Harte Zeiten für Tidjane Thiam und seine Bank: Die Credit-Suisse-Anleger sind seit Thiams Amtsantritt vor einem Jahr scharenweise aus dem Titel geflüchtet, der Aktienkurs erreichte jüngst ein Rekordtief. Ein Befreiungsschlag tut not.

Thiam ficht das alles nicht an. Er hat schon ganz anderes erlebt. Als Minister in seinem Heimatland, der Elfenbeinküste, wurde er im Zuge eines Staatsstreichs unter Hausarrest gestellt. Als Chef des britischen Versicherers Prudential überstand er eine Aktionärsrevolte.

Er habe ein Faible dafür, unter Druck zu sein, scherzte er kürzlich bei einem Abendessen. Doch mitten im grössten Umbau der Credit Suisse seit fast 30 Jahren fragen sich viele, ob der Branchen-Aussenseiter sich selbst und der Bank nicht zu viel zumutet.

Grosse Zweifel

«Am Anfang haben alle gedacht, dass er über Wasser gehen kann», sagt Andreas Brun, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank. «Inzwischen denken alle, dass er sich schon mit dem Schwimmen schwer tut.»

Zweifel an der Strategie, Zweifel an den Zielen, Zweifel an seiner Eignung - wie konnte der zu Beginn von vielen als Heilsbringer bejubelte Thiam so schnell auf Normalmass schrumpfen? Und wie stehen die Chancen, dass die viertgrösste Privatbank der Welt die Kurve kriegt?

Simple Mathematik

Niemand hatte Tidjane Thiam auf der Rechnung, als Verwaltungsratspräsident Urs Rohner den Ivorer im März 2015 auf den Schild hob. Kein Investmentbanker, ein Versicherungsexperte sollte die Wende bei der Credit Suisse bringen. Der grossgewachsene Manager hatte sich bei Prudential einen Ruf als erfolgreicher Sanierer und Experte für den Boommarkt Asien erworben.

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Bei seinem ersten Auftritt vor den Medien hatte er das Publikum mit seinem Charme und klaren Worten schnell auf seiner Seite. Nur bei einer Frage reagierte der Übernächtigte gereizt - der nach seiner mangelnden Erfahrung als Investmentbanker. Er wolle nicht angeben, erklärte er spitz, aber als McKinsey-Berater habe er schon viele Investmentbanken reorganisiert und er verstehe, wie Optionspreise zustande kämen.

«Ich habe Physik und Mathematik studiert und offen gesagt ist die Mathematik, die hinter Derivaten steht, relativ primitiv.» An diesen Sätze sollte er ein Jahr später, in der schwersten Krise seiner Amtszeit, noch erinnert werden.

TT, wie viele Thiam nennen, ist möglicherweise die grösste Wette, die Rohner als Präsident der Credit Suisse je eingegangen ist. Denn nach einer Rekordbusse in den USA wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung musste sich der Jurist gegen Rücktrittsforderungen verteidigen. Mit der Ernennung Thiams nahm Rohner sich selbst aus der Schusslinie, kettete aber sein eigenes Schicksal bei der Bank an Thiam. «Beide wissen: Wenn die Zahlen nicht stimmen, müssen beide gehen», sagt ein Insider.

Wachstum statt Sparzwang

Zunächst zahlte sich die Wahl Thiams voll aus: Am Tag seiner Ernennung schoss die CS-Aktie acht Prozent hoch, das Institut war an der Börse auf einen Schlag 3,5 Milliarden Franken mehr wert. Im Oktober stellte der Risikoexperte sein Programm vor: Die von seinem Vorgänger hinterlassene dünne Kapitaldecke aufpolstern und den Gewinn kräftig steigern. Das will er mit dem Ausbau der Vermögensverwaltung schaffen, die den Launen der Finanzmärkte weniger ausgesetzt ist.

Vor allem im Geschäft mit Superreichen Asiaten sieht Thiam ein riesiges Potenzial. Der riskante Anleihehandel kam dagegen auf das Abstellgleis, wie die UBS das schon vor Jahren vorexerziert hatte.

Angesichts der kriselnden Finanzmärkte hat zwar auch Thiam sein Kostensenkungsprogramm verschärft. Trotzdem setzt die Credit Suisse im Gegensatz etwa zur Deutschen Bank, wo Sparen und Schrumpfen über allem steht, noch immer mehr auf Wachstum. Und Thiam kann schon erste Erfolge vorweisen - im ersten Quartal sammelte die Bank deutlich mehr neues Geld in der Vermögensverwaltung ein.

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Regionale Aufstellung

Doch die vielen Baustellen machen dem Konzern zu schaffen. Statt der in der Bankenbranche üblichen Gliederung nach Sparten stellte Thiam den Konzern regional auf. Neu besteht das Institut aus dem Schweizer Geschäft, dem asiatischen Geschäft und dem Geschäft in Europa, dem Nahen Osten und Lateinamerika.

Dazu kommen eine Handels-Division und eine Sparte für die Beratung bei Zukäufen und anderen Kapitalmarkt-Transaktionen, die US-lastig sind. In diesem Modell können die Bereichschefs ihr Geld selber ausgeben und Prioritäten setzen, statt Anträge in der Zentrale in Zürich einzureichen.

Vorbild Versicherung

Die regionale Aufstellung ist in der Versicherungsbranche, aus der Thiam kommt, weit verbreitet. Mit dem Regionen-Modell hat Thiam jedoch nicht einmal in seinem eigenen Management alle überzeugt. Aus seiner Sicht ermögliche die neue Struktur ein vereinfachtes Berichtswesen und klare Verantwortlichkeiten, sagt eine Führungskraft.

«Aus der Sicht aller anderen ist es verwirrend und viel komplexer.» Es sei eine sehr komplizierte Weise, eine Bank im Tagesgeschäft zu betreiben.

Doch Kritik hatte es oft schwer, bis zu Thiam vorzudringen, wie mehrere gegenwärtige und ehemalige Manager berichten. Thiam umgebe sich mit einem inneren Kreise von Vertrauten, die den Zugang zum Chef kontrollieren.

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Investmentbanker spüren den Bedeutungsverlust

Es ist kein Zufall, dass Thiam besonders oft in New York anzutreffen ist. Denn dort ist ein bedeutender Teil des Investmentbankings angesiedelt. In dem Geschäft fallen die von Thiam angeordneten Stellenstreichungen und Bonuskürzungen besonders drastisch aus. Die Investmentbanker, die unter Thiams Vorrgänger Brady Dougan im Konzern lange Jahre das Sagen hatten, spüren ihren Bedeutungsverlust. Entsprechend mies sei die Stimmung im Handel in London und New York, sagen Insider.

Besser sei die Moral in den Vermögensverwaltungs-Einheiten, beobachtet Headhunter Matthias Schulthess. «In den Geschäftsfeldern, in denen verstärkt investiert wird, herrscht Aufbruchstimmung.»

Enormer Abschlag

Der Aktienkurseinbruch von fast 60 Prozent, seit Thiam das Ruder übernommen hat, alarmiert aber viele Mitarbeiter und Anleger. Mit einem Börsenwert von 22 Milliarden Franken ist die Bank noch gut halb so viel wert, wie bei einer Liquidation des Konzerns übrig bliebe.

Diesen enormen Abschlag erklärt Barclays-Analyst Jeremy Sigee mit den drohenden Milliarden-Kosten für Rechtsstreitigkeiten. Obwohl Thiam schon sechs Milliarden Franken an Kapital aufgenommen hat und der Konzern inzwischen wetterfester ist, befürchten Anleger, dass das nicht genug sein könnte.

«Thiam braucht einen Befreiungsschlag», sagt ein ehemaliger Spitzenmanager der Bank. Wenn er bis im Herbst keine besseren Zahlen zeige, dürfte der Druck der Aktionäre auf ihn massiv zunehmen.

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(sda/ccr)

Sehen Sie in der Bildergalerie oben, welche Aktienbesitzer zu den grössten CS-Verlierern zählen.