Wer von Zürich aus mit dem Zug der Limmat folgt, sieht es kurz vor dem Bahnhof Schlieren: Das Gebäude, in dem die Offset-Rotationsmaschine steht, die seit September 2004 die «Neue Zürcher Zeitung» druckt. Der Betrieb an diesem Standort soll eingestellt werden, kündigte die NZZ nun an, einen Monat vor Weihnachten. 125 Arbeitsplätze gehen verloren. Betriebswirtschaftlich allerdings ists ein überfälliger Entscheid. Ausgerechnet über die Druck­maschinen der Lokalkonkurrenz von Tamedia soll das im Januar 235 Jahre alt werdende Traditionsblatt laufen.

Der Medienwandel macht die Spielräume enger. Ex-McKinsey-Berater Veit Dengler, der von Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod 2013 eingesetzte Chef, spart, restrukturiert, baut um, kauft sich Zeit und sammelt Geld für Investitionen. Seine Ankündigung, die NZZ ganz auf die Publizistik auszurichten, macht Leser und Journalisten glücklich. Es stellt sich die Frage, ob er und sein Team ausreichend Ideen haben für neue Produkte, die Umsatz und Gewinn einbringen. Das braucht es dringend, seit die traditionellen Einnahmequellen jedes Jahr etwas mehr wegbrechen.

Publizistik und Konferenzen im Fokus

Neben dem Bereich Publizistik hat die NZZ-Mediengruppe bisher mit dem Online-Diätprogramm E-Balance und dem Konferenzgeschäft Geld verdient – man hält die Aktienmehrheit an der SEF-Gruppe, die das Swiss Economic Forum organisiert. Diese Einnahmen sollen erhalten und ausgebaut werden.

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Viel erwartet die NZZ auch vom Informationsdienst Moneyhouse.ch. Offenbar eher schwierig umsetzbar sind die Synergien, die man sich von Beteiligungen wie Qontis oder Mydepotcheck.com versprochen hat, weshalb nun externe Beratungsfirmen wie PricewaterhouseCoopers damit beauftragt wurden, die Strategien dazu zu verfeinern – eine schöne Pointe im neu von McKinsey dominierten Haus. Von den drei jungen McKinsey-Beratern, die Dengler zu Beginn seiner Amtszeit einstellte, sind allerdings zwei schon wieder weg.

Medienwandel gefährdet eigene Existenz

Mit Mydepotcheck.com ist man inzwischen nicht mehr verbunden, eine Trennung von Qontis kann die NZZ-Medienstelle nicht bestätigen. Gescheitert ist auch die Integration des Magazins «Swiss Equity» als monatliche Beilage der NZZ. Sie wird Ende des Jahres eingestellt.

Aktuell macht das Medienhaus den Eindruck eines Rehs im Licht herannahender Scheinwerfer. Die Gefahr des Medienwandels für die eigene Existenz wurde erkannt und auch, dass man rasch handeln muss, um ihr zu entgehen. Also rennen. Doch wohin? Die NZZ hat das Problem aller Medienhäuser im Wandel: Wie sind neue, junge, im Idealfall bezahlende Leser zu erreichen, ohne die bezahlende, aber wegsterbende Leserschaft zu vergraulen?

Pilotprojekt in Österreich

Ein Ausweg aus der Problemlage sind Projektteams wie das seit 2011 bestehende NZZ Labs, das frei von Verpflichtungen neue Ideen angehen soll (in der Realität aber meist mit anderen Aufgaben beschäftigt war). Freier entwickeln kann sich ­Nzz.at, das unter der Führung des ehemaligen Chefredaktors der österreichischen Tageszeitung «Die Presse», Michael Fleischhacker, ergründen soll, ob sich ein Ableger in Österreich lohnt. Noch ist die State-of-the-Art-Digitalzeitung («14 Euro im Monat, ohne Bindungsfrist, monatlich kündbar») der breiten Öffentlichkeit erst unter Beta.nzz.at zugänglich, doch die Tauglichkeit als Pilotprojekt hat es schon bewiesen. Die Annahme, dass die von seriösem Journalismus nicht gerade verwöhnte Zeitungslandschaft Österreichs positiv auf die Qualitätsinformationen der NZZ ansprechen könnte, ist nicht abwegig, und auch Deutschland könnte in vielen Fragen eine alternative Sichtweise gut vertragen.

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Dem Umbau fällt auch NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann zum Opfer. Er tritt per Ende Jahr zurück, offiziell weil man die «publizistische Leitung neu organisieren» will. Interimistisch werden die drei stellvertretenden Chefredaktoren René Zeller, Luzi Bernet und Colette Gradwohl die Führung der Redaktion der «Neuen Zürcher Zeitung» übernehmen und so die Kontinuität sicherstellen.

Den Geist aufgegeben

Spillmann war seit April 2006 im Amt und war lange erstaunlich unbestritten. Nicht ohne Grund, denn seine herausragendste Kompetenz ist Machtpolitik in eigener Sache. Wenn ein neuer Verwaltungsratspräsident kam, suchte und fand er sofort den Schulterschluss, so geschehen mit Conrad Meyer, Konrad Hummler (2011), Franz Steinegger (2012) und Etienne Jornod (seit 2013). Um Schaden von sich selbst abzuwenden, belastete Spillmann auch mal ­Mitarbeiter, wie kürzlich die NZZ-Wirtschaftskorrespondentin in New York erfahren musste.

Sie hatte in einem Kommentar die Art des Coming-outs von Apple-CEO Tim Cook bemängelt, worauf sie nach Kritik daran von ihrem Chef­redaktor öffentlich auf Twitter verurteilt wurde: «Unser Kommentar ist Fehlleistung. Kontrolle versagt. Bedaure das.» «Comment is free?» Nicht immer also. Die «Süddeutsche Zeitung» verurteilte sein Vorgehen ungewohnt drastisch: «In diesem Herbst hat die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) ihren Geist aufgegeben.» Nach dem Vorfall sahen sich NZZ-Kommentatoren plötzlich einem die Texte genau lesenden und redigierenden Spillmann gegenüber. Ein Chefredaktor, der sich vor der öffentlichen Meinung fürchtet und sich nach ihr richtet? Das ist verheerend. Doch auch Kommunikation war eine Schwäche des Solidität verbreitenden Chefredaktors. So fiel einem Mitglied der Chefredaktion bei einer Ressortleiter-Sitzung plötzlich auf, dass es nicht mehr im Organigramm aufgeführt war – mitgeteilt wurde die Trennung erst später.

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Kein Feuer für neue Ideen

Der Chef verkaufte sich gerne als überzeugter Onliner. Doch wenn ihm Mitarbeiter konkrete, auch tiefgreifende Veränderungen vorschlugen, hiess es forsch, man müsse das, wenn schon, viel radikaler durchziehen – und machte dann gar nichts. Publizistisch führte Spillmann einen vorsichtigen Kurs, ohne Feuer für neue Ideen und Entwicklungen. Manche intern hielten ihn für eine Kopie seines Vorgängers Hugo Bütler. Politisch deckt sich das Blatt mit der FDP und verlor entsprechend gemeinsam mit ihr an Bedeutung und Glanz.

Der vieldiskutierte Print-Relaunch unter dem Titel «Neo» soll nun in der dritten, stark abgespeckten Version doch noch umgesetzt werden. Das ursprüngliche Konzept, das mit einem Bund weniger auskommen wollte und auf Hintergründe sowie eine starke Samstagsausgabe setzte, kam der «NZZ am Sonntag» in den Weg.

Schlecht gelesener Wirtschaftsteil

Was passiert in den Redaktionen? Die Fachressorts sollen ab 2015 weiter von Produktionsfragen entlastet werden, diese Aufgaben übernehmen der Newsroom für die Website und eine Printproduktionsabteilung für die Zeitung. Die Wirtschaftsredaktion unter Peter A. Fischer ist mit über 30 Mitarbeitern nach wie vor überaus üppig dotiert, wie selbst Wirtschaftsredaktoren einräumen. Hinzu kommt, dass viele der von ihnen produzierten Texte kaum gelesen werden.

Ein Readerscan-Untersuchung bei 92 Lesern ergab, dass die Texte des zweiten Bundes - Wirtschaft/Börse - mit einer Lesequote von 8,2 Prozent mit Abstand das schlechteste Ergebnis erzielten und zahlreiche Wirtschaftsartikel eine Quote von 0,0 Prozent erlangen. Trockenes Fazit: Wirtschaftsaffine Leser lesen den Wirtschaftsteil unterdurchschnittlich.

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Neuen Projekten genügend Zeit einräumen

Wie alle Medienunternehmen wird sich die NZZ fragen müssen, was eigentlich ihre einzigartige und unverwechselbare Leistung ist. Kann sie künftig mit General Interest Geld verdienen? Oder produziert sie Informationen, die darüber hinausgehen und für die Kunden zu zahlen bereit sind? Es gibt Stimmen, die sagen, die Arbeit von Veit Dengler müsse von seinem Nachfolger dereinst mühsam wieder rückgängig gemacht werden.

Doch das ist unfair. Die neuen Projekte benötigen Zeit, um Umsatz und Gewinn abwerfen zu können. Einen Vorteil gegenüber vielen Firmen im Zeitungsgeschäft hat das wahrlich schwierige Aufgaben zu bewältigende Führungsteam bereits: Es hat die Kraft des Internets, das alle Kommunikationsbranchen umkrempelt, erkannt.