rund 2700 Mitarbeiter weltweit und verfügt heute nebst dem Zentrallager in Nokia über Lager in Tennessee (USA), Nürnberg (Deutschland) und Embrach (Schweiz). Nokian-Reifen expandiert derzeit nicht nur in etablierten Märkten, sondern auch im Osten. Mit der Fertigstellung eines modernen Reifenwerkes in St.Petersburg und einer Produktionskapazität von 1,5 Mio Reifen pro Jahr unterstreicht das Unternehmen seine führende Position als Reifen-Experte für nordische Verhältnisse. (trö)

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Tampere: Zehn überzeugende Argumente

- Jährlicher Bevölkerungszuwachs durch Zuwanderung: 2500 bis 3500 Personen.

- Beliebteste Region für Studenten innerhalb Finnlands gemäss «Towns and Cities: Mobility 2004».

- Zwei Universitäten, drei Fachhochschulen, Technisches Forschungszentrum Finnlands (VTT).

- Direkte Flugverbindungen nach Stockholm, London, Kopenhagen, Frankfurt-Hahn und Riga (Lettland).

- Starkes Wirtschaftszentrum mit Kernkompetenz in ICT, Maschinenbau/Automation sowie Medizinaltechnik.

- Ausgeprägtes Kultur- und Festivalleben.

- Beliebtester Vergnügungspark Finnlands inmitten traumhafter Wald- und Seenlandschaft (Särkänniemi).

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- Eines der bedeutendsten Kongresszentren Skandinaviens mit der Tampere Hall als architektonischem Highlight.

- Metropole mit Kleinstadt-Atmosphäre.


Fastems: Spezialist für die Automatisation

Europas führender Anbieter von Fabrik-Automationssystemen ist ein Vorzeigeunternehmen des Technologiestandortes Tampere, dies mit Kompetenz in Maschinenbau und Automation.

Zudem wird Ausbildung bei Fastems gross geschrieben. Davon profitieren jährlich 150 Studenten der nahe gelegenen Technischen Universität Tampere. Fastems ist bei Flexiblen-Fertigungssystem-Lösungen weltweiter Technologieführer. Diese sind sowohl als Standardmodelle als auch in Form massgeschneiderter Lösungen verfügbar, die von Ein-Maschinen-Zellen zu ganze Fabriken abdeckenden Systemen erweitert werden können.

Führende Schweizer Industrieunternehmen gehörten zu den ersten Exportkunden von Fastems. Nahezu 90% der FF-Systeme gehen heute in den Export, mit Westeuropa und USA als Hauptmärkte. (trö)