Reto Giudicetti ist viele Anfragen gewohnt. Banale und unsinnige, komplizierte und simple. Doch die Mail, die am 14. Januar bei ihm eintraf, musste Alarm auslösen. Der Pressesprecher der Bank Vontobel wurde an diesem Montagmorgen um neun Uhr mit zehn Fragen konfrontiert, die nahezu alle mit den Worten begannen: «Trifft es zu, dass ...?» Es war eine Anfrage des Hamburger Nachrichtenmagazins «Stern», und Giudicetti sollte die Antworten rasch, noch im Laufe des Tages, liefern. Die Fragen drehten sich um das Trading-Konto eines deutschen Fussballfunktionärs, auf dem dreistellige Millionenbeträge bewegt worden sein sollen. Die Fragen waren konkret, und sie liessen erahnen, dass die «Stern»-Reporter über streng vertrauliche Interna Bescheid wussten.

An diesem Tag nahm die Affäre Hoeness ihren Lauf, die innert Tagen das Idol einer ganzen Nation zerstörte. Ulrich Hoeness war der bayerische Kraftmensch, der treusorgende Mäzen und Unterstützer gestrauchelter Kameraden, der erfolgreiche Wurstfabrikant und gerissene Sportmanager – echt, bodenständig, ehrlich, populär. Nach seinem Eingeständnis über eine millionenschwere Steuerhinterziehung verfolgten mehr als elf Millionen Zuschauer am Fernsehbildschirm die Nachrichten und Talks über seinen Fall – mehr Zuschauer, als manche Champions-League-Spiele vor den Bildschirm locken.

Sein Fall gleicht dem Tagebuch eines verhängnisvollen Spiels gegen die Zeit. Es ist die Geschichte eines nervenstarken Spielers, der lange, zu lange auf den Ausstieg gewartet hat. BILANZ klärt über die Abläufe auf und destilliert die belastbaren Fakten aus dem Gebräu spekulativer und ernst zu nehmender Hinweise.

Den kritischen Tag beendete Vontobel-Sprecher Reto Giudicetti so, wie ein Bankensprecher in solchen Situationen gewöhnlich reagiert. Dem «Stern» sendete er um 17.51 Uhr eine knappe Mail zurück: keine Antwort. Bankgeheimnis. Eine Nachfrage beantwortete er dennoch. Es ging um die Frage, ob der Fussballmanager im Penthouse-Apartment einquartiert worden war, das sich im Neubaugebäude auf der fünften Etage befindet, in dem die Investment Banker des Geldhauses untergebracht sind. Nein, Vontobel unterhalte keine Kundenapartments, erklärte er. Ungeklärt bleibt dennoch, ob Kunden im Penthouse zum Gespräch empfangen wurden.

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Es mag sein, dass die Fragen Giudicetti völlig unvorbereitet trafen. Es kann aber auch sein, dass er bereits einige Tage zuvor erste Hinweise erhielt, wonach ein «Stern»-Reporter auf Informationen über ein Konto gestossen war, das dem deutschen Fiskus verheimlicht worden war: das Konto 4028BEA.

4028BEA war gemäss diesen Informationen ein Nummernkonto mit Unterkonti in verschiedenen Währungen. So weit war daran nichts Ungewöhnliches. Eher exklusiver war jedoch der Umstand, dass dieses Konto nicht von den Vermögensverwaltern der Bank betreut wurde, sondern von den Investment Bankern. So kümmerte sich demnach unter anderem der Devisenhandelsberater Jürg H. um den Kunden mit dem Konto 4028BEA.

Fest steht jedenfalls, dass «Stern»-­Reporter Johannes Röhrig zu diesem Zeitpunkt schon wochenlang auf der Spur des Kontos war. Anfangs recherchierte er geräuschlos, doch am Ende musste er konkrete Fragen stellen. Daher ist denkbar, dass die Recherchen schon zuvor bis zur Bank durchgedrungen waren.

Jedenfalls erschien der «Stern» am 16. Januar mit einer Story über «das geheime Fussballkonto» in Zürich (siehe «Der Fall Hoeness» auf dieser Seite). Der Name des Kontoinhabers wurde darin nicht genannt, wohl aber, dass es einem «Spitzenvertreter der Bundesliga» zuzurechnen sei. Der «Stern» nannte Konto­bewegungen in den Jahren 2000 bis 2009. Der «Kapitalstock» habe zu Beginn der Aufstellungen einige hundert Millionen Franken betragen, in Spitzenzeiten seien für das Konto bis zu 800 Millionen verzeichnet gewesen. Das Konto sei ohne Steuerabzug geführt worden. Die Story blieb ohne erkennbare öffentliche Resonanz, doch der Inhaber des Kontos musste gewarnt sein. Es wurde abgekürzt «4...A» genannt.

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Ulrich (Uli) Hoeness (61) legte sein Geständnis der millionenschweren Steuerhinterziehung Ende April gegenüber dem Münchner Nachrichtenmagazin «Focus» ab: «Ich habe im Januar über meinen Steuerberater beim Finanzamt eine Selbstanzeige eingereicht.» Erst damit wurde der Medienhype richtig entfacht und aus dem Gutmenschen ein Geächteter. Als «schwerwiegend» bezeichnete der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer seinen Fall, «enttäuscht» zeigte sich Kanzlerin Angela Merkel. Und SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück witterte Wahlkampfmunition, obwohl er früher Hoeness zu seinem Beraterkreis gezählt hatte. Trost spendeten nur noch die engsten Weggefährten wie Franz Beckenbauer: «Der Uli ist so, er kämpft an allen Fronten, er macht zehn Dinge gleichzeitig, da vergisst er halt zwischendurch mal was.»

Unpassend. «Achtbares, ehrliches und ­regelkonformes Verhalten» sei im Geschäftsalltag gefordert, erklärte Audi-Chef Rupert Stadler, der im Aufsichtsrat des FC Bayern sitzt. Damit wird klar: Hoeness passt nicht mehr. Konzerne, die ihn als Werbeträger einsetzten, bereinigten ihre Websites wie die Münchner UniCredit-Tochter HVB, die ihren «Anlageexperten» eiligst vom Netz nahm. Hoeness war nicht nur im Abseits gelandet. Er wurde ganz aus dem Spielfeld gedrängt.

Vieles über seine Geldgeschäfte bei der Bank Vontobel liegt noch im Dunkeln. So verwirrend das Bombardement der Medienberichte wirkt, so einfach ist die Quellenlage immer noch. Die Staatsanwälte, die gegen ihn ermitteln, müssen sich zwar öffentlich beschimpfen lassen, Steuergeheimnisse an die Öffentlichkeit zu zerren. Tatsächlich bestätigen sie nur, dass sie die Frage der strafbefreienden Wirksamkeit und Vollständigkeit der Selbstanzeige ermitteln. Kein Wort mehr. Denn mit jeder Indiskretion würden sie sich selbst strafbar machen. Hingegen dürfen sich die Beschuldigtenanwälte äus­sern, um die öffentliche Debatte zur Schonung ihres Klienten zu beeinflussen.

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So kommt es, dass viele Medien mangels neuer Fakten die Themenpalette ausdehnen: der Steuerhinterzieher in uns allen; die Steuertricks im alten Rom; der Einfluss auf die fussballerischen Künste der Bayern-Kicker. Schliesslich wurden demoskopische Umfragen publiziert, wer wen für wie schuldig halte, und in den deutschen TV-Talkshows schlug die Stunde der Hoeness-Versteher. Der ­Betroffene kann nur mit den wenigen Fakten dagegenhalten, die seine Lage nicht noch verschlechtern.

Für Hoeness steht dabei viel auf dem Spiel. Wenn es gut geht, dann wirkt seine Selbstanzeige strafbefreiend. Dafür muss er die Staatsanwälte überzeugen, dass seine Angaben wahrheitsgetreu und vollständig sind. Im schlimmsten Fall droht ihm aber eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Falls sich nämlich herausstellt, dass er in der Selbstanzeige über Ausmass und Umfang der Hinterziehung falsche Angaben gemacht hat. Sein Pech ist dabei auch, dass der deutsche Bundesgerichtshof 2008 einen Grundsatzentscheid über das Strafmass bei Steuer­delikten gefällt hat. Seitdem müssen Täter ab einer hinterzogenen Steuer von einer Million Euro ins Gefängnis. Dennoch sei klargestellt: Hoeness hat bis anhin zwar eine Steuerhinterziehung eingeräumt, aber bis zum rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.

Warum die Selbstanzeige? Die Analyse der Abläufe veranschaulicht die Dramatik. Zunächst behauptete Hoeness, dass er seine Selbstanzeige vorbereitet habe, nachdem ihm im Herbst 2012 bewusst geworden war, dass das deutsch-schweizerische Steuerabkommen scheitere. Er hätte somit genug Zeit gehabt, eine korrekte Selbstanzeige vorzubereiten. Dass er diese aber erst am 12. Januar, ausgerechnet an einem Samstag, beim Finanzamt Miesbach eingereicht haben will, das erklärt er mit der Ferienabwesenheit seines Steuerberaters. Die Staatsanwaltschaft gibt zum Eingangsdatum keine Auskunft. Das Motiv der Selbstanzeige ist für die Ermittler ohnehin irrelevant.

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Bei der Formulierung der Selbstanzeige ging dem Bayern-Präsidenten der deutsche Steuerberater Günter Ache (65) zur Hand. Hoeness hatte ihn vor vielen Jahren in Lenzerheide kennen gelernt. Ache hat dort eine Ferienwohnung, einsam am Waldrand gelegen. Auch Hoeness verfügte einen Spaziergang entfernt am Hügel von Lenzerheide lange Zeit über ein Domizil in einem typischen, unscheinbaren Wohnhaus an der Bot la Pala, dessen Zierbalkone eher an ein Allgäuerhaus erinnern als an ein Bündnerhaus. Beim Skifahren lernte er Ache kennen, der fortan seine Steuersachen regelte, obwohl er weit weg am Niederrhein seine Kanzlei hatte. Ache gilt unter Sportlern als äusserst beliebter Berater, doch das Wesen einer komplexen Selbstanzeige war möglicherweise nicht seine Sache. Am darauffolgenden Montag ging die «Stern»-Anfrage bei Vontobel-­Sprecher Giudicetti ein. Bereits einen Tag nach Erscheinen des «Stern»-­Berichts wurde der bayerische Finanzminister über die Selbstanzeige unterrichtet, wenig später über die eröffnete Strafuntersuchung.

Am 19. März trat Hoeness im Audimax der Technischen Universität München vor ein paar hundert Managern auf. Er zog über Spekulanten her, präsentierte sich als Unternehmer mit «Festgeldkonto», was in Deutschland als Synonym höchst seriöser Anlegerkunst gilt. Einen Tag später schlugen die Staatsanwälte zu. Sie durchsuchten seine Villa, erschienen in seinem Büro beim FC Bayern. Sie zeigten ihm einen Haftbefehl, nahmen ihn vorläufig fest, klärten ihn über seine Rechte auf. Es ist ein Moment, der selbst robuste Naturen umhauen kann. Damit wurde klar, dass die Staatsanwälte den Angaben in seiner Selbstanzeige keinen Glauben schenkten. Denn für einen Haftbefehl, der in Deutschland vom Amtsrichter ausgestellt wird, braucht es stets einen «dringenden», nicht nur einen «hinreichenden» Tatverdacht.

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Hoeness mandatierte nun den Münchner Steueranwalt Markus Gotzens und den bekannten Strafverteidiger Werner Leitner. Informationen über die Durchsuchungsaktion waren in Regierungskreisen bekannt, und auch in seinem Wohnort konnte dies aufgefallen sein. Das Nachrichtenmagazin «Focus» veröffentlichte vorab die Nachricht am Samstag, dem 20. April. Der «Stern» sendete Hoeness per Fax mehrere Fragen zum Vontobel-Konto. Am späten Abend meldete sich der Bayern-Präsident telefonisch bei «Stern»-Chefredaktor Andreas Petzold. Energisch dementierte er die hohen Summen auf dem Vontobel-Konto, von denen der «Stern» berichtete. Höchstens 20 Millionen habe er auf ­seinem Konto gehabt. Rein zufällig habe er die Selbstanzeige an jenem Wochenende eingereicht, als sich das Magazin bei der Bank nach dem Konto 4028BEA ­erkundigt hatte. Aber erstmalig bestätigte er, dass es sich um die Bank Vontobel handle.

Am Morgen des 24. April meldete sich der federführende Münchner Staatsanwalt Achim von Engel beim «Stern». Er bat den Reporter Johannes Röhrig um eine Einvernahme. Die Redaktion lehnte dies unter Berufung auf das Redaktionsgeheimnis ab und verwies auf ihren kommenden Bericht. Staatsanwalt von Engel hielt dies in einer Aktennotiz fest. Somit war klar, was Hoeness nur scheibchenweise einräumte. Es geht um Depots bei der Bank Vontobel, die Ermittler sind auf der Spur jenes mysteriösen Kontos 4028BEA, über das dreistellige Millionenwerte bewegt wurden. Er wird den Staatsanwälten den grossen Zufall erklären müssen, warum er sich ausgerechnet zeitnah zu den «Stern»-Recherchen anzeigte, und die Staatsanwälte prüfen offensichtlich, ob Hoeness weitere Vermögen verschwiegen hat.

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Zwei Geschichten. 20 Millionen oder 800 Millionen? Die Geschichten liegen weit auseinander, und die Wahrheit ist noch längst nicht restlos aufgeklärt. Die Hoeness-Geschichte geht so: Uli Hoeness hat vor dem Jahr 2000 von seinem Freund Robert Louis-Dreyfus fünf Millionen Franken als Darlehen erhalten und fünfzehn Millionen als Bürgschaft. Diese Erklärung hat Vorteile: Denn so kam das Geld vor der zehnjährigen Verjährungsfrist einer Steuerhinterziehung aufs Konto. Hoeness müsste dazu nichts deklarieren, und auch die Einkommenssteuerpflicht entfiele, weil Einkünfte neben den Kapitalerträgen nur während dieser Zehn-Jahres-Periode relevant sind.

Nun, der Zeuge Louis-Dreyfus ist tot. Seine Witwe Margarita Louis-Dreyfus ­erklärt gegenüber der BILANZ: «Von ­angeblichen finanziellen Transaktionen zwischen meinem verstorbenen Mann und Uli Hoeness weiss ich nichts. Ich habe davon zum ersten Mal am 22. April 2013 durch die Presse erfahren und kann und werde dazu nicht weiter Stellung nehmen. Aber ich weiss, dass Robert bei allen seinen Entscheidungen an sich selbst stets höchste moralische Ansprüche gestellt und diese auch eingehalten hat.» Auch der Adidas-Konzern reagierte auf Mutmassungen, dass ihr Ex-Manager Louis-Dreyfus zweifelhafte Gegengeschäfte mit Hoeness abgewickelt haben könnte: Louis-Dreyfus sei «nicht in die Verhandlungen über eine strategische Partnerschaft mit dem FC Bayern München involviert» gewesen (siehe «Win-win-Strategie», Seite 42).

Nach den «Stern»-Informationen floss der grösste Teil des Geldes zwischen Sommer 2008 und Sommer 2009 ab – mit unbekanntem Ziel via Kontoverbindungen von anderen Schweizer Banken. Es ist heute kein grosses Geheimnis mehr, dass die Bank Vontobel ihre Kunden seit 2007 dazu drängte, ihre Steuersituation zu klären. Doch gerade prominente Kunden hätten sich lange gesträubt. Sie erwiesen sich oft als weitgehend beratungsresistent, überzeugt von der Richtigkeit ihres eigenen Weges, der sie schliesslich bis an die Spitze der Gesellschaft gebracht hatte. So erzählt es ein Vontobel-Kadermann.

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«Ich bin ein Mann, der mal spekuliert», erzählte Hoeness noch freimütig im August 2012 in einem Video-Interview: «Und ansonsten bin ich wirklich sehr aufgeschlossen auch für Aktienkäufe, auch mal für eine Devisenspekulation. Aber das sind alles Dinge, die ich selbst entscheide – da brauche ich keine Berater.»

Dafür hatte er meistens einen kleinen Pager in seiner Hand. Viele, die ihn gut kannten, erinnern sich, wie er regel­mässig die Kurse darauf checkte. Auch Sportjournalisten sahen ihn so, selbst auf der Trainerbank. «Hoeness klebte förmlich an dem kleinen Display», berichtete ein Reporter.

Ein weiterer Vontobel-Mann, der Hoeness öfter erlebte, erzählt, dass dieser «höchst aktiv mit Devisen gehandelt hat». Es ist nicht das Bild eines suchtkranken Spielers, sondern das des Devisenprofis, der sein Geschäft verstand. Der Insider bescheinigte Hoeness alle Fähigkeiten, die einen Devisenhändler erfolgreich machen: starke Nerven und Risikobereitschaft. Intern sei im Investment Banking des Geldhauses an der Zürcher Tödistrasse bekannt gewesen, dass der ehemalige Aussenstürmer hohe Devisenpositionen bewegte. Yen gegen Dollar sei seine bevorzugte Wette gewesen. Zudem habe er grosse Aktienpositionen gehalten, zum Beispiel Papiere der Deutschen Telekom. Selbst in der Geschäftsleitung sei zeitweise über seine Devisengeschäfte gesprochen worden.

Gewinne mit grossem Hebel. Hoeness kam in den wilden Jahren der Internet-Euphorie zur Bank Vontobel. Im Investment Banking schlug die Stunde der schnellen Gewinne, der vorschnellen Börsengänge und der eigenmächtigen, risikofreudigen Dealer. Die Regeln waren locker. Nicht selten sind im Devisenhandel die Handelspositionen nur mit zehn Prozent gedeckt. Wer als guter Kunde 20 Millionen einsetzt, kann mit 200 Millionen in den Markt gehen. Das alles liesse sich eigentlich erklären.

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Die Fachwelt diskutiert den Fall Hoeness intensiv. «Eine Durchsuchung oder einen Haftbefehl habe ich nach einer Selbstanzeige noch nie erlebt», sagt der Zürcher Steuerexperte Rainer Krieg, der über 200 Selbstanzeigen eingereicht hat. «Die umfangreichen Aktivitäten der ­Ermittler mit Durchsuchungen sind aus­sergewöhnlich», berichtet das Juristen-Fachorgan «Juve».

Besonders knifflig ist die Selbstanzeige im Fall von Devisentransaktionen. Wenn täglich zahlreiche Trades stattfanden, dann lassen sie sich rückwirkend nur mit hohem Zeitaufwand bei der Bank lückenlos dokumentieren. Doch auch dies ist fachgerecht machbar. «In Eilfällen sind wir klassischerweise mit Mandanten konfrontiert, die ohne Bankunterlagen zu uns kommen», berichtet der Berliner Steueranwalt Klaus Olbing. Er hat bereits Hunderte Selbstanzeigen erfolgreich durchgeführt, für Kleinunternehmer wie Konzernlenker, für Politiker von Links-Grün bis Gelb-Schwarz, für Journalisten und sogar für Finanzamtsvorsteher, aber auch für kleine Rentner. «Da wir in der Regel keine Zeit haben, die Bankunterlagen anzufordern und auszuwerten, müssen wir zweistufig vorgehen. Zunächst schätzen wir die nachzuerklärenden Beträge und unterstellen, soweit es nur um verschwiegene Zinserträge geht, vorsorglich Höchstrenditen von zehn Prozent. Und das alles runden wir auch noch nach oben auf», sagt Olbing. Das Vorgehen muss offengelegt werden. In einem zweiten Schritt werden die Belege dann eingeholt, ausgewertet und dem Finanzamt nachgereicht. Abgerechnet wird später, wobei sich meist her­ausstellt, dass die vermuteten Kapitalerträge niedriger sind. Im Fall von hochfrequenten Devisengeschäften müssten auch die Gewinne aus den Einzelgeschäften grosszügig geschätzt und die Einnahmen vorsorglich auch als gewerblich deklariert werden. Und über ein enttarntes Konto darf die Bank auf keinen Fall unvollständige Belege abliefern, sie darf allenfalls ein noch unbekanntes Konto verschweigen.

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Dies ist für erfahrene Steueranwälte Routine. «Die Kunst aber», so Olbing, «besteht darin, mit dem Klienten den Lebenssachverhalt über zehn Jahre hinweg akribisch abzufragen.» Dabei muss der Anwalt auch an Dinge denken, die der Mandant verdrängt hat.

Wenn die Selbstanzeige auch nur teilweise falsch und unvollständig ist, ist sie gesamthaft unwirksam, der Fall kommt zur Anklage. Das ist die Tücke der Selbstanzeige: «Es gilt das Hopp-oder-Top-Prinzip», sagt Olbing. «Man hat nur einen Schuss, und der muss sitzen.»