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Textilbranche: Schweizer wachsen im Ausland

Die Branche ist erneut geschrumpft, wartet aber trotzdem mit positiven Nachrichten auf: Die Zahl der Nischenplayer war noch nie so gross. Und die Bekleidungsindustrie hat ihre Exporte steigern können.

Von Mélanie Rietmann
am 31.03.2004

Das ist ein ganz neuer Ton. Während früher immer von «hellen Wolken am Textilhimmel» oder von «Silberfäden im Webtuch» die Rede war ­ und dies trotz schlechter Zahlen ­ so spricht heute Thomas Isler, Präsident des Textilverbandes Schweiz, eine offene Sprache: «Die Zahlen sind nüchtern. Und wenn sie eher unerfreulich sind, scheint das Urteil klar: Die Schweizer Textiler haben ihr Ziel im vergangenen Jahr nicht erreicht.» Der Gesamtumsatz von 3,6 Mrd Fr. schrumpfte um 6%.

Isler versichert, dass die Textilbranche künftig «keine Branche mehr sein will, die ihre Chancen verpasst und ihre Probleme schönredet». Die vielen Innovationsschübe, die sie als Antwort auf das schwierige Umfeld gegeben hat, zeugen von ihrem Überlebenswillen.

Die Situation auf dem Weltmarkt ist, vor allem aus Schweizer Sicht, nicht rosig. Wie alle Befragten schmerzlich erfahren mussten, dominiert die Konkurrenz aus dem asiatischen Raum im Bereich der Massenware mit Preisen, bei denen schweizerischen Anbietern der Schnauf ausgeht.

Textiltüftler am Werk

Dass sich der Export in der Bekleidungsindustrie so positiv entwickelt hat, haben vor allem die Ansiedlung von Konfektionären aus Italien wie etwa Prada, die ihre Logistikzentren im Tessin haben, sowie bekannte Hersteller ­ unter ihnen Akris oder Strellson ­ beigetragen. Diese Unternehmen sind im Premium-Bereich tätig und nur bedingt mit all den übrigen Textilern vergleichbar: Sie sind weltweit ein Begriff, werden aber seit Jahrzehnten mit Produkten identifiziert, welche in ihrem angestammten Bereich, dem der Bekleidung, anzusiedeln sind.

Das ist bei einer immer grösseren Anzahl von ebenfalls erfolgreichen Firmen nicht mehr durchwegs der Fall. Ein Blick in die Textillandschaft zeigt, dass noch nie so viele Textiler zu Nischenplayern mutiert sind mit Kreationen, die Hightech pur anbieten und nicht mehr an traditionsreiche Produktepaletten erinnern. Wenn Heinz Hochuli, CEO der Firma Cilander (Herisau), beschreibt, wie der letzte Schrei aus seinem Haus beschaffen ist, kann man ihm das fast nicht glauben. Dieses Unternehmen hat kompliziert hergestellte Textilien entwickelt, die einen so genannten Anti-smell-Effekt haben und mit kosmetischen Produkten vollgespickt sind, welche Feuchtigkeit spenden oder die Haut straffen wie Honig, Rosskastanie und Ringelblumen. Schon vor ein paar Jahren sind diese Textiltüftler wegen ihres Stoffes berühmt geworden, der die UVA-und UVB-Strahlen absorbiert und in islamischen Ländern ein Renner ist.

Neuartige Gewebe

Die Nanotechnologie gelangt ebenfalls zum Einsatz. Sie ermöglicht die Miniaturisierung der Strukturen und so die Entwicklung von Materialien mit ganz neuen Eigenschaften. Derzeit arbeitet man auch mit dem Schleifsystem-Hersteller Sia Abrasives zusammen und entwickelt neuartige Gewebe für dessen Produkte.

Auf dem Gebiet der Nanotechnologie arbeitet auch die Firma Schoeller (Sevelen). Gemäss CEO Hans-Jürgen Hübner sind dank markanten Veränderungen auf Nanometerbasis grosse Fortschritte erzielt worden. Das Unternehmen hat ein Gewebe entwickelt, das hartnäckigste Flecken abwehrt, ob Ketchup, Kaffee oder Tinte.

Arbeitsplätze wandern ab

Es gab im vergangenen Textiljahr auch Wermutstropfen. Die Erkenntnis, dass im globalisierten Umfeld herkömmliche Produkte nicht mehr hergestellt werden können, verlangte von vielen Unternehmen einschneidende Massnahmen. Entweder gaben sie ganz auf, wie etwa die Spinnerei Streiff in Aathal und die Spinnerei Uznaberg sowie die Weberei Wengi. Sie alle mussten geschlossen werden oder kündigten die Schliessung an.

Andere wiederum verfolgten den Weg, den sie seit Jahren begehen, indem sie die Produktion ins kostengünstigere Ausland verlagern und sich auf Schweizer Spezialitäten konzentrieren. Forster Rohner baute in St. Gallen Arbeitsplätze ab und schuf dafür neue in Rumänien und China. Auch die Konkurrenten Bischoff Textil und Union (beide St. Gallen) und andere Sticker sowie deren Zulieferer wie Eschler (Bühler) sind dabei, ihre Kapazitäten im Fernen Osten massiv zu erweitern. «Die Dynamik der Schweizer Textilindustrie spielt sich immer mehr auch im Ausland ab», sagt dazu Ueli Forster. «Design, Marketing und die meisten Logistikfunktionen bleiben jedoch weitgehend in der Schweiz.» Wohin man auch blickt, der Auslagerungsprozess hat längst begonnen. Kauf (Ebnat-Kappel) produziert ihre Herrenhemden in Tschechien, Calida in Portugal und Ungarn, Sallmann (Amriswil) in Portugal.

Textil und Bekleidung: Branche schrumpft um 6 Prozent

«Es gibt keine Branchenkonjunkturen, sondern nur noch Firmenkonjunkturen.» So urteilt der Präsident von Economiesuisse und gleichzeitig Mitinhaber einer der erfolgreichsten Stickereifirmen der Schweiz, Ueli Forster. Damit ist angesprochen, dass die statistischen Angaben des Textilverbandes Schweiz auf Durchschnittswerten beruhen und firmenindividuellen Unterschieden nicht Rechnung tragen können.

Die Textil- und Bekleidungsindustrie erzielte 2003 einen Umsatz von 3,6 Mrd Fr., was gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang von 6% bedeutet. Im Bereich Textil sank er ebenfalls um 6% auf 2,1 Mrd Fr., im Bereich Bekleidung nahm er um 5% auf 1,5 Mrd Fr. ab. Bei den Exporten konnte eine Zunahme um 3,2% gegenüber dem Vorjahr verzeichnet werden ­ sie machten insgesamt 3,6 Mrd Fr. aus, wobei die Bekleidungsindustrie zu diesem positiven Ergebnis beitrug.

Bei den wichtigsten Abnehmerländern hat sich keine nennenswerte Verschiebung gegenüber dem Vorjahr ergeben. Die Reihenfolge ist in etwa gleichgeblieben: Deutschland, Italien, Frankreich, Österreich und USA bei den Textilien, Deutschland, USA, Italien, Grossbritannien und Frankreich auf dem Gebiet der Bekleidung.

Auch bei den Importen wurde eine Abnahme verzeichnet. Sie lagen mit 7,5 Mrd Fr. 3,6% unter dem Vorjahr. Nach wie vor hoch ist die Kapazitätsauslastung in der Textilindustrie: Sie lag bei 77%, in der Bekleidungsindustrie sogar bei 86%.

EU-Zölle : «Nacht- und Nebelaktion»

Eine der grössten Sorgen bereitet dem Textilverband Schweiz (TVS) derzeit die «Nacht- und Nebelaktion» aus Brüssel, wie es der Kommunikationsbeauftragte bezeichnet. Es ist vorgesehen, dass ab Anfang Juni Waren, welche aus einem EU-Land zollfrei in die Schweiz eingeführt werden, auch ohne Verarbeitung nicht mehr in die EU zollfrei wiederausgeführt werden können. Wenn eine Firma in Portugal fertigen lässt, die Waren zur Verarbeitung in die Schweiz einführt und von dort aus verteilt,wird sie mit einem EU-Zoll belegt. Diese Massnahme hätte eine verheerende Wirkung auf all jene Unternehmen, die ihre Logistikzentren in der Schweiz aufgebaut haben (siehe «HandelsZeitung» Nr. 9 vom 25.2.2004)


Umsatz der Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie

in Mio Fr.: 2002 2003 in %

Chemiefasern 237 220 ­7.0

Spinnerei 147 128 ­13.2

Weberei 273 248 ­9.2

Gewebeexporteure 134 150 12.3

Stickereiexporteure 169 163 ­3.8

Teppiche 124 112 ­10.0

Lohnveredlungsindustrie (ohne Material) 114 113 ­0.8

nicht erfasste Firmenumsätze 1031 950 7.9

Total Textil 2229 2084 ­6.5

Oberbekleidung* 1056 930 ­11.9

Unterbekleidung* 350 375 7.0

Bekleidungszubehör* 204 215 5.6

Total Bekleidung* 1610 1520 ­5.6

Total Textil und Bekleidung* 3840 3603 ­6.1

Quelle: «tvs/*geschätzt»

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