Die verdächtigen Uhren kommen sofort ins Labor. So nennt der ­Uhrenverband jenen Raum am Hauptsitz in Biel, in dem speziell ausgebildete Uhrmacher die Herkunft der Ware prüfen. «Swiss made» steht auf den oft ­teuer verkauften Schmuckstücken, welche hier landen. Zwei Tage braucht der Experte pro Uhr. Dann ist der Bericht fertig. Oft lautet das Verdikt: «Enthält kein Schweizer Uhrwerk.»

Damit ist für den Verband der Fall klar. Ohne Schweizer Uhrwerk darf hierzulande keine Uhr das Label «Swiss made» tragen. So will es das Gesetz. Doch die Strahlkraft des Gütesiegels verblasst jeden Tag mehr. Zehntausende Uhren kommen in Asien jedes Jahr als «Swiss made» auf den Markt, ohne je die Schweizer Grenze passiert zu haben. «Wir intensivieren unseren Kampf gegen den Missbrauch der Bezeichnung «Swiss»», sagt Michel Arnoux vom Verband der Schweizer Uhrenindustrie FH.

Die Organisation ist unter Zugzwang, seit die Betrüger zu neuen Tricks greifen und ihre Methoden verfeinern. Mit neuen Kleinproduktionen und Scheinadressen machen sie der FH das Leben schwer. «Wir führen gerade eine breit angelegte Untersuchung durch», sagt Arnoux. Dutzende von Briefen hat der Verband verschickt. Manchmal direkt an den Markenbesitzer, oft an einen Treuhänder. Sie sitzen überall auf der Welt. Die FH verlangt detaillierte Informationen über die Produktionsstätten der Uhren. Es existieren schon 150 Dos­siers.

Im Fokus steht vor allem China. «Chinesische Uhrenhersteller halten sich oft an gar keine Richtlinien, um so die Produktionskosten zu senken», sagt ein Chef einer Schweizer Uhrenmarke, welcher aus Furcht vor Retourkutschen nicht genannt werden will. Andere Beobachter konstatieren eine Verschärfung der Situation, seit chinesische Firmen Schweizer Traditionsmarken wie Eterna aufkaufen.

Inzwischen kämpfen die Parteien mit härteren Bandagen. An der Uhren- und Schmuckmesse «BaselWorld» in drei Wochen sind China und Hongkong mit eigenen Länderpavillons vertreten. Offenbar wurde Schweizer Traditionsmarken mit chinesischen Besitzern nahegelegt, in den China-Pavillon umzuziehen. In der Branche gilt das nicht als Stärkung dieser ­Anbieter, sondern als Ausgrenzung.

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Fehlender Code

Es ist kein Zufall, dass der Verband ­gerade jetzt aktiv wird. Die Messe in Basel ist ein Schaufenster für «Swiss made»-Produkte. Auf der Liste des Uhrenverbandes stehen Marken wie Stührling, Swiss Eagle, Swiss Expedition, Handlove, Chens, Tangin oder Ballast. Diese Marken haben die Juristen des Verbandes angeschrieben. «Wir haben den Verdacht, dass Uhren in China unter dem Label «Swiss made» verkauft werden, obschon sie nicht in der Schweiz hergestellt wurden und nicht ­immer Schweizer Uhrwerke enthalten», sagt Arnoux, der den Antifälschungsdienst leitet. Noch stehen einzelne Antworten der angeschriebenen Firmen aus. Aber der Verband ist bereits an der Auswertung. «Einige Antworten sind klar unbefriedigend und verlangen nach weiteren Abklärungen», heisst es in Biel.

Die forcierte Gangart des Verbandes hat einen einfachen Grund. Die Bezeichnung «Swiss made» ist viel Geld wert. Mindestens 30 Prozent kann ein Verkäufer mehr verlangen, wenn eine Uhr diesen Stempel trägt, im Vergleich zum identischen Modell ohne Gütesiegel. Das zeigen Untersuchungen.

In der Vergangenheit war das Spiel für die Fälschungsjäger einfacher, die Missbräuche waren eindeutiger zu erkennen. Entweder enthielt eine Uhrenmarke ein Schweizer Uhrwerk oder sie enthielt keines. Wenn also der Uhrenverband ein ­Exemplar ohne Schweizer Uhrwerk fand, konnte er direkt auf den Produzenten losgehen. Gegen die Marke Artistic Watch etwa reichte die FH in der Schweiz Klage ein. Es dauerte nicht lange und die hinter der Marke stehende Gesellschaft löste sich auf. Auch in den USA, in Indien und eben China führt man Verfahren.

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Gegen Swiss Legend läuft eine Klage, bei Swiss Mountaineer gibt es mittlerweile Anzeichen, dass die Produktion nun in der Schweiz stattfindet. Einige Marken waren für die «Handelszeitung» nicht erreichbar. Wer es war, erklärte, wo «Swiss made» draufstehe, sei auch «Swiss made» drin. Für die FH ist die Unterstützung durch ausländische ­Behörden entscheidend. Meistens sind diese kooperativ und untersagen die Bezeichnung «Swiss made», wenn in einer Uhr tatsächlich null Prozent Schweizer ­Arbeit drinsteckt.

«Dahinter steckt System»

Auf diese Situation haben die Fälscher reagiert. Inzwischen beziehen sie oftmals Schweizer Uhrwerke, fabrizieren die Uhren dann aber vollständig in Asien. Allerdings widerspricht auch das dem Schweizer Standard. Er verlangt, dass das Zusammen­bauen und die Kontrolle der Uhr in der Schweiz stattfinden muss. «Unter unseren Testkäufen haben wir viele Uhren gefunden, bei denen der Code fehlt, der Auskunft darüber gibt, wer in der Schweiz die Uhr zusammengebaut und kontrolliert hat», erzählt Arnoux. Doch in solchen ­Fällen gibt es kaum Unterstützung von ausländischen Behörden.

Damit nicht genug. Unterdessen verfolgen Fälscher ausgeklügeltere Strategien. Sie produzieren oft im Jura eine kleine Serie Uhren, welche tatsächlich alle Bedingungen von «Swiss made» erfüllen. «Diese Uhren werden dann etwa an der ‹BaselWorld› präsentiert», erzählt ein langjähriger Messebesucher. «Dahinter steckt System.» Es sind dann auch diese Uhren, die in der Schweiz käuflich sind. In der Branche spricht man von einer sogenannten Alibiproduktion, die dazu diene, den Schein des «Swiss made» zu wahren.

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In Wirklichkeit existiert neben der Alibi­produktion noch eine zweite, umfangreichere Serie, die ausschliesslich in Asien ­gefertigt und dort eben irreführenderweise als Schweizer Uhr verkauft wird. «Die ­Fälscher haben dazugelernt», erzählt ein ­Uhrenexperte. Sie wollen sich mit der kleinen Schweizer Serie absichern für den Fall, dass jemand einmal nachfragen sollte.

Aufgekaufte Traditionsmarken zur Verschleierung

Harte Beweise für solche Machenschaften sind allerdings schwierig zu erbringen. Laut Uhrenverband haben Markeninhaber nach der Konfrontation mit zwei verschieden produzierten Modellen auch schon protokollieren lassen, dem Uhrenatelier in der Schweiz sei ein Fehler unterlaufen. «‹Swiss made› ist inzwischen ein zertretenes Qualitätsmerkmal», sagt ein Uhrenhändler. In der Branche herrscht kein Zweifel, dass die Fälscher die Alibi­methode systematisch anwenden. «Die Schweiz produziert gar nicht so viele ­mechanische Uhrwerke, dass damit alle Uhren bestückt werden könnten, welche als «‹Swiss made› angepriesen werden», erzählt der Uhrenchef.

Zuletzt traten chinesische Investoren vermehrt als Käufer von Schweizer Tra­ditionsmarken auf. «Zum Teil dienen die aufgekauften Traditionsmarken der Verschleierung», sagt ein Uhrenexperte. «In einigen Fällen dürfte die Schweizer Traditionsmarke vor allem als Deckmantel für die Grossproduktion von angeblichen Swiss-made-Uhren in China fungieren.» Ein anderer Uhrenexperte meint, in einigen Fällen sei das wohl sogar die Trieb­feder für die Akquisition.

Den Kampf scheinen die Fälscher zu gewinnen. Jede Woche taucht irgendwo auf der Welt ein neues «Swiss made»-­Modell auf. Der Uhrenverband beschäftigt zwei Uhrmacher in Biel. Sie können sich nur auf grosse Fälle konzentrieren. Für alles reicht es nicht.

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