Camilla Parker Bowles, die Frau von Prinz Charles, schritt nicht mit irgend-einem Kleid vor den Traualtar.
Es war made in Switzerland. Zumindest der Stoff. Ein Nischen-produkt aus der Ostschweiz und damit Sinnbild für den grundlegenden Wandel der Textilbranche. «Es gibt keine Branchenkonjunktur mehr, sondern nur noch Firmenkonjunkturen. Die Schweizer Textilunternehmen haben sich zunehmend zu Nischenplayern entwickelt», sagt Ueli Forster, VR-Präsident von Forster Rohner AG. Der Hochzeitskleid-Stoff ist dafür nur ein Beispiel. Aber eines, das um die Welt ging – und die schweizerische Textilindustrie in die internationalen Schlagzeilen rückte.

Peter Anderegg, CEO von Filtex AG, zu der auch die Firma Jacob Schlaepfer, Lieferantin dieses Stoffes für die englische Blaublütige, gehört, weiss um diese Wahrnehmung. Im Mittelpunkt der Modemagazine stehen zwar die Mannequins mit schicken Kleidern, aber derzeit boomt vor allem das Geschäft mit technischen Textilien. Wenn König Fahd von Saudi-Arabien seine Ghutra, die traditionelle Kopfbekleidung der Wüstensöhne, aufsetzt, ist sie aus Stoffen gefertigt, die im appenzellischen Herisau ausgetüftelt wurden. Die Firma Cilander produziert Stoffe mit UV-Schutz. Damit kann König Fahd einen Sonnenbrand auf seinem Haupt verhindern. VR-Präsident Heinz Hochuli hat die Weichen rechtzeitig gestellt: «Sophis-tizierte Textilien haben Zukunft», ist er überzeugt. Wie er sieht es auch der deutsche Industrieverband Fachtex: Er schätzt das Marktpotenzial auf über 140 Mrd Euro.

Kugelsicher oder duftend

Bei Cilander werden – beispielsweise – auch Stoffe mit Fleckenschutz oder mit antibaktiereller Kraft hergestellt. Sie können Körpergeruch verhindern. Es gibt mittlerweile sogar Textilien made in Switzerland, die mit mikroverkapselten Geschmacksrichtungen bestimmte Düfte abgeben. Hans-Jürgen Hübner, CEO von Schoeller Textil AG, Sevelen, Pionier im Bereich der technischen Textilien, prescht mit seinem Motorrad auf dem Lukmanier-, Grimsel- und Furkapass herum, damit er atmungsaktive Bekleidung für Sportler testen kann. Kugelsichere oder grossflächig reflektierende Stoffe gehören ebenso in sein Sortiment wie Naturfasern, die Öl und Wasser abweisen. Nike, Adidas und Puma sind seine Abnehmer. Auch Kult-Modezaren wie Giorgio Armani oder das Haus Nina Ricci haben entdeckt, dass moderne Textilien Eigenschaften haben, die nicht an «Arbeitergwändli» erinnern.
Hübners Grundidee hat viele Hersteller von modernen Stretch- und Schutzgeweben beflügelt. Schoeller ist innert weniger Jahre zum Trendsetter geworden. Das gilt auch für die Sefar AG mit verschiedenen Produktionsstandorten im Rheintal, welche ursprünglich edle Seidengaze herstellte und heute mit Hightech im täglichen Einsatz in einem Atemzug genannt wird: Blutfilter in Herz- und Kreislaufmaschinen, Entkalker, Einspritz- und ABS-Filter im Auto oder in Geweben, die auf dem Mik-rofon von Handys das Eindringen von Wasser und Schmutz und gleichzeitig Zischlaute verhindern. Wer mit Hübner oder Christoph Tobler, CEO von Sefar, spricht, wähnt sich in einer anderen Welt. Es ist die andere Seite des glamourösen Auftritts der Branche, zu der auch der gehobene Unterwäschebereich gehört, den etwa die Firma Bischoff Textil AG virtuos beherrscht.

Teppichböden, Luxus-Unterhose

Das ist die interessante Seite der Branche: Sie könnte heterogener nicht sein. Zum einen ist da die Integration von Sensoren, Energiemodulen, Datenverarbeitungs- und Kommunikationseinheiten, die quasi eine erweiterte Funktionalität der Textilien bedeuten. Oder eine Herstellerin von Teppichböden wie die appenzellische Tisca, die künstliche Rasen herstellt. Zum anderen sind es luxuriöse Unterwäsche und Prestige-Objekte, wie das bereits erwähnte Hochzeitskleid von Camilla – oder das Aushängeschild der Herrenmode: Strellson. CEO Reiner Pichler, der längst erkannt hat, dass auch die Halbwertszeiten von Produkten im High-Endbereich von nicht technischen Textilien immer rascher ticken. «Mal ist Discount gefragt, mal Luxus. Mal ein Kaschmir-Pullover für 400 Euro, dann wieder ein
T-Shirt, das nicht mehr als 10 Euro kosten darf», sagt der erfolgreiche Herrenmode-Spezialist. Und Andreas Sallmann, ISA-Wäsche-Profi aus Amriswil, der mit «Swissness» erfolgreich operieren kann, schlägt die Brücke zu den technischen Textilien. Ihre Hersteller haben das gleiche Ziel: «Immer der Konkurrenz vorauseilen.»
Alle Branchen-Segmente profitieren derzeit vom konjunkturellen Aufschwung, wie die Befragten bestätigen. Aber die damit generierten Margen werden – à la longue – eine entscheidende Rolle spielen. Darüber schweigt die Branchenstatistik. Der Umsatz dagegen wird ausgewiesen: Er erhöhte sich letztes Jahr deutlich (siehe Box). Auch die Beschäftigtenzahlen sind wieder gestiegen. Davon profitiert vor allem das Ausland: Die Textiler schaffen die meisten Arbeitsplätze ausserhalb der Schweiz.

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Nachgefragt: «Der Aufschwung wird anhalten»

Der Verbandspräsident von Swiss Textiles, Max R. Hungerbühler, sieht für seine Branche eine rosige Zukunft.

Wird sich der Aufwärtstrend in den nächsten Jahren fortsetzen?

Max R. Hungerbühler: Es deutet alles darauf hin, dass sich diese Entwicklung verfestigt. Ich denke dabei an den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung. Dieser wird sich – wie ich das abschätzen kann – in den Zahlen über unsere Branche niederschlagen.

Wie schwer wiegen die fehlenden Freihandelsverträge mit Staaten wie den USA?

Hungerbühler: Die Doha-Runde betrifft uns. Wir sind darauf angewiesen, dass Freihandelsverträge zustande kommen – ich denke an für uns so wichtige Abnehmerländer wie die USA, Japan, Brasilien, Russland, Indien und China.

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Fakten

Mehr Umsatz
Der Branchenumsatz in der schweizerischen Textil- und Bekleidungsindustrie stieg letztes Jahr um 4,6% auf 4,13 Mrd Fr. 72% der Textil- und 52% der Bekleidungsprodukte gingen in die EU-Staaten. Das stärkste Wachstum verzeichnete der Bereich Bekleidung, wo ein Plus von 6,9% erzielt wurde.
Beschäftigt werden 110000 Mitarbeitende, das sind gegenüber dem Vorjahr 6,5% mehr.

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